Lütkemann, Joachim: Harpffe Von zehen Seyten. Frankfurt/Leipzig, 1674.über den 138. Psalm in der Welt seyn. Wer niedrig und gering in sei- nem Hertzen ist/ der heist niedrig für GOtt/ er sey in der Welt gleich reich oder arm/ hoch oder niedrig. Je höher du bist/ ie tief- fer sollstu dich demüthigen/ dich selbst aller Eh- ren/ alles Lobes/ alles guten unwürdig halten. Kommt denn das Creutz dazu/ das hält das nie- drige Hertz desto niedriger. Da heben sie auß der Tieffe der Niedrigkeit Augen und Hertz zum HErrn. Was solte nun Gott thun? Ists müg- lich/ daß er diese niedrige Hertzen verachte? Ists müglich/ daß er ihrer vergesse? Nein/ nein. Je höher der Ort/ davon ein Stein fällt/ ie schwe- rer wird der Fall: Dagegen ie niedriger das Hertz/ darauß das Gebet dringet/ ie höher es steiget/ und ist kräfftig für Gott. Der HErr ist zwar hoch/ aber dennoch sihet er auff das Nie- drige. Er sihet die Niedrigen an mit Hertzens Lust und Liebe/ hat Wohlgefallen an ihnen/ und ist ihnen begierig dieselbe zu trösten/ und ih- nen zu helffen. Hingegen aber kennet er den Stoltzen nur ihnen/
über den 138. Pſalm in der Welt ſeyn. Wer niedrig und gering in ſei- nem Hertzen iſt/ der heiſt niedrig für GOtt/ er ſey in der Welt gleich reich oder arm/ hoch oder niedrig. Je höher du biſt/ ie tief- fer ſollſtu dich demüthigen/ dich ſelbſt aller Eh- ren/ alles Lobes/ alles guten unwürdig halten. Kommt denn das Creutz dazu/ das hält das nie- drige Hertz deſto niedriger. Da heben ſie auß der Tieffe der Niedrigkeit Augen und Hertz zum HErrn. Was ſolte nun Gott thun? Iſts müg- lich/ daß er dieſe niedrige Hertzen verachte? Iſts müglich/ daß er ihrer vergeſſe? Nein/ nein. Je höher der Ort/ davon ein Stein fällt/ ie ſchwe- rer wird der Fall: Dagegen ie niedriger das Hertz/ darauß das Gebet dringet/ ie höher es ſteiget/ und iſt kräfftig für Gott. Der HErr iſt zwar hoch/ aber dennoch ſihet er auff das Nie- drige. Er ſihet die Niedrigen an mit Hertzens Luſt und Liebe/ hat Wohlgefallen an ihnen/ und iſt ihnen begierig dieſelbe zu tröſten/ und ih- nen zu helffen. Hingegen aber kennet er den Stoltzen nur ihnen/
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über den 138. Pſalm
in der Welt ſeyn. Wer niedrig und gering in ſei-
nem Hertzen iſt/ der heiſt niedrig für GOtt/
er ſey in der Welt gleich reich oder arm/
hoch oder niedrig. Je höher du biſt/ ie tief-
fer ſollſtu dich demüthigen/ dich ſelbſt aller Eh-
ren/ alles Lobes/ alles guten unwürdig halten.
Kommt denn das Creutz dazu/ das hält das nie-
drige Hertz deſto niedriger. Da heben ſie auß der
Tieffe der Niedrigkeit Augen und Hertz zum
HErrn. Was ſolte nun Gott thun? Iſts müg-
lich/ daß er dieſe niedrige Hertzen verachte? Iſts
müglich/ daß er ihrer vergeſſe? Nein/ nein. Je
höher der Ort/ davon ein Stein fällt/ ie ſchwe-
rer wird der Fall: Dagegen ie niedriger das
Hertz/ darauß das Gebet dringet/ ie höher es
ſteiget/ und iſt kräfftig für Gott. Der HErr iſt
zwar hoch/ aber dennoch ſihet er auff das Nie-
drige. Er ſihet die Niedrigen an mit Hertzens
Luſt und Liebe/ hat Wohlgefallen an ihnen/
und iſt ihnen begierig dieſelbe zu tröſten/ und ih-
nen zu helffen.
Hingegen aber kennet er den Stoltzen nur
von ferne. Ein Stoltzer iſt/ der etwan ein Glück-
lein in der Welt hat/ und ſich deßwegen erhebt/
und andere verachtet. Wie iſt Gott gegen dieſe
geſinnet? ſihet er ſie auch nicht an? Er ſihet ſie ja
freilich/ aber nur von ferne. Er hat kein Hertz zu
ihnen/
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| Zitationshilfe: | Lütkemann, Joachim: Harpffe Von zehen Seyten. Frankfurt/Leipzig, 1674, S. 792. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/luettkemann_harpffe_1674/815>, abgerufen am 06.08.2024. |


