Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Liliencron, Detlev von: Adjutantenritte und andere Gedichte. Leipzig, [1883].

Bild:
<< vorherige Seite

schneeweiße Handschuhe hervorgezogen, und war bemüht,
diese noch an den Fingern zu haben, ehe er oben war. Aber
nur der linke hatte seinen Platz erobert. Ebenso lächelnd
wie er bei uns vorbeigekommen, meldete er dem Oberbefehls-
haber, der ihm freundlich die Hand reichte. Dann bestieg er
ein ihm von einer Ordounanz eingefangenes kleines Berber-
roß und ritt, das letzte Stück von einem kalten Huhn, das
in unserm Besitz war, annehmend, lustig wieder von dannen,
unterwegs kauend und mit der rechten Faust die Beulen
seines abgenommenen, entstellten Tschakos in Ordnung zu
bringen suchend. Es schien ihm Alles ungeheures Vergnügen
zu machen. Grüß Dich Gott, alter Kerl, wenn Dir dies vor
Augen kommen sollte. Zwar liest Du selten Gedichte (ich
auch), aber es ist immerhin doch möglich.

Der General ritt zu uns hinter das rauchende Gebäude,
dessen Dach und Sparren eben prasselnd zusammengebrochen
waren, und fragte: Hat einer der Herren noch eine nicht
letzte Cigarre? Sie wurde ihm präsentiert.

Dann bildeten wir einen Kreis um ihn. Der Oberbe-
fehlshaber gab einigen von uns persönlich Befehle. Als wir
abritten, um die "mit aller Macht auf die Stadt vorzugehn"
Befehle zu überbringen, setzte er sich in kurzen Galopp, um,
weiter vorwärts, einen neuen Beobachtungsposten einzu-
nehmen. Eine Ordonnanz blieb bei der Brandstätte zurück:
sie hatte den Auftrag, den Meldenden von dem neugewählten
Aufstellungspunkt des Generals Mitteilung zu machen.

Der Zauber der Mittagstunde war gebrochen.

Es lebe der Kaiser!
Es war die Zeit um Sonnenuntergang,
Ich kam vom linken Flügel hergejagt.
Granaten heulten, heiß im Mörderdrang,
Hol' euch die Pest, wohin ihr immer schlagt.

ſchneeweiße Handſchuhe hervorgezogen, und war bemüht,
dieſe noch an den Fingern zu haben, ehe er oben war. Aber
nur der linke hatte ſeinen Platz erobert. Ebenſo lächelnd
wie er bei uns vorbeigekommen, meldete er dem Oberbefehls-
haber, der ihm freundlich die Hand reichte. Dann beſtieg er
ein ihm von einer Ordounanz eingefangenes kleines Berber-
roß und ritt, das letzte Stück von einem kalten Huhn, das
in unſerm Beſitz war, annehmend, luſtig wieder von dannen,
unterwegs kauend und mit der rechten Fauſt die Beulen
ſeines abgenommenen, entſtellten Tſchakos in Ordnung zu
bringen ſuchend. Es ſchien ihm Alles ungeheures Vergnügen
zu machen. Grüß Dich Gott, alter Kerl, wenn Dir dies vor
Augen kommen ſollte. Zwar lieſt Du ſelten Gedichte (ich
auch), aber es iſt immerhin doch möglich.

Der General ritt zu uns hinter das rauchende Gebäude,
deſſen Dach und Sparren eben praſſelnd zuſammengebrochen
waren, und fragte: Hat einer der Herren noch eine nicht
letzte Cigarre? Sie wurde ihm präſentiert.

Dann bildeten wir einen Kreis um ihn. Der Oberbe-
fehlshaber gab einigen von uns perſönlich Befehle. Als wir
abritten, um die „mit aller Macht auf die Stadt vorzugehn“
Befehle zu überbringen, ſetzte er ſich in kurzen Galopp, um,
weiter vorwärts, einen neuen Beobachtungspoſten einzu-
nehmen. Eine Ordonnanz blieb bei der Brandſtätte zurück:
ſie hatte den Auftrag, den Meldenden von dem neugewählten
Aufſtellungspunkt des Generals Mitteilung zu machen.

Der Zauber der Mittagſtunde war gebrochen.

