Lenau, Nikolaus: Gedichte. Stuttgart, 1832.Ghasel. Du, schöne Stunde, warst mir hold, so hold, wie keine noch, Ich seh' dein Angesicht erglüh'n im Rosenscheine noch; So sah den Engel Gottes einst mit Wangen freudenroth Im Paradiese lächelnd nah'n der Mensch, der reine noch. Du kamst mit ihr und flohst mit ihr, und seit ich euch verlor, Versehnt' ich manchen trüben Tag in jenem Haine noch, Und fragte weinend mein Geschick: "bewahrst in deinem Schatz So holde Stunde du für mich nicht eine, eine noch?" Dort mocht' ich lauschen spät und früh: wohl flüsterts im Gezweig', Doch immer schweigt noch mein Geschick -- ich lausch' und weine noch. Ghasel. Du, ſchoͤne Stunde, warſt mir hold, ſo hold, wie keine noch, Ich ſeh' dein Angeſicht ergluͤh'n im Roſenſcheine noch; So ſah den Engel Gottes einſt mit Wangen freudenroth Im Paradieſe laͤchelnd nah'n der Menſch, der reine noch. Du kamſt mit ihr und flohſt mit ihr, und ſeit ich euch verlor, Verſehnt' ich manchen truͤben Tag in jenem Haine noch, Und fragte weinend mein Geſchick: „bewahrſt in deinem Schatz So holde Stunde du fuͤr mich nicht eine, eine noch?“ Dort mocht' ich lauſchen ſpaͤt und fruͤh: wohl fluͤſterts im Gezweig', Doch immer ſchweigt noch mein Geſchick — ich lauſch' und weine noch. <TEI> <text> <body> <div n="1"> <div n="2"> <pb facs="#f0067" n="53"/> </div> <div n="2"> <head> <hi rendition="#b #g">Ghasel</hi> <hi rendition="#b">.</hi><lb/> </head> <milestone rendition="#hr" unit="section"/> <lg type="poem"> <l><hi rendition="#in">D</hi>u, ſchoͤne Stunde, warſt mir hold, ſo hold, wie keine noch,</l><lb/> <l>Ich ſeh' dein Angeſicht ergluͤh'n im Roſenſcheine noch;</l><lb/> <l>So ſah den Engel Gottes einſt mit Wangen freudenroth</l><lb/> <l>Im Paradieſe laͤchelnd nah'n der Menſch, der reine noch.</l><lb/> <l>Du kamſt mit <hi rendition="#g">ihr</hi> und flohſt mit ihr, und ſeit ich euch verlor,</l><lb/> <l>Verſehnt' ich manchen truͤben Tag in jenem Haine noch,</l><lb/> <l>Und fragte weinend mein Geſchick: „bewahrſt in deinem Schatz</l><lb/> <l>So holde Stunde du fuͤr mich nicht eine, eine noch?“</l><lb/> <l>Dort mocht' ich lauſchen ſpaͤt und fruͤh: wohl fluͤſterts im</l><lb/> <l>Gezweig',</l><lb/> <l>Doch immer ſchweigt noch mein Geſchick — ich lauſch' und</l><lb/> <l>weine noch.</l><lb/> </lg> <milestone rendition="#hr" unit="section"/> </div> </div> </body> </text> </TEI> [53/0067]
Ghasel.
Du, ſchoͤne Stunde, warſt mir hold, ſo hold, wie keine noch,
Ich ſeh' dein Angeſicht ergluͤh'n im Roſenſcheine noch;
So ſah den Engel Gottes einſt mit Wangen freudenroth
Im Paradieſe laͤchelnd nah'n der Menſch, der reine noch.
Du kamſt mit ihr und flohſt mit ihr, und ſeit ich euch verlor,
Verſehnt' ich manchen truͤben Tag in jenem Haine noch,
Und fragte weinend mein Geſchick: „bewahrſt in deinem Schatz
So holde Stunde du fuͤr mich nicht eine, eine noch?“
Dort mocht' ich lauſchen ſpaͤt und fruͤh: wohl fluͤſterts im
Gezweig',
Doch immer ſchweigt noch mein Geſchick — ich lauſch' und
weine noch.
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| Zitationshilfe: | Lenau, Nikolaus: Gedichte. Stuttgart, 1832, S. 53. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/lenau_gedichte_1832/67>, abgerufen am 10.08.2024. |


