Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Mörike, Eduard: Gedichte. Stuttgart, 1838.

Bild:
<< vorherige Seite
Ich höre bald der Hirtenflöten Klänge,
Wie um die Krippe jener Wundernacht,
Bald weinbekränzter Jugend Lustgesänge:
Wer hat das friedenselige Gedränge
In meine traurigen Wände hergebracht?
Und welch Gefühl entzückter Stärke,
Indem mein Sinn sich frisch zur Ferne lenkt?
Vom ersten Mark des heut'gen Tags getränkt,
Fühl' ich mir Muth zu jedem frommen Werke!
Die Seele fliegt, so weit der Himmel reicht,
Der Genius jauchzt in mir; -- doch sage,
Warum wird jetzt der Blick von Wehmuth feucht?
Ist's ein verloren Glück, was mich erweicht?
Ist es ein werdendes, was ich im Herzen trage?
-- Hinweg, mein Geist! hier gilt kein Stillestehn;
Es ist ein Augenblick, und -- Alles wird verwehn!
Dort sieh! am Horizont lüpft sich der Vorhang schon,
Es träumt der Tag, nun sey die Nacht entflohn,
Die Purpurlippe, die geschlossen lag,
Haucht, halbgeöffnet, süße Athemzüge,
Auf einmal blitzt das Aug', und, wie ein Gott, der Tag
Beginnt im Sprung die königlichen Flüge!

Ich hoͤre bald der Hirtenfloͤten Klaͤnge,
Wie um die Krippe jener Wundernacht,
Bald weinbekraͤnzter Jugend Luſtgeſaͤnge:
Wer hat das friedenſelige Gedraͤnge
In meine traurigen Waͤnde hergebracht?
Und welch Gefuͤhl entzuͤckter Staͤrke,
Indem mein Sinn ſich friſch zur Ferne lenkt?
Vom erſten Mark des heut'gen Tags getraͤnkt,
Fuͤhl' ich mir Muth zu jedem frommen Werke!
Die Seele fliegt, ſo weit der Himmel reicht,
Der Genius jauchzt in mir; — doch ſage,
Warum wird jetzt der Blick von Wehmuth feucht?
Iſt's ein verloren Gluͤck, was mich erweicht?
Iſt es ein werdendes, was ich im Herzen trage?
— Hinweg, mein Geiſt! hier gilt kein Stilleſtehn;
Es iſt ein Augenblick, und — Alles wird verwehn!
Dort ſieh! am Horizont luͤpft ſich der Vorhang ſchon,
Es traͤumt der Tag, nun ſey die Nacht entflohn,
Die Purpurlippe, die geſchloſſen lag,
Haucht, halbgeoͤffnet, ſuͤße Athemzuͤge,
Auf einmal blitzt das Aug', und, wie ein Gott, der Tag
Beginnt im Sprung die koͤniglichen Fluͤge!

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <lg type="poem">
          <pb facs="#f0018" n="2"/>
          <lg n="4">
            <l>Ich ho&#x0364;re bald der Hirtenflo&#x0364;ten Kla&#x0364;nge,</l><lb/>
            <l>Wie um die Krippe jener Wundernacht,</l><lb/>
            <l>Bald weinbekra&#x0364;nzter Jugend Lu&#x017F;tge&#x017F;a&#x0364;nge:</l><lb/>
            <l>Wer hat das frieden&#x017F;elige Gedra&#x0364;nge</l><lb/>
            <l>In meine traurigen Wa&#x0364;nde hergebracht?</l><lb/>
          </lg>
          <lg n="5">
            <l>Und welch Gefu&#x0364;hl entzu&#x0364;ckter Sta&#x0364;rke,</l><lb/>
            <l>Indem mein Sinn &#x017F;ich fri&#x017F;ch zur Ferne lenkt?</l><lb/>
            <l>Vom er&#x017F;ten Mark des heut'gen Tags getra&#x0364;nkt,</l><lb/>
            <l>Fu&#x0364;hl' ich mir Muth zu jedem frommen Werke!</l><lb/>
            <l>Die Seele fliegt, &#x017F;o weit der Himmel reicht,</l><lb/>
            <l>Der Genius jauchzt in mir; &#x2014; doch &#x017F;age,</l><lb/>
            <l>Warum wird jetzt der Blick von Wehmuth feucht?</l><lb/>
            <l>I&#x017F;t's ein verloren Glu&#x0364;ck, was mich erweicht?</l><lb/>
            <l>I&#x017F;t es ein werdendes, was ich im Herzen trage?</l><lb/>
            <l>&#x2014; Hinweg, mein Gei&#x017F;t! hier gilt kein Stille&#x017F;tehn;</l><lb/>
            <l>Es i&#x017F;t ein Augenblick, und &#x2014; Alles wird verwehn!</l><lb/>
          </lg>
          <lg n="6">
            <l>Dort &#x017F;ieh! am Horizont lu&#x0364;pft &#x017F;ich der Vorhang &#x017F;chon,</l><lb/>
            <l>Es tra&#x0364;umt der Tag, nun &#x017F;ey die Nacht entflohn,</l><lb/>
            <l>Die Purpurlippe, die ge&#x017F;chlo&#x017F;&#x017F;en lag,</l><lb/>
            <l>Haucht, halbgeo&#x0364;ffnet, &#x017F;u&#x0364;ße Athemzu&#x0364;ge,</l><lb/>
            <l>Auf einmal blitzt das Aug', und, wie ein Gott, der Tag</l><lb/>
            <l>Beginnt im Sprung die ko&#x0364;niglichen Flu&#x0364;ge!</l><lb/>
          </lg>
        </lg>
        <milestone rendition="#hr" unit="section"/>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[2/0018] Ich hoͤre bald der Hirtenfloͤten Klaͤnge, Wie um die Krippe jener Wundernacht, Bald weinbekraͤnzter Jugend Luſtgeſaͤnge: Wer hat das friedenſelige Gedraͤnge In meine traurigen Waͤnde hergebracht? Und welch Gefuͤhl entzuͤckter Staͤrke, Indem mein Sinn ſich friſch zur Ferne lenkt? Vom erſten Mark des heut'gen Tags getraͤnkt, Fuͤhl' ich mir Muth zu jedem frommen Werke! Die Seele fliegt, ſo weit der Himmel reicht, Der Genius jauchzt in mir; — doch ſage, Warum wird jetzt der Blick von Wehmuth feucht? Iſt's ein verloren Gluͤck, was mich erweicht? Iſt es ein werdendes, was ich im Herzen trage? — Hinweg, mein Geiſt! hier gilt kein Stilleſtehn; Es iſt ein Augenblick, und — Alles wird verwehn! Dort ſieh! am Horizont luͤpft ſich der Vorhang ſchon, Es traͤumt der Tag, nun ſey die Nacht entflohn, Die Purpurlippe, die geſchloſſen lag, Haucht, halbgeoͤffnet, ſuͤße Athemzuͤge, Auf einmal blitzt das Aug', und, wie ein Gott, der Tag Beginnt im Sprung die koͤniglichen Fluͤge!

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde von OCR-Software automatisch erfasst und anschließend gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien von Muttersprachlern nachkontrolliert. Es wurde gemäß dem DTA-Basisformat in XML/TEI P5 kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/moerike_gedichte_1838
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/moerike_gedichte_1838/18
Zitationshilfe: Mörike, Eduard: Gedichte. Stuttgart, 1838, S. 2. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/moerike_gedichte_1838/18>, abgerufen am 26.06.2022.