Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Mörike, Eduard: Gedichte. Stuttgart, 1838.

Bild:
<< vorherige Seite
"Jezt ist wohl ein Regenbogen
An dem Himmel," sagt' ich einmal:
Dann in meinem frohen Muthe
Sprach ich weiter diese Worte:
"Käm' auch keiner mehr an Himmel,
Wär' es gar nicht zu verwundern,
Denn die Leute ziehn ja selber
Seine bunten Bogenstreifen
Zu sich nieder auf die Gassen.
Sieh nur, wie sie sich beeilen!
Jeder mit dem Regendache
Führet einen andern Farben-
Bogen über seinem Haupte,
Jeder springt mit seinem Raube,
Blaue, rothe, violete, --
Alles nehmen sie mit fort."
Und du lächeltest und bogest
Mit mir um die lezte Ecke.
Und ich bat dich um ein Röslein,
Das du an der Brust getragen,
Und du reichtest mir's im Gehen
Schnelle hin, das süße Röslein;
Zitternd hob ich's an die Lippen,
Küßt' es brünstig zwei- und dreimal,
Niemand konnte dessen spotten,
Keine Seele hat's gesehen,
Und du selber sahst es nicht.
„Jezt iſt wohl ein Regenbogen
An dem Himmel,“ ſagt' ich einmal:
Dann in meinem frohen Muthe
Sprach ich weiter dieſe Worte:
„Kaͤm' auch keiner mehr an Himmel,
Waͤr' es gar nicht zu verwundern,
Denn die Leute ziehn ja ſelber
Seine bunten Bogenſtreifen
Zu ſich nieder auf die Gaſſen.
Sieh nur, wie ſie ſich beeilen!
Jeder mit dem Regendache
Fuͤhret einen andern Farben-
Bogen uͤber ſeinem Haupte,
Jeder ſpringt mit ſeinem Raube,
Blaue, rothe, violete, —
Alles nehmen ſie mit fort.“
Und du laͤchelteſt und bogeſt
Mit mir um die lezte Ecke.
Und ich bat dich um ein Roͤslein,
Das du an der Bruſt getragen,
Und du reichteſt mir's im Gehen
Schnelle hin, das ſuͤße Roͤslein;
Zitternd hob ich's an die Lippen,
Kuͤßt' es bruͤnſtig zwei- und dreimal,
Niemand konnte deſſen ſpotten,
Keine Seele hat's geſehen,
Und du ſelber ſahſt es nicht.
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <lg type="poem">
          <pb facs="#f0020" n="4"/>
          <lg n="4">
            <l>&#x201E;Jezt i&#x017F;t wohl ein Regenbogen</l><lb/>
            <l>An dem Himmel,&#x201C; &#x017F;agt' ich einmal:</l><lb/>
            <l>Dann in meinem frohen Muthe</l><lb/>
            <l>Sprach ich weiter die&#x017F;e Worte:</l><lb/>
            <l>&#x201E;Ka&#x0364;m' auch keiner mehr an Himmel,</l><lb/>
            <l>Wa&#x0364;r' es gar nicht zu verwundern,</l><lb/>
            <l>Denn die Leute ziehn ja &#x017F;elber</l><lb/>
            <l>Seine bunten Bogen&#x017F;treifen</l><lb/>
            <l>Zu &#x017F;ich nieder auf die Ga&#x017F;&#x017F;en.</l><lb/>
            <l>Sieh nur, wie &#x017F;ie &#x017F;ich beeilen!</l><lb/>
            <l>Jeder mit dem Regendache</l><lb/>
            <l>Fu&#x0364;hret einen andern Farben-</l><lb/>
            <l>Bogen u&#x0364;ber &#x017F;einem Haupte,</l><lb/>
            <l>Jeder &#x017F;pringt mit &#x017F;einem Raube,</l><lb/>
            <l>Blaue, rothe, violete, &#x2014;</l><lb/>
            <l>Alles nehmen &#x017F;ie mit fort.&#x201C;</l><lb/>
          </lg>
          <lg n="5">
            <l>Und du la&#x0364;chelte&#x017F;t und boge&#x017F;t</l><lb/>
            <l>Mit mir um die lezte Ecke.</l><lb/>
          </lg>
          <lg n="6">
            <l>Und ich bat dich um ein Ro&#x0364;slein,</l><lb/>
            <l>Das du an der Bru&#x017F;t getragen,</l><lb/>
            <l>Und du reichte&#x017F;t mir's im Gehen</l><lb/>
            <l>Schnelle hin, das &#x017F;u&#x0364;ße Ro&#x0364;slein;</l><lb/>
            <l>Zitternd hob ich's an die Lippen,</l><lb/>
            <l>Ku&#x0364;ßt' es bru&#x0364;n&#x017F;tig zwei- und dreimal,</l><lb/>
            <l>Niemand konnte de&#x017F;&#x017F;en &#x017F;potten,</l><lb/>
            <l>Keine Seele hat's ge&#x017F;ehen,</l><lb/>
            <l>Und du &#x017F;elber &#x017F;ah&#x017F;t es nicht.</l><lb/>
          </lg>
        </lg>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[4/0020] „Jezt iſt wohl ein Regenbogen An dem Himmel,“ ſagt' ich einmal: Dann in meinem frohen Muthe Sprach ich weiter dieſe Worte: „Kaͤm' auch keiner mehr an Himmel, Waͤr' es gar nicht zu verwundern, Denn die Leute ziehn ja ſelber Seine bunten Bogenſtreifen Zu ſich nieder auf die Gaſſen. Sieh nur, wie ſie ſich beeilen! Jeder mit dem Regendache Fuͤhret einen andern Farben- Bogen uͤber ſeinem Haupte, Jeder ſpringt mit ſeinem Raube, Blaue, rothe, violete, — Alles nehmen ſie mit fort.“ Und du laͤchelteſt und bogeſt Mit mir um die lezte Ecke. Und ich bat dich um ein Roͤslein, Das du an der Bruſt getragen, Und du reichteſt mir's im Gehen Schnelle hin, das ſuͤße Roͤslein; Zitternd hob ich's an die Lippen, Kuͤßt' es bruͤnſtig zwei- und dreimal, Niemand konnte deſſen ſpotten, Keine Seele hat's geſehen, Und du ſelber ſahſt es nicht.

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde von OCR-Software automatisch erfasst und anschließend gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien von Muttersprachlern nachkontrolliert. Es wurde gemäß dem DTA-Basisformat in XML/TEI P5 kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/moerike_gedichte_1838
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/moerike_gedichte_1838/20
Zitationshilfe: Mörike, Eduard: Gedichte. Stuttgart, 1838, S. 4. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/moerike_gedichte_1838/20>, abgerufen am 02.07.2022.