Kinde, einem elenden Menschen aus Mitleid und Liebe eine Wohlthat erzeige und seine Dank- und Freu- denthränen fließen sehe; wenn ich mich so verhalte, wie ich weiß, daß es dem Willen meiner Aeltern und Lehrer und den Geboten der Religion gemäß ist: ist mir da nicht wohl? Fühle ich mich da nicht zu- frieden und glücklich? Erwarte ich da nicht getrost alles Gute? Fürchte ich da etwas Böses? Bin ich nicht an einem solchen Tage des Beyfalls meiner Ael- tern und Aufseher gewiß versichert? Gäbe ich wohl dieses erfreuliche Bewußtseyn meines Fleißes und Ge- horsams für Geld und Spielwerke hin? --
Und dieses sind ja die wahren, dauerhaften Vor- theile der Frömmigkeit. Eben diese Freude und Zufriedenheit und Furchtlosigkeit und Zuversicht be- glücken mich auch dann, wenn ich dir, o Gott, ge- horsam bin, wenn ich das Gute, welches ich ver- richte, aus Liebe zu dir verrichte, wenn ich meine Pflichten nicht gezwungen sondern darum erfülle, weil du mir dieselben auflegst, wenn ich mich auch in der Einsamkeit, wo ich keinen Beobachter zu scheuen habe, vor allem Bösen hüte, weil ich weiß, daß du, der Allgegenwärtige mich siehest und beobachtest. Da fühle ich kindliches Zutrauen zu dir, denke mit Ver- gnügen an dich, werde durch keine Furcht geängstiget, erwarte alles Gute von deiner Liebe und bin gewiß überzeugt, daß du mit Wohlgefallen auf mich sie- hest. -- Und sind dieß nicht die höchsten, wünschens- würdigsten Vortheile der Frömmigkeit? Kann ich mir dieselben nicht schon itzt verschaffen? Kann ich
zu
Die frühzeitige Frömmigkeit.
Kinde, einem elenden Menſchen aus Mitleid und Liebe eine Wohlthat erzeige und ſeine Dank- und Freu- denthränen fließen ſehe; wenn ich mich ſo verhalte, wie ich weiß, daß es dem Willen meiner Aeltern und Lehrer und den Geboten der Religion gemäß iſt: iſt mir da nicht wohl? Fühle ich mich da nicht zu- frieden und glücklich? Erwarte ich da nicht getroſt alles Gute? Fürchte ich da etwas Böſes? Bin ich nicht an einem ſolchen Tage des Beyfalls meiner Ael- tern und Aufſeher gewiß verſichert? Gäbe ich wohl dieſes erfreuliche Bewußtſeyn meines Fleißes und Ge- horſams für Geld und Spielwerke hin? —
Und dieſes ſind ja die wahren, dauerhaften Vor- theile der Frömmigkeit. Eben dieſe Freude und Zufriedenheit und Furchtloſigkeit und Zuverſicht be- glücken mich auch dann, wenn ich dir, o Gott, ge- horſam bin, wenn ich das Gute, welches ich ver- richte, aus Liebe zu dir verrichte, wenn ich meine Pflichten nicht gezwungen ſondern darum erfülle, weil du mir dieſelben auflegſt, wenn ich mich auch in der Einſamkeit, wo ich keinen Beobachter zu ſcheuen habe, vor allem Böſen hüte, weil ich weiß, daß du, der Allgegenwärtige mich ſieheſt und beobachteſt. Da fühle ich kindliches Zutrauen zu dir, denke mit Ver- gnügen an dich, werde durch keine Furcht geängſtiget, erwarte alles Gute von deiner Liebe und bin gewiß überzeugt, daß du mit Wohlgefallen auf mich ſie- heſt. — Und ſind dieß nicht die höchſten, wünſchens- würdigſten Vortheile der Frömmigkeit? Kann ich mir dieſelben nicht ſchon itzt verſchaffen? Kann ich
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Die frühzeitige Frömmigkeit.
Kinde, einem elenden Menſchen aus Mitleid und
Liebe eine Wohlthat erzeige und ſeine Dank- und Freu-
denthränen fließen ſehe; wenn ich mich ſo verhalte,
wie ich weiß, daß es dem Willen meiner Aeltern
und Lehrer und den Geboten der Religion gemäß iſt:
iſt mir da nicht wohl? Fühle ich mich da nicht zu-
frieden und glücklich? Erwarte ich da nicht getroſt
alles Gute? Fürchte ich da etwas Böſes? Bin ich
nicht an einem ſolchen Tage des Beyfalls meiner Ael-
tern und Aufſeher gewiß verſichert? Gäbe ich wohl
dieſes erfreuliche Bewußtſeyn meines Fleißes und Ge-
horſams für Geld und Spielwerke hin? —
Und dieſes ſind ja die wahren, dauerhaften Vor-
theile der Frömmigkeit. Eben dieſe Freude und
Zufriedenheit und Furchtloſigkeit und Zuverſicht be-
glücken mich auch dann, wenn ich dir, o Gott, ge-
horſam bin, wenn ich das Gute, welches ich ver-
richte, aus Liebe zu dir verrichte, wenn ich meine
Pflichten nicht gezwungen ſondern darum erfülle, weil
du mir dieſelben auflegſt, wenn ich mich auch in der
Einſamkeit, wo ich keinen Beobachter zu ſcheuen habe,
vor allem Böſen hüte, weil ich weiß, daß du, der
Allgegenwärtige mich ſieheſt und beobachteſt. Da
fühle ich kindliches Zutrauen zu dir, denke mit Ver-
gnügen an dich, werde durch keine Furcht geängſtiget,
erwarte alles Gute von deiner Liebe und bin gewiß
überzeugt, daß du mit Wohlgefallen auf mich ſie-
heſt. — Und ſind dieß nicht die höchſten, wünſchens-
würdigſten Vortheile der Frömmigkeit? Kann ich
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Matthias Boenig, Yannic Bracke, Benjamin Fiechter, Susanne Haaf, Linda Kirsten, Xi Zhang:
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Marezoll, Johann Gottlob: Andachtsbuch für das weibliche Geschlecht vorzüglich für den aufgeklärten Theil desselben. Bd. 2. Leipzig, 1788, S. 22. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/marezoll_andachtsbuch02_1788/34>, abgerufen am 25.09.2024.
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