Lenau, Nikolaus: Gedichte. Stuttgart, 1832.Frage. Mir hat noch deine Stimme nicht geklungen, Ich sah nur erst dein holdes Angesicht; Doch hat der Strom der Schönheit mich bezwungen, Der hell von dir in meine Seele bricht. In's Tiefste ist er mächtig mir gedrungen, Was dort bis nun gelebt, nun lebt es nicht, Süß sterbend ward es von der Fluth verschlungen. Das ist der Liebe himmlisches Gericht! O daß mein kühnes Hoffen, banges Zagen, Ein milder Spruch aus deinem Munde grüßte! Die Wellen, die so laut mein Herz durchschlagen, Wohin doch werden sie die Seele tragen? An der Erhörung Paradiesesküste? -- In der Verstoßung trauervolle Wüste? -- Frage. Mir hat noch deine Stimme nicht geklungen, Ich ſah nur erſt dein holdes Angeſicht; Doch hat der Strom der Schoͤnheit mich bezwungen, Der hell von dir in meine Seele bricht. In's Tiefſte iſt er maͤchtig mir gedrungen, Was dort bis nun gelebt, nun lebt es nicht, Suͤß ſterbend ward es von der Fluth verſchlungen. Das iſt der Liebe himmliſches Gericht! O daß mein kuͤhnes Hoffen, banges Zagen, Ein milder Spruch aus deinem Munde gruͤßte! Die Wellen, die ſo laut mein Herz durchſchlagen, Wohin doch werden ſie die Seele tragen? An der Erhoͤrung Paradieſeskuͤſte? — In der Verſtoßung trauervolle Wuͤſte? — <TEI> <text> <body> <div n="1"> <div n="2"> <pb facs="#f0060" n="46"/> </div> <div n="2"> <head> <hi rendition="#b #g">Frage</hi> <hi rendition="#b">.</hi><lb/> </head> <milestone rendition="#hr" unit="section"/> <lg type="poem"> <lg n="1"> <l><hi rendition="#in">M</hi>ir hat noch deine Stimme nicht geklungen,</l><lb/> <l>Ich ſah nur erſt dein holdes Angeſicht;</l><lb/> <l>Doch hat der Strom der Schoͤnheit mich bezwungen,</l><lb/> <l>Der hell von dir in meine Seele bricht.</l><lb/> </lg> <lg n="2"> <l>In's Tiefſte iſt er maͤchtig mir gedrungen,</l><lb/> <l>Was dort bis nun gelebt, nun lebt es nicht,</l><lb/> <l>Suͤß ſterbend ward es von der Fluth verſchlungen.</l><lb/> <l>Das iſt der Liebe himmliſches Gericht!</l><lb/> </lg> <lg n="3"> <l>O daß mein kuͤhnes Hoffen, banges Zagen,</l><lb/> <l>Ein milder Spruch aus deinem Munde gruͤßte!</l><lb/> <l>Die Wellen, die ſo laut mein Herz durchſchlagen,</l><lb/> </lg> <lg n="4"> <l>Wohin doch werden ſie die Seele tragen?</l><lb/> <l>An der Erhoͤrung Paradieſeskuͤſte? —</l><lb/> <l>In der Verſtoßung trauervolle Wuͤſte? —</l><lb/> </lg> </lg> <milestone rendition="#hr" unit="section"/> </div> </div> </body> </text> </TEI> [46/0060]
Frage.
Mir hat noch deine Stimme nicht geklungen,
Ich ſah nur erſt dein holdes Angeſicht;
Doch hat der Strom der Schoͤnheit mich bezwungen,
Der hell von dir in meine Seele bricht.
In's Tiefſte iſt er maͤchtig mir gedrungen,
Was dort bis nun gelebt, nun lebt es nicht,
Suͤß ſterbend ward es von der Fluth verſchlungen.
Das iſt der Liebe himmliſches Gericht!
O daß mein kuͤhnes Hoffen, banges Zagen,
Ein milder Spruch aus deinem Munde gruͤßte!
Die Wellen, die ſo laut mein Herz durchſchlagen,
Wohin doch werden ſie die Seele tragen?
An der Erhoͤrung Paradieſeskuͤſte? —
In der Verſtoßung trauervolle Wuͤſte? —
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| Zitationshilfe: | Lenau, Nikolaus: Gedichte. Stuttgart, 1832, S. 46. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/lenau_gedichte_1832/60>, abgerufen am 10.08.2024. |


