zu bald anfangen für meine Glückseligkeit zu sorgen und gut und tugendhaft zu werden?
Nein, je frühzeitiger ich mich der Tugend wid- me, desto aufrichtiger und standhafter ist meine Tu- gend, desto leichter wird mir dieselbe. Itzt bin ich noch jung und biegsam. Itzt bin ich jeder guten Ge- sinnung fähig, weil böse, lasterhafte Gesinnungen noch nicht Wurzel in mir geschlagen haben. Itzt nimmt mein Herz und meine Denkungsart noch jede Form und Bildung an, weil sie noch ungebildet sind. Itzt lebe ich unter der Aufsicht meiner Aeltern und Freunde, wo ich lauter gute Beyspiele vor mir habe, die mich zur Tugend ermuntern können. Itzr habe ich von den Versuchungen und verführerischen Künsten böser Menschen noch wenig zu befürchten, weil ich sel- ten und nie ungewarnt in ihre Gesellschaft komme. Itzt zerstreuen mich weder Geschäffte noch Nahrungs- sorgen, die für manche Menschen ein Hinderniß der Frömmigkeit seyn mögen. Itzt ist also die beste, schicklichste Zeit für mich, tugenhaft zu werden, um mich je länger je mehr in der Liebe zum Guten zu be- festigen. Und von meinen gegenwärtigen Jahren hängt es ja wohl größtentheils ab, wie gut oder wie schlecht ich mein ganzes Leben hindurch denken und han- deln werde. Was itzt zur Gewohnheit bey mir wird, was ich oft und gerne thue, dazu behalte ich künftig den stärksten Hang, davon werde ich mich schwerlich je ganz losreissen können. Wenn sich itzt in den Jahren, wo alles einen so tiefen, bleibenden Ein-
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Die frühzeitige Frömmigkeit.
zu bald anfangen für meine Glückſeligkeit zu ſorgen und gut und tugendhaft zu werden?
Nein, je frühzeitiger ich mich der Tugend wid- me, deſto aufrichtiger und ſtandhafter iſt meine Tu- gend, deſto leichter wird mir dieſelbe. Itzt bin ich noch jung und biegſam. Itzt bin ich jeder guten Ge- ſinnung fähig, weil böſe, laſterhafte Geſinnungen noch nicht Wurzel in mir geſchlagen haben. Itzt nimmt mein Herz und meine Denkungsart noch jede Form und Bildung an, weil ſie noch ungebildet ſind. Itzt lebe ich unter der Aufſicht meiner Aeltern und Freunde, wo ich lauter gute Beyſpiele vor mir habe, die mich zur Tugend ermuntern können. Itzr habe ich von den Verſuchungen und verführeriſchen Künſten böſer Menſchen noch wenig zu befürchten, weil ich ſel- ten und nie ungewarnt in ihre Geſellſchaft komme. Itzt zerſtreuen mich weder Geſchäffte noch Nahrungs- ſorgen, die für manche Menſchen ein Hinderniß der Frömmigkeit ſeyn mögen. Itzt iſt alſo die beſte, ſchicklichſte Zeit für mich, tugenhaft zu werden, um mich je länger je mehr in der Liebe zum Guten zu be- feſtigen. Und von meinen gegenwärtigen Jahren hängt es ja wohl größtentheils ab, wie gut oder wie ſchlecht ich mein ganzes Leben hindurch denken und han- deln werde. Was itzt zur Gewohnheit bey mir wird, was ich oft und gerne thue, dazu behalte ich künftig den ſtärkſten Hang, davon werde ich mich ſchwerlich je ganz losreiſſen können. Wenn ſich itzt in den Jahren, wo alles einen ſo tiefen, bleibenden Ein-
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Die frühzeitige Frömmigkeit.
zu bald anfangen für meine Glückſeligkeit zu ſorgen
und gut und tugendhaft zu werden?
Nein, je frühzeitiger ich mich der Tugend wid-
me, deſto aufrichtiger und ſtandhafter iſt meine Tu-
gend, deſto leichter wird mir dieſelbe. Itzt bin ich
noch jung und biegſam. Itzt bin ich jeder guten Ge-
ſinnung fähig, weil böſe, laſterhafte Geſinnungen
noch nicht Wurzel in mir geſchlagen haben. Itzt
nimmt mein Herz und meine Denkungsart noch jede
Form und Bildung an, weil ſie noch ungebildet ſind.
Itzt lebe ich unter der Aufſicht meiner Aeltern und
Freunde, wo ich lauter gute Beyſpiele vor mir habe,
die mich zur Tugend ermuntern können. Itzr habe
ich von den Verſuchungen und verführeriſchen Künſten
böſer Menſchen noch wenig zu befürchten, weil ich ſel-
ten und nie ungewarnt in ihre Geſellſchaft komme.
Itzt zerſtreuen mich weder Geſchäffte noch Nahrungs-
ſorgen, die für manche Menſchen ein Hinderniß der
Frömmigkeit ſeyn mögen. Itzt iſt alſo die beſte,
ſchicklichſte Zeit für mich, tugenhaft zu werden, um
mich je länger je mehr in der Liebe zum Guten zu be-
feſtigen. Und von meinen gegenwärtigen Jahren
hängt es ja wohl größtentheils ab, wie gut oder wie
ſchlecht ich mein ganzes Leben hindurch denken und han-
deln werde. Was itzt zur Gewohnheit bey mir wird,
was ich oft und gerne thue, dazu behalte ich künftig
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Matthias Boenig, Yannic Bracke, Benjamin Fiechter, Susanne Haaf, Linda Kirsten, Xi Zhang:
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Marezoll, Johann Gottlob: Andachtsbuch für das weibliche Geschlecht vorzüglich für den aufgeklärten Theil desselben. Bd. 2. Leipzig, 1788, S. 23. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/marezoll_andachtsbuch02_1788/35>, abgerufen am 25.09.2024.
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