verschiednen Hauptzügen dieses vermeintlichen Euripidischen Planes abging, und nur die ein- zige Situation, die ihn vornehmlich darinn ge- rührt hatte, in aller ihrer Ausdehnung zu nutzen suchte.
Die Mutter nehmlich, die ihren Sohn so feurig liebte, daß sie sich an dem Mörder dessel- ben mit eigner Hand rächen wollte, brachte ihn auf den Gedanken, die mütterliche Zärtlichkeit überhaupt zu schildern, und mit Ausschliessung aller andern Liebe, durch diese einzige reine und tugendhafte Leidenschaft sein ganzes Stück zu beleben. Was dieser Absicht also nicht vollkom-
men
venit ad regem Polyphontem, aurum pe- titum, dicens se Cresphontis interfecisse filium & Meropis, Telephontem. Interim rex eum jussit in hospitio manere, ut am- plius de eo perquireret. Qui cum per las- situdinem obdormisset, senex qui inter matrem & filium internuncius erat, flens ad Meropem venit, negans eum apud ho- spitem esse, nec comparere. Merope cre- dens eum esse filii sui interfectorem, qui dormiebat, in Chalcidicum cum securi venit, inscia ut filium suum interficeret, quem senex cognovit, & matrem a scelere retraxit. Merope postquam invenit, oc- casionem sibi datam esse, ab inimico se ulciscendi, redit cum Polyphonte in gra- tiam. Rex laetus cum rem divinam face- ret, hospes falso simulavit se hostiam per- cussisse, eumque interfecit, patriumque regnum adeptus est.
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verſchiednen Hauptzuͤgen dieſes vermeintlichen Euripidiſchen Planes abging, und nur die ein- zige Situation, die ihn vornehmlich darinn ge- ruͤhrt hatte, in aller ihrer Ausdehnung zu nutzen ſuchte.
Die Mutter nehmlich, die ihren Sohn ſo feurig liebte, daß ſie ſich an dem Moͤrder deſſel- ben mit eigner Hand raͤchen wollte, brachte ihn auf den Gedanken, die muͤtterliche Zaͤrtlichkeit uͤberhaupt zu ſchildern, und mit Ausſchlieſſung aller andern Liebe, durch dieſe einzige reine und tugendhafte Leidenſchaft ſein ganzes Stuͤck zu beleben. Was dieſer Abſicht alſo nicht vollkom-
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venit ad regem Polyphontem, aurum pe- titum, dicens ſe Creſphontis interfeciſſe filium & Meropis, Telephontem. Interim rex eum juſſit in hoſpitio manere, ut am- plius de eo perquireret. Qui cum per laſ- ſitudinem obdormiſſet, ſenex qui inter matrem & filium internuncius erat, flens ad Meropem venit, negans eum apud ho- ſpitem eſſe, nec comparere. Merope cre- dens eum eſſe filii ſui interfectorem, qui dormiebat, in Chalcidicum cum ſecuri venit, inſcia ut filium ſuum interficeret, quem ſenex cognovit, & matrem a ſcelere retraxit. Merope poſtquam invenit, oc- caſionem ſibi datam eſſe, ab inimico ſe ulciſcendi, redit cum Polyphonte in gra- tiam. Rex lætus cum rem divinam face- ret, hoſpes falſo ſimulavit ſe hoſtiam per- cuſſiſſe, eumque interfecit, patriumque regnum adeptus eſt.
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verſchiednen Hauptzuͤgen dieſes vermeintlichen
Euripidiſchen Planes abging, und nur die ein-
zige Situation, die ihn vornehmlich darinn ge-
ruͤhrt hatte, in aller ihrer Ausdehnung zu nutzen
ſuchte.
Die Mutter nehmlich, die ihren Sohn ſo
feurig liebte, daß ſie ſich an dem Moͤrder deſſel-
ben mit eigner Hand raͤchen wollte, brachte ihn
auf den Gedanken, die muͤtterliche Zaͤrtlichkeit
uͤberhaupt zu ſchildern, und mit Ausſchlieſſung
aller andern Liebe, durch dieſe einzige reine und
tugendhafte Leidenſchaft ſein ganzes Stuͤck zu
beleben. Was dieſer Abſicht alſo nicht vollkom-
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(*) venit ad regem Polyphontem, aurum pe-
titum, dicens ſe Creſphontis interfeciſſe
filium & Meropis, Telephontem. Interim
rex eum juſſit in hoſpitio manere, ut am-
plius de eo perquireret. Qui cum per laſ-
ſitudinem obdormiſſet, ſenex qui inter
matrem & filium internuncius erat, flens
ad Meropem venit, negans eum apud ho-
ſpitem eſſe, nec comparere. Merope cre-
dens eum eſſe filii ſui interfectorem, qui
dormiebat, in Chalcidicum cum ſecuri
venit, inſcia ut filium ſuum interficeret,
quem ſenex cognovit, & matrem a ſcelere
retraxit. Merope poſtquam invenit, oc-
caſionem ſibi datam eſſe, ab inimico ſe
ulciſcendi, redit cum Polyphonte in gra-
tiam. Rex lætus cum rem divinam face-
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cuſſiſſe, eumque interfecit, patriumque
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[Lessing, Gotthold Ephraim]: Hamburgische Dramaturgie. Bd. 1. Hamburg u. a., [1769], S. 317. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/lessing_dramaturgie01_1767/331>, abgerufen am 11.09.2024.
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