was haben wir geduldet! Aber alles, alles ist ver- gessen, da ich dich, dich wieder habe! -- Jch kann nicht sprechen, meine Liebe! Gott im Himmel, meine Mariane hab ich wieder. Küß mich! Küß mich! Möcht ich doch vor Liebe sterben! Mein, mein, mein! -- Er drückte sie |an sich, als ob er Eins mit ihr werden wollte. Sie weinten, und schluchzten laut. -- Gott wird unser Schutz seyn, sagte er, und uns wieder vereinigen! Ach Maria- ne, ich weis nicht, wie mir ist? Jch möchte nur im Augenblicke sterben! -- Und ich auch, du Theu- rer! Ach, mein Herz ist so beklommen! Wenn wir uns nur wieder sehen! -- Gewiß, gewiß! und bald, und ewig! ach Mariane, Mariane! -- Siegwart sagte kurz, daß er sie in wenig Tagen wieder sehen, und alsdann befreyen werde. Alle Anstalten seyen schon gemacht. Sie warnte ihn, gegen Brigitten behutsam zu seyn, und ihr nichts zu sagen, denn sie wage viel, und könnte sie leicht aus Angst verrathen. Sie trennten sich nach ei- ner halben Stunde. Mariane wollte ihn nicht loslassen. Dreymal kehrte sie sich um, als sie schon gegangen war, und sank wieder an sein Herz. Mir ist, sagte sie, als ob ich dich zum letztenmale sähe! Ach, mein Herz ist so beklommen! Er suchte
was haben wir geduldet! Aber alles, alles iſt ver- geſſen, da ich dich, dich wieder habe! — Jch kann nicht ſprechen, meine Liebe! Gott im Himmel, meine Mariane hab ich wieder. Kuͤß mich! Kuͤß mich! Moͤcht ich doch vor Liebe ſterben! Mein, mein, mein! — Er druͤckte ſie |an ſich, als ob er Eins mit ihr werden wollte. Sie weinten, und ſchluchzten laut. — Gott wird unſer Schutz ſeyn, ſagte er, und uns wieder vereinigen! Ach Maria- ne, ich weis nicht, wie mir iſt? Jch moͤchte nur im Augenblicke ſterben! — Und ich auch, du Theu- rer! Ach, mein Herz iſt ſo beklommen! Wenn wir uns nur wieder ſehen! — Gewiß, gewiß! und bald, und ewig! ach Mariane, Mariane! — Siegwart ſagte kurz, daß er ſie in wenig Tagen wieder ſehen, und alsdann befreyen werde. Alle Anſtalten ſeyen ſchon gemacht. Sie warnte ihn, gegen Brigitten behutſam zu ſeyn, und ihr nichts zu ſagen, denn ſie wage viel, und koͤnnte ſie leicht aus Angſt verrathen. Sie trennten ſich nach ei- ner halben Stunde. Mariane wollte ihn nicht loslaſſen. Dreymal kehrte ſie ſich um, als ſie ſchon gegangen war, und ſank wieder an ſein Herz. Mir iſt, ſagte ſie, als ob ich dich zum letztenmale ſaͤhe! Ach, mein Herz iſt ſo beklommen! Er ſuchte
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was haben wir geduldet! Aber alles, alles iſt ver-
geſſen, da ich dich, dich wieder habe! — Jch kann
nicht ſprechen, meine Liebe! Gott im Himmel,
meine Mariane hab ich wieder. Kuͤß mich! Kuͤß
mich! Moͤcht ich doch vor Liebe ſterben! Mein,
mein, mein! — Er druͤckte ſie |an ſich, als ob
er Eins mit ihr werden wollte. Sie weinten, und
ſchluchzten laut. — Gott wird unſer Schutz ſeyn,
ſagte er, und uns wieder vereinigen! Ach Maria-
ne, ich weis nicht, wie mir iſt? Jch moͤchte nur
im Augenblicke ſterben! — Und ich auch, du Theu-
rer! Ach, mein Herz iſt ſo beklommen! Wenn wir
uns nur wieder ſehen! — Gewiß, gewiß! und
bald, und ewig! ach Mariane, Mariane! —
Siegwart ſagte kurz, daß er ſie in wenig Tagen
wieder ſehen, und alsdann befreyen werde. Alle
Anſtalten ſeyen ſchon gemacht. Sie warnte ihn,
gegen Brigitten behutſam zu ſeyn, und ihr nichts
zu ſagen, denn ſie wage viel, und koͤnnte ſie leicht
aus Angſt verrathen. Sie trennten ſich nach ei-
ner halben Stunde. Mariane wollte ihn nicht
loslaſſen. Dreymal kehrte ſie ſich um, als ſie
ſchon gegangen war, und ſank wieder an ſein Herz.
Mir iſt, ſagte ſie, als ob ich dich zum letztenmale
ſaͤhe! Ach, mein Herz iſt ſo beklommen! Er ſuchte
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Miller, Johann Martin: Siegwart. Bd. 2. Leipzig, 1776, S. 1010. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/miller_siegwart02_1776/590>, abgerufen am 15.09.2024.
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