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Miller, Johann Martin: Siegwart. Bd. 2. Leipzig, 1776.

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wieder verworfen wurden, schien ihm dieser noch
der beste zu seyn, nach München zu Kronhelms
Onkel zu reisen, ihm die Sache so dringend vorzu-
stellen, als möglich, und ihn zu bewegen, sich seines
Vetters thätig anzunehmen, ihn aufs schleunigste zu
retten, und entweder selbst sogleich nach Günzburg
zu reisen, oder ihn mit genugsamer Vollmacht da-
hin zu schicken. Er bestellte sich sogleich ein Pferd,
um weg zu reiten, und den andern Tag in Mün-
chen zu seyn. Nur das lag ihm am Herzen, daß
Mariane die Ursache seiner Reise erfahren möchte!
Zu gutem Glück traf er ihren Bruder an; erzählte
ihm, daß er in Kronhelms Geschäften schnell nach
München reisen müste; und bat ihn, es seinen
Eltern und seiner Schwester zu erzählen, und ihnen
seine vielfache Empfehlung zu machen.

Nach einer Stunde ritt er weg, und sah, zu sei-
ner grösten Freude, seine Mariane noch im Fenster,
der er einen zärtlichen Blick zuwarf.

Er ritt bis spät in die Nacht hinein; schlief auf
einem Dorf nur einige Stunden, und kam den an-
dern Abend in München an; aber, weils schon
spät war, wagte er es nicht mehr, zum geheimen
Rath zu gehen. Den folgenden Morgen ließ er

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wieder verworfen wurden, ſchien ihm dieſer noch
der beſte zu ſeyn, nach Muͤnchen zu Kronhelms
Onkel zu reiſen, ihm die Sache ſo dringend vorzu-
ſtellen, als moͤglich, und ihn zu bewegen, ſich ſeines
Vetters thaͤtig anzunehmen, ihn aufs ſchleunigſte zu
retten, und entweder ſelbſt ſogleich nach Guͤnzburg
zu reiſen, oder ihn mit genugſamer Vollmacht da-
hin zu ſchicken. Er beſtellte ſich ſogleich ein Pferd,
um weg zu reiten, und den andern Tag in Muͤn-
chen zu ſeyn. Nur das lag ihm am Herzen, daß
Mariane die Urſache ſeiner Reiſe erfahren moͤchte!
Zu gutem Gluͤck traf er ihren Bruder an; erzaͤhlte
ihm, daß er in Kronhelms Geſchaͤften ſchnell nach
Muͤnchen reiſen muͤſte; und bat ihn, es ſeinen
Eltern und ſeiner Schweſter zu erzaͤhlen, und ihnen
ſeine vielfache Empfehlung zu machen.

Nach einer Stunde ritt er weg, und ſah, zu ſei-
ner groͤſten Freude, ſeine Mariane noch im Fenſter,
der er einen zaͤrtlichen Blick zuwarf.

Er ritt bis ſpaͤt in die Nacht hinein; ſchlief auf
einem Dorf nur einige Stunden, und kam den an-
dern Abend in Muͤnchen an; aber, weils ſchon
ſpaͤt war, wagte er es nicht mehr, zum geheimen
Rath zu gehen. Den folgenden Morgen ließ er

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[777/0357] wieder verworfen wurden, ſchien ihm dieſer noch der beſte zu ſeyn, nach Muͤnchen zu Kronhelms Onkel zu reiſen, ihm die Sache ſo dringend vorzu- ſtellen, als moͤglich, und ihn zu bewegen, ſich ſeines Vetters thaͤtig anzunehmen, ihn aufs ſchleunigſte zu retten, und entweder ſelbſt ſogleich nach Guͤnzburg zu reiſen, oder ihn mit genugſamer Vollmacht da- hin zu ſchicken. Er beſtellte ſich ſogleich ein Pferd, um weg zu reiten, und den andern Tag in Muͤn- chen zu ſeyn. Nur das lag ihm am Herzen, daß Mariane die Urſache ſeiner Reiſe erfahren moͤchte! Zu gutem Gluͤck traf er ihren Bruder an; erzaͤhlte ihm, daß er in Kronhelms Geſchaͤften ſchnell nach Muͤnchen reiſen muͤſte; und bat ihn, es ſeinen Eltern und ſeiner Schweſter zu erzaͤhlen, und ihnen ſeine vielfache Empfehlung zu machen. Nach einer Stunde ritt er weg, und ſah, zu ſei- ner groͤſten Freude, ſeine Mariane noch im Fenſter, der er einen zaͤrtlichen Blick zuwarf. Er ritt bis ſpaͤt in die Nacht hinein; ſchlief auf einem Dorf nur einige Stunden, und kam den an- dern Abend in Muͤnchen an; aber, weils ſchon ſpaͤt war, wagte er es nicht mehr, zum geheimen Rath zu gehen. Den folgenden Morgen ließ er D d d

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Zitationshilfe: Miller, Johann Martin: Siegwart. Bd. 2. Leipzig, 1776, S. 777. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/miller_siegwart02_1776/357>, abgerufen am 15.09.2024.