und zu behalten, daß sie keinesweges meine Ein- sichten übersteigen, daß sie auch meinem jugend- lichen Verstande als gut und wohlthätig einleuch- ten müssen, wenn ich nur darüber nachdenken will. Und meine Aeltern und Lehrer kommen mir ja freund- schaftlich dabey zu Hülfe. Es ist ihr ernstlichster Wunsch, ihr eifrigstes Bestreben, mir solche Ge- sinnungen einzuflösen, die dir wohlgefällig sind, und mich zu solchen Handlungen zu ermuntern, welche du mit Wohlgefallen siehest.
Gewiß es würde eine leere Entschuldigung seyn, wenn ich mich in meinem itzigen Alter für zu schwach zur Beobachtung deines Willens halten wollte. Denn wie viel vermag ich nicht über meine Neigun- gen und Begierden, wenn ich von meinen Aeltern ein Lob oder eine angenehme Belohnung erwarte! Welche Standhaftigkeit zeige ich da nicht in dem Ei- fer, mich selbst zu besiegen! Wie viel kann ich da thun und leisten, das mir sonst schwer und unmöglich schien Wie viel vermag ich da zu unterlassen und mir zu ver- sagen, ohne welches ich zuvor nicht leben zu können glaubte! Wie viel kömmt also bey dem Guten, das von mir gefordert wird, auf mich selbst und auf mei- nen Willen an! Ist nur dieser da, will und wünsche ich das aufrichtig, was ich thun und ausführen soll, begehe ich im Herzen nur nichts anders, als ich mit dem Munde verspreche, so bin ich gewiß in jedem Stücke fähig, mich den vernünftigen Vorschriften anderer zu unterwerfen und ihnen durch meinen Ge- horsam Freude zu machen. Und wenn ich es mit dir
selbst
Die frühzeitige Frömmigkeit.
und zu behalten, daß ſie keinesweges meine Ein- ſichten überſteigen, daß ſie auch meinem jugend- lichen Verſtande als gut und wohlthätig einleuch- ten müſſen, wenn ich nur darüber nachdenken will. Und meine Aeltern und Lehrer kommen mir ja freund- ſchaftlich dabey zu Hülfe. Es iſt ihr ernſtlichſter Wunſch, ihr eifrigſtes Beſtreben, mir ſolche Ge- ſinnungen einzuflöſen, die dir wohlgefällig ſind, und mich zu ſolchen Handlungen zu ermuntern, welche du mit Wohlgefallen ſieheſt.
Gewiß es würde eine leere Entſchuldigung ſeyn, wenn ich mich in meinem itzigen Alter für zu ſchwach zur Beobachtung deines Willens halten wollte. Denn wie viel vermag ich nicht über meine Neigun- gen und Begierden, wenn ich von meinen Aeltern ein Lob oder eine angenehme Belohnung erwarte! Welche Standhaftigkeit zeige ich da nicht in dem Ei- fer, mich ſelbſt zu beſiegen! Wie viel kann ich da thun und leiſten, das mir ſonſt ſchwer und unmöglich ſchien Wie viel vermag ich da zu unterlaſſen und mir zu ver- ſagen, ohne welches ich zuvor nicht leben zu können glaubte! Wie viel kömmt alſo bey dem Guten, das von mir gefordert wird, auf mich ſelbſt und auf mei- nen Willen an! Iſt nur dieſer da, will und wünſche ich das aufrichtig, was ich thun und ausführen ſoll, begehe ich im Herzen nur nichts anders, als ich mit dem Munde verſpreche, ſo bin ich gewiß in jedem Stücke fähig, mich den vernünftigen Vorſchriften anderer zu unterwerfen und ihnen durch meinen Ge- horſam Freude zu machen. Und wenn ich es mit dir
ſelbſt
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Die frühzeitige Frömmigkeit.
und zu behalten, daß ſie keinesweges meine Ein-
ſichten überſteigen, daß ſie auch meinem jugend-
lichen Verſtande als gut und wohlthätig einleuch-
ten müſſen, wenn ich nur darüber nachdenken will.
Und meine Aeltern und Lehrer kommen mir ja freund-
ſchaftlich dabey zu Hülfe. Es iſt ihr ernſtlichſter
Wunſch, ihr eifrigſtes Beſtreben, mir ſolche Ge-
ſinnungen einzuflöſen, die dir wohlgefällig ſind, und
mich zu ſolchen Handlungen zu ermuntern, welche du
mit Wohlgefallen ſieheſt.
Gewiß es würde eine leere Entſchuldigung ſeyn,
wenn ich mich in meinem itzigen Alter für zu ſchwach
zur Beobachtung deines Willens halten wollte.
Denn wie viel vermag ich nicht über meine Neigun-
gen und Begierden, wenn ich von meinen Aeltern
ein Lob oder eine angenehme Belohnung erwarte!
Welche Standhaftigkeit zeige ich da nicht in dem Ei-
fer, mich ſelbſt zu beſiegen! Wie viel kann ich da thun
und leiſten, das mir ſonſt ſchwer und unmöglich ſchien
Wie viel vermag ich da zu unterlaſſen und mir zu ver-
ſagen, ohne welches ich zuvor nicht leben zu können
glaubte! Wie viel kömmt alſo bey dem Guten, das
von mir gefordert wird, auf mich ſelbſt und auf mei-
nen Willen an! Iſt nur dieſer da, will und wünſche
ich das aufrichtig, was ich thun und ausführen ſoll,
begehe ich im Herzen nur nichts anders, als ich mit
dem Munde verſpreche, ſo bin ich gewiß in jedem
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Matthias Boenig, Yannic Bracke, Benjamin Fiechter, Susanne Haaf, Linda Kirsten, Xi Zhang:
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Marezoll, Johann Gottlob: Andachtsbuch für das weibliche Geschlecht vorzüglich für den aufgeklärten Theil desselben. Bd. 2. Leipzig, 1788, S. 20. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/marezoll_andachtsbuch02_1788/32>, abgerufen am 25.09.2024.
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