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Mörike, Eduard: Gedichte. Stuttgart, 1838.

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Abschied.
Unangeklopft ein Herr tritt Abends bei mir ein:
"Ich habe die Ehr', Ihr Recensent zu seyn."
Sofort nimmt er das Licht in die Hand,
Besieht lang meinen Schatten an der Wand,
Rückt nah und fern: "Nun, lieber junger Mann,
Sehn Sie doch gefälligst 'mal Ihre Nas' so von der Seite an!
Sie geben zu, daß das ein Auswuchs is."
-- Das? Alle Wetter -- gewiß!
Ei Hasen! ich dachte nicht,
All mein Lebtage nicht,
Daß ich so eine Welts-Nase führt' im Gesicht!!
Der Mann sprach noch Zerschiednes hin und her,
Ich weiß, auf meine Ehre, nicht mehr;
Meinte vielleicht, ich sollt' ihm beichten.
Zulezt stand er auf; ich that ihm leuchten.
Wie wir nun an der Treppe sind,
Da geb' ich ihm, ganz froh gesinnt,
Einen kleinen Tritt
Nur so von hinten auf's Gesäße mit --
Alle Hagel! ward das ein Gerumpel,
Ein Gepurzel, ein Gehumpel!
Dergleichen hab' ich nie gesehn,
All mein Lebtage nicht gesehn
Einen Menschen so rasch die Trepp' hinab gehn!
Abſchied.
Unangeklopft ein Herr tritt Abends bei mir ein:
„Ich habe die Ehr', Ihr Recenſent zu ſeyn.“
Sofort nimmt er das Licht in die Hand,
Beſieht lang meinen Schatten an der Wand,
Ruͤckt nah und fern: „Nun, lieber junger Mann,
Sehn Sie doch gefaͤlligſt 'mal Ihre Naſ' ſo von der Seite an!
Sie geben zu, daß das ein Auswuchs is.“
— Das? Alle Wetter — gewiß!
Ei Haſen! ich dachte nicht,
All mein Lebtage nicht,
Daß ich ſo eine Welts-Naſe fuͤhrt' im Geſicht!!
Der Mann ſprach noch Zerſchiednes hin und her,
Ich weiß, auf meine Ehre, nicht mehr;
Meinte vielleicht, ich ſollt' ihm beichten.
Zulezt ſtand er auf; ich that ihm leuchten.
Wie wir nun an der Treppe ſind,
Da geb' ich ihm, ganz froh geſinnt,
Einen kleinen Tritt
Nur ſo von hinten auf's Geſaͤße mit —
Alle Hagel! ward das ein Gerumpel,
Ein Gepurzel, ein Gehumpel!
Dergleichen hab' ich nie geſehn,
All mein Lebtage nicht geſehn
Einen Menſchen ſo raſch die Trepp' hinab gehn!
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[229/0245] Abſchied. Unangeklopft ein Herr tritt Abends bei mir ein: „Ich habe die Ehr', Ihr Recenſent zu ſeyn.“ Sofort nimmt er das Licht in die Hand, Beſieht lang meinen Schatten an der Wand, Ruͤckt nah und fern: „Nun, lieber junger Mann, Sehn Sie doch gefaͤlligſt 'mal Ihre Naſ' ſo von der Seite an! Sie geben zu, daß das ein Auswuchs is.“ — Das? Alle Wetter — gewiß! Ei Haſen! ich dachte nicht, All mein Lebtage nicht, Daß ich ſo eine Welts-Naſe fuͤhrt' im Geſicht!! Der Mann ſprach noch Zerſchiednes hin und her, Ich weiß, auf meine Ehre, nicht mehr; Meinte vielleicht, ich ſollt' ihm beichten. Zulezt ſtand er auf; ich that ihm leuchten. Wie wir nun an der Treppe ſind, Da geb' ich ihm, ganz froh geſinnt, Einen kleinen Tritt Nur ſo von hinten auf's Geſaͤße mit — Alle Hagel! ward das ein Gerumpel, Ein Gepurzel, ein Gehumpel! Dergleichen hab' ich nie geſehn, All mein Lebtage nicht geſehn Einen Menſchen ſo raſch die Trepp' hinab gehn!

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Zitationshilfe: Mörike, Eduard: Gedichte. Stuttgart, 1838, S. 229. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/moerike_gedichte_1838/245>, abgerufen am 28.05.2022.