Lenau, Nikolaus: Gedichte. Stuttgart, 1832.Sein Auge folgt am Wiesenplan Der Unschuld fröhlichen Streichen; Da jauchzt ein Knabe zu ihm heran, Ihm eine Blume zu reichen. Der Alte nimmt sie lächelnd hin, Und streichelt den schönen Jungen, Und will liebkosend ihn näher ziehn; Der aber ist wieder entsprungen. Und wie der Greis nun die Blume hält, Und ansieht immer genauer, Ein ernstes Sinnen ihn überfällt, Halb Freud', und milde Trauer. Er hält die Blume so inniglich, Die ihm das Kind erkoren, Als hätte seine Seele sich Ganz in die Blume verloren. Als fühlt' er sich gar nah verwandt
Der Blume, erdentsprossen, Als hätte die Blum' ihn leise genannt Ihren lieben, trauten Genossen. Sein Auge folgt am Wieſenplan Der Unſchuld froͤhlichen Streichen; Da jauchzt ein Knabe zu ihm heran, Ihm eine Blume zu reichen. Der Alte nimmt ſie laͤchelnd hin, Und ſtreichelt den ſchoͤnen Jungen, Und will liebkoſend ihn naͤher ziehn; Der aber iſt wieder entſprungen. Und wie der Greis nun die Blume haͤlt, Und anſieht immer genauer, Ein ernſtes Sinnen ihn uͤberfaͤllt, Halb Freud', und milde Trauer. Er haͤlt die Blume ſo inniglich, Die ihm das Kind erkoren, Als haͤtte ſeine Seele ſich Ganz in die Blume verloren. Als fuͤhlt' er ſich gar nah verwandt
Der Blume, erdentſproſſen, Als haͤtte die Blum' ihn leiſe genannt Ihren lieben, trauten Genoſſen. <TEI> <text> <body> <div n="1"> <div n="2"> <lg type="poem"> <pb facs="#f0154" n="140"/> <lg n="5"> <l>Sein Auge folgt am Wieſenplan</l><lb/> <l>Der Unſchuld froͤhlichen Streichen;</l><lb/> <l>Da jauchzt ein Knabe zu ihm heran,</l><lb/> <l>Ihm eine Blume zu reichen.</l><lb/> </lg> <lg n="6"> <l>Der Alte nimmt ſie laͤchelnd hin,</l><lb/> <l>Und ſtreichelt den ſchoͤnen Jungen,</l><lb/> <l>Und will liebkoſend ihn naͤher ziehn;</l><lb/> <l>Der aber iſt wieder entſprungen.</l><lb/> </lg> <lg n="7"> <l>Und wie der Greis nun die Blume haͤlt,</l><lb/> <l>Und anſieht immer genauer,</l><lb/> <l>Ein ernſtes Sinnen ihn uͤberfaͤllt,</l><lb/> <l>Halb Freud', und milde Trauer.</l><lb/> </lg> <lg n="8"> <l>Er haͤlt die Blume ſo inniglich,</l><lb/> <l>Die ihm das Kind erkoren,</l><lb/> <l>Als haͤtte ſeine Seele ſich</l><lb/> <l>Ganz in die Blume verloren.</l><lb/> </lg> <lg n="9"> <l>Als fuͤhlt' er ſich gar nah verwandt</l><lb/> <l>Der Blume, erdentſproſſen,</l><lb/> <l>Als haͤtte die Blum' ihn leiſe genannt</l><lb/> <l>Ihren lieben, trauten Genoſſen.</l><lb/> </lg> </lg> </div> </div> </body> </text> </TEI> [140/0154]
Sein Auge folgt am Wieſenplan
Der Unſchuld froͤhlichen Streichen;
Da jauchzt ein Knabe zu ihm heran,
Ihm eine Blume zu reichen.
Der Alte nimmt ſie laͤchelnd hin,
Und ſtreichelt den ſchoͤnen Jungen,
Und will liebkoſend ihn naͤher ziehn;
Der aber iſt wieder entſprungen.
Und wie der Greis nun die Blume haͤlt,
Und anſieht immer genauer,
Ein ernſtes Sinnen ihn uͤberfaͤllt,
Halb Freud', und milde Trauer.
Er haͤlt die Blume ſo inniglich,
Die ihm das Kind erkoren,
Als haͤtte ſeine Seele ſich
Ganz in die Blume verloren.
Als fuͤhlt' er ſich gar nah verwandt
Der Blume, erdentſproſſen,
Als haͤtte die Blum' ihn leiſe genannt
Ihren lieben, trauten Genoſſen.
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| Zitationshilfe: | Lenau, Nikolaus: Gedichte. Stuttgart, 1832, S. 140. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/lenau_gedichte_1832/154>, abgerufen am 10.08.2024. |


