Leskien, August: Die Declination im Slavisch-Litauischen und Germanischen. Leipzig, 1876.a. Declination der Nomina. unvaurstvon- (Müssige), fem. zu vaurstvan-, daura-vardon- neben daura-varda fem. zu daura-varda- msc.; gamarkon- (Grenznachbarin) zu marka; malon- (Motte) zu malan; vinthi-skauron- (Wurfschaufel). Es ist von vornherein klar, dass hier nicht unmittelbar ein Suffix -an- zu 2. Eine weit zahlreichere Classe besteht aus Abstracten und zwar a) Verbalabstracten: armaion- zu arman, das Erbarmen, brinnon- zu brinnan, Fieber, eigentl. "Brand", driuson- zu driusan, Abhang, eigentl. "Fall", reiron- zu reiran, Zittern, rinnon- zu rinnan, Bach, vgl. Fluss: fliessen, vinnon- zu vinnan, Leiden u. s. w. b) von Adjectiven: fullon- Fülle zu fulla-, heiton- Hitze, Fieber, zu einem Adjectiv * heita-, aglon- zu agla-, Trübsal, gariudjon-, Ehrbarkeit, zu gariuds, Stamm -riuda-. Dass in dieser Kategorie von Worten dasselbe Suffix -a oder -ja ursprünglich a. Declination der Nomina. unvaurstvōn- (Müssige), fem. zu vaurstvan-, daura-vardōn- neben daura-varda fem. zu daura-varda- msc.; gamarkōn- (Grenznachbarin) zu marka; malōn- (Motte) zu malan; vinþi-skaurōn- (Wurfschaufel). Es ist von vornherein klar, dass hier nicht unmittelbar ein Suffix -an- zu 2. Eine weit zahlreichere Classe besteht aus Abstracten und zwar a) Verbalabstracten: armaiōn- zu arman, das Erbarmen, brinnōn- zu brinnan, Fieber, eigentl. «Brand», driusōn- zu driusan, Abhang, eigentl. «Fall», reirōn- zu reiran, Zittern, rinnōn- zu rinnan, Bach, vgl. Fluss: fliessen, vinnōn- zu vinnan, Leiden u. s. w. b) von Adjectiven: fullōn- Fülle zu fulla-, heitōn- Hitze, Fieber, zu einem Adjectiv * heita-, aglōn- zu agla-, Trübsal, gariudjōn-, Ehrbarkeit, zu gariuds, Stamm -riuda-. Dass in dieser Kategorie von Worten dasselbe Suffix -ā oder -jā ursprünglich <TEI> <text> <body> <div n="1"> <div n="2"> <div n="3"> <div n="4"> <pb facs="#f0130" n="94"/> <fw place="top" type="header"><hi rendition="#k">a. 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a. Declination der Nomina.
unvaurstvōn- (Müssige), fem. zu vaurstvan-,
daura-vardōn- neben daura-varda fem. zu daura-varda- msc.;
gamarkōn- (Grenznachbarin) zu marka;
malōn- (Motte) zu malan;
vinþi-skaurōn- (Wurfschaufel).
Es ist von vornherein klar, dass hier nicht unmittelbar ein Suffix -an- zu
Grunde liegen kann, denn an diesem konnte ein Genusunterschied ursprünglich
nicht ausgedrückt werden, daher denn im Griechischen ἡ ἀηδών, ὁ und ἡ ἀρηγών.
Sollte das Femininum kenntlich gemacht werden, so konnte es nur durch ein
neues Suffix geschehen, griech. τέκταινα zu τέκτων u. a., skrt. râǵńī d. i. *râ-
ǵan-jā zu râǵan-. Das ist im Gotischen nicht geschehen, jene gotischen Femi-
nina sind also germanische Neubildungen, und zwar, wie mir unzweifelhaft scheint,
Analogiebildungen: wie dem msc. auf -a ein fem. auf -ā gegenübersteht, vgl.
daura-varda- msc. zu daura-vardā fem., so stellte die Sprache neben das alte
-an- ein jüngeres -ān-, d. i. -ōn-. Das Bedürfniss, besondere Bezeichnungen für
das femininale nom. ag. zu haben, ist in den Sprachen, wie es scheint, über-
haupt jüngeren Ursprungs: die ältesten Verwandtschaftsnamen auf -tar- unter-
scheiden die Genera nicht; das Slavische hat neben dem aus älterem -tar- der
nom. ag. weiter gebildeten msc. -tarja-, nom. sg. -teljĭ (da-teljĭ, dator), kein fem.,
obwohl es ganz einfach gewesen wäre, das entsprechende Femininum *dateljā zu
brauchen; das Griechische und Sanskrit verwenden -jā zur Femininalbildung,
δότειρα, dātrī = *dātarjā, lateinisch wieder -īc-, sodass die Sprachen weder ein
völliges Durchführen des Genusunterschiedes zeigen noch in der Formation des
fem. übereinstimmen. Im Germanischen werden alte Feminina auf -ā mit dem
Sinne eines nom. ag. wie -vardā zur Bildung der -ān-formen beigetragen haben:
man hatte also alte nom. ag. auf -a msc. gen. (-varda-), eine weit grössere An-
zahl dagegen von solchen in der Sprache lebendig empfundenen auf -an-, jenen
entsprechend fem. auf -ā, und schuf zu diesen dann die conformen auf -ān-.
2. Eine weit zahlreichere Classe besteht aus Abstracten und zwar
a) Verbalabstracten:
armaiōn- zu arman, das Erbarmen,
brinnōn- zu brinnan, Fieber, eigentl. «Brand»,
driusōn- zu driusan, Abhang, eigentl. «Fall»,
reirōn- zu reiran, Zittern,
rinnōn- zu rinnan, Bach, vgl. Fluss: fliessen,
vinnōn- zu vinnan, Leiden
u. s. w.
b) von Adjectiven:
fullōn- Fülle zu fulla-,
heitōn- Hitze, Fieber, zu einem Adjectiv * heita-,
aglōn- zu agla-, Trübsal,
gariudjōn-, Ehrbarkeit, zu gariuds, Stamm -riuda-.
Dass in dieser Kategorie von Worten dasselbe Suffix -ā oder -jā ursprünglich
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