Vergilius Maro, Publius: Eigentlicher Abriß Eines verständigen/ tapfferen und frommen Fürsten/ Von dem fürtrefflichsten Poeten Virgilius. Cölln (Spree), 1668.Das Zehende Buch. Ja müsse sehen zu/ daß ich ihm könne raffen/Und nehmen freudig ab den starcken schild und waffen. Der Hercul hörte zwar den Jüngling/ wie er bat/ Weil aber er nicht dorfft/ er einen seufftzer that Aus tieffem hertzengrund und ließ viel milde zähren/ Die aber kunten nicht erfüllen sein begehren: Da sagte Jupiter im hohen himmelsthron Mit freundlichem gespräch zum Hercul seinem sohn: Es hat ein jeder mensch gewisse maß zu leben/ Und eine kurtze zeit ist allen menschen geben Zu leben in der welt/ die alles in sich schlingt/ Und wenn sie einmal hin/ sie keiner wiederbringt Wer aber sein gerücht weit von den eiteln sachen Mit rühmlichen verdienst und thun kan grösser machen/ Der thut ein tugendwerck/ und welcher dieses kan/ Der ist und bleibet wol ein hochgeliebter mann. Für der gewaltigen stadt Troja sind geblieben/ Viel götter söhne tod. Ja den ich pflag zu lieben Mit hertzlicher begier/ der ist geraffet hin/ Sarpedon: was wird denn der Turnus für gewinn Erlangen künfftig bald? Es zeucht ihn schon das ende Und ist zum ziel gelangt des lebens fast behende. So sagt er/ und wandt sich zum heer der Rutuler/ Der Pallas aber warff mit kräfften einen speer Und zoch vom leder drauff. Der spieß fuhr gar behende Und fiel/ da wo der schild die schultern deckt am ende. Daselbst arbeitet er sich durch den obern rand Und ritzt den Turnum nur/ weil er von schwacher hand Ge- J i 4
Das Zehende Buch. Ja muͤſſe ſehen zu/ daß ich ihm koͤnne raffen/Und nehmen freudig ab den ſtarcken ſchild und waffen. Der Hercul hoͤrte zwar den Juͤngling/ wie er bat/ Weil aber er nicht dorfft/ er einen ſeufftzer that Aus tieffem hertzengrund und ließ viel milde zaͤhren/ Die aber kunten nicht erfuͤllen ſein begehren: Da ſagte Jupiter im hohen himmelsthron Mit freundlichem geſpraͤch zum Hercul ſeinem ſohn: Es hat ein jeder menſch gewiſſe maß zu leben/ Und eine kurtze zeit iſt allen menſchen geben Zu leben in der welt/ die alles in ſich ſchlingt/ Und wenn ſie einmal hin/ ſie keiner wiederbringt Wer aber ſein geruͤcht weit von den eiteln ſachen Mit ruͤhmlichen verdienſt und thun kan groͤſſer machen/ Der thut ein tugendwerck/ und welcher dieſes kan/ Der iſt und bleibet wol ein hochgeliebter mann. Fuͤr der gewaltigen ſtadt Troja ſind geblieben/ Viel goͤtter ſoͤhne tod. Ja den ich pflag zu lieben Mit hertzlicher begier/ der iſt geraffet hin/ Sarpedon: was wird denn der Turnus fuͤr gewinn Erlangen kuͤnfftig bald? Es zeucht ihn ſchon das ende Und iſt zum ziel gelangt des lebens faſt behende. So ſagt er/ und wandt ſich zum heer der Rutuler/ Der Pallas aber warff mit kraͤfften einen ſpeer Und zoch vom leder drauff. Der ſpieß fuhr gar behende Und fiel/ da wo der ſchild die ſchultern deckt am ende. Daſelbſt arbeitet er ſich durch den obern rand Und ritzt den Turnum nur/ weil er von ſchwacher hand Ge- J i 4
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Das Zehende Buch.
Ja muͤſſe ſehen zu/ daß ich ihm koͤnne raffen/
Und nehmen freudig ab den ſtarcken ſchild und waffen.
Der Hercul hoͤrte zwar den Juͤngling/ wie er bat/
Weil aber er nicht dorfft/ er einen ſeufftzer that
Aus tieffem hertzengrund und ließ viel milde zaͤhren/
Die aber kunten nicht erfuͤllen ſein begehren:
Da ſagte Jupiter im hohen himmelsthron
Mit freundlichem geſpraͤch zum Hercul ſeinem ſohn:
Es hat ein jeder menſch gewiſſe maß zu leben/
Und eine kurtze zeit iſt allen menſchen geben
Zu leben in der welt/ die alles in ſich ſchlingt/
Und wenn ſie einmal hin/ ſie keiner wiederbringt
Wer aber ſein geruͤcht weit von den eiteln ſachen
Mit ruͤhmlichen verdienſt und thun kan groͤſſer machen/
Der thut ein tugendwerck/ und welcher dieſes kan/
Der iſt und bleibet wol ein hochgeliebter mann.
Fuͤr der gewaltigen ſtadt Troja ſind geblieben/
Viel goͤtter ſoͤhne tod. Ja den ich pflag zu lieben
Mit hertzlicher begier/ der iſt geraffet hin/
Sarpedon: was wird denn der Turnus fuͤr gewinn
Erlangen kuͤnfftig bald? Es zeucht ihn ſchon das ende
Und iſt zum ziel gelangt des lebens faſt behende.
So ſagt er/ und wandt ſich zum heer der Rutuler/
Der Pallas aber warff mit kraͤfften einen ſpeer
Und zoch vom leder drauff. Der ſpieß fuhr gar behende
Und fiel/ da wo der ſchild die ſchultern deckt am ende.
Daſelbſt arbeitet er ſich durch den obern rand
Und ritzt den Turnum nur/ weil er von ſchwacher hand
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| Zitationshilfe: | Vergilius Maro, Publius: Eigentlicher Abriß Eines verständigen/ tapfferen und frommen Fürsten/ Von dem fürtrefflichsten Poeten Virgilius. Cölln (Spree), 1668, S. 503. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/maro_abriss_1668/525>, abgerufen am 06.08.2024. |