Es lebe der Kaiſer!
Es war die Zeit um Sonnenuntergang,
Ich kam vom linken Flügel hergejagt.
Granaten heulten, heiß im Mörderdrang,
Hol’ euch die Peſt, wohin ihr immer ſchlagt.
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0162" n="154"/>
&#x017F;chneeweiße Hand&#x017F;chuhe <choice><sic>hervorgezogeu</sic><corr>hervorgezogen</corr></choice>, und war bemüht,<lb/>
die&#x017F;e noch an den Fingern zu haben, ehe er oben war. Aber<lb/>
nur der linke hatte &#x017F;einen Platz erobert. Eben&#x017F;o lächelnd<lb/>
wie er bei uns vorbeigekommen, meldete er dem Oberbefehls-<lb/>
haber, der ihm freundlich die Hand reichte. Dann be&#x017F;tieg er<lb/>
ein ihm von einer Ordounanz eingefangenes kleines Berber-<lb/>
roß und ritt, das letzte Stück von einem kalten Huhn, das<lb/>
in un&#x017F;erm Be&#x017F;itz war, annehmend, lu&#x017F;tig wieder von dannen,<lb/>
unterwegs kauend und mit der rechten Fau&#x017F;t die Beulen<lb/>
&#x017F;eines abgenommenen, ent&#x017F;tellten T&#x017F;chakos in Ordnung zu<lb/>
bringen &#x017F;uchend. Es &#x017F;chien ihm Alles ungeheures Vergnügen<lb/>
zu machen. Grüß Dich Gott, alter Kerl, wenn Dir dies vor<lb/>
Augen kommen &#x017F;ollte. Zwar lie&#x017F;t Du &#x017F;elten Gedichte (ich<lb/>
auch), aber es i&#x017F;t immerhin doch möglich.</p><lb/>
          <p>Der General ritt zu uns hinter das rauchende Gebäude,<lb/>
de&#x017F;&#x017F;en Dach und Sparren eben pra&#x017F;&#x017F;elnd zu&#x017F;ammengebrochen<lb/>
waren, und fragte: Hat einer der Herren noch eine nicht<lb/>
letzte Cigarre? Sie wurde ihm prä&#x017F;entiert.</p><lb/>
          <p>Dann bildeten wir einen Kreis um ihn. Der Oberbe-<lb/>
fehlshaber gab einigen von uns per&#x017F;önlich Befehle. Als wir<lb/>
abritten, um die &#x201E;mit aller Macht auf die Stadt vorzugehn&#x201C;<lb/>
Befehle zu überbringen, &#x017F;etzte er &#x017F;ich in kurzen Galopp, um,<lb/>
weiter vorwärts, einen neuen Beobachtungspo&#x017F;ten einzu-<lb/>
nehmen. Eine Ordonnanz blieb bei der Brand&#x017F;tätte zurück:<lb/>
&#x017F;ie hatte den Auftrag, den Meldenden von dem neugewählten<lb/>
Auf&#x017F;tellungspunkt des Generals Mitteilung zu machen.</p><lb/>
          <p>Der Zauber der Mittag&#x017F;tunde war gebrochen.</p>
        </div><lb/>
        <div n="2">
          <head> <hi rendition="#b">Es lebe der Kai&#x017F;er!</hi> </head><lb/>
          <lg type="poem">
            <lg n="1">
              <l> <hi rendition="#et">Es war die Zeit um Sonnenuntergang,</hi> </l><lb/>
              <l> <hi rendition="#et">Ich kam vom linken Flügel hergejagt.</hi> </l><lb/>
              <l> <hi rendition="#et">Granaten heulten, heiß im Mörderdrang,</hi> </l><lb/>
              <l> <hi rendition="#et">Hol&#x2019; euch die Pe&#x017F;t, wohin ihr immer &#x017F;chlagt.</hi> </l><lb/>
            </lg>
          </lg>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[154/0162] ſchneeweiße Handſchuhe hervorgezogen, und war bemüht, dieſe noch an den Fingern zu haben, ehe er oben war. Aber nur der linke hatte ſeinen Platz erobert. Ebenſo lächelnd wie er bei uns vorbeigekommen, meldete er dem Oberbefehls- haber, der ihm freundlich die Hand reichte. Dann beſtieg er ein ihm von einer Ordounanz eingefangenes kleines Berber- roß und ritt, das letzte Stück von einem kalten Huhn, das in unſerm Beſitz war, annehmend, luſtig wieder von dannen, unterwegs kauend und mit der rechten Fauſt die Beulen ſeines abgenommenen, entſtellten Tſchakos in Ordnung zu bringen ſuchend. Es ſchien ihm Alles ungeheures Vergnügen zu machen. Grüß Dich Gott, alter Kerl, wenn Dir dies vor Augen kommen ſollte. Zwar lieſt Du ſelten Gedichte (ich auch), aber es iſt immerhin doch möglich. Der General ritt zu uns hinter das rauchende Gebäude, deſſen Dach und Sparren eben praſſelnd zuſammengebrochen waren, und fragte: Hat einer der Herren noch eine nicht letzte Cigarre? Sie wurde ihm präſentiert. Dann bildeten wir einen Kreis um ihn. Der Oberbe- fehlshaber gab einigen von uns perſönlich Befehle. Als wir abritten, um die „mit aller Macht auf die Stadt vorzugehn“ Befehle zu überbringen, ſetzte er ſich in kurzen Galopp, um, weiter vorwärts, einen neuen Beobachtungspoſten einzu- nehmen. Eine Ordonnanz blieb bei der Brandſtätte zurück: ſie hatte den Auftrag, den Meldenden von dem neugewählten Aufſtellungspunkt des Generals Mitteilung zu machen. Der Zauber der Mittagſtunde war gebrochen. Es lebe der Kaiſer! Es war die Zeit um Sonnenuntergang, Ich kam vom linken Flügel hergejagt. Granaten heulten, heiß im Mörderdrang, Hol’ euch die Peſt, wohin ihr immer ſchlagt.

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/liliencron_adjutantenritte_1883
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/liliencron_adjutantenritte_1883/162
Zitationshilfe: Liliencron, Detlev von: Adjutantenritte und andere Gedichte. Leipzig, [1883], S. 154. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/liliencron_adjutantenritte_1883/162>, abgerufen am 13.04.2021.