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Mörike, Eduard: Gedichte. Stuttgart, 1838.

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Aus einer Spalte des Vorhangs guckte
Plötzlich der Kopf des Zaubermädchens,
Lieblich war er und doch so beängstend.
Sollt' ich die Hand ihr nicht geben
In ihre liebe Hand?
Bat denn ihr Auge nicht,
Sagend: da bin ich wieder
Hergekommen aus weiter Welt?
IV.
Warum, Geliebte, denk' ich dein
Auf Einmal mit viel tausend Thränen,
Und kann gar nicht zufrieden seyn,
Und will die Brust in alle Ferne dehnen?
Ach, gestern in den hellen Kindersaal
Beim Flimmer zierlich aufgesteckter Kerzen,
Wo ich mein selbst vergaß in Lärm und Scherzen,
Tratst du, o Bildniß mitleid-schöner Qual;
Es war dein Geist, er sezte sich an's Mahl,
Wir saßen fremd mit stumm verhaltnen Schmerzen,
Zulezt brach ich in lautes Schluchzen aus,
Und Hand in Hand verließen wir das Haus.
V.
Die Liebe, sagt man, steht am Pfahl gebunden,
Geht endlich arm, verlassen, unbeschuht,
Dies edle Haupt hat nicht mehr, wo es ruht,
Mit ihren Thränen nezt sie bittre Wunden.
Aus einer Spalte des Vorhangs guckte
Ploͤtzlich der Kopf des Zaubermaͤdchens,
Lieblich war er und doch ſo beaͤngſtend.
Sollt' ich die Hand ihr nicht geben
In ihre liebe Hand?
Bat denn ihr Auge nicht,
Sagend: da bin ich wieder
Hergekommen aus weiter Welt?
IV.
Warum, Geliebte, denk' ich dein
Auf Einmal mit viel tauſend Thraͤnen,
Und kann gar nicht zufrieden ſeyn,
Und will die Bruſt in alle Ferne dehnen?
Ach, geſtern in den hellen Kinderſaal
Beim Flimmer zierlich aufgeſteckter Kerzen,
Wo ich mein ſelbſt vergaß in Laͤrm und Scherzen,
Tratſt du, o Bildniß mitleid-ſchoͤner Qual;
Es war dein Geiſt, er ſezte ſich an's Mahl,
Wir ſaßen fremd mit ſtumm verhaltnen Schmerzen,
Zulezt brach ich in lautes Schluchzen aus,
Und Hand in Hand verließen wir das Haus.
V.
Die Liebe, ſagt man, ſteht am Pfahl gebunden,
Geht endlich arm, verlaſſen, unbeſchuht,
Dies edle Haupt hat nicht mehr, wo es ruht,
Mit ihren Thraͤnen nezt ſie bittre Wunden.
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[234/0250] Aus einer Spalte des Vorhangs guckte Ploͤtzlich der Kopf des Zaubermaͤdchens, Lieblich war er und doch ſo beaͤngſtend. Sollt' ich die Hand ihr nicht geben In ihre liebe Hand? Bat denn ihr Auge nicht, Sagend: da bin ich wieder Hergekommen aus weiter Welt? IV. Warum, Geliebte, denk' ich dein Auf Einmal mit viel tauſend Thraͤnen, Und kann gar nicht zufrieden ſeyn, Und will die Bruſt in alle Ferne dehnen? Ach, geſtern in den hellen Kinderſaal Beim Flimmer zierlich aufgeſteckter Kerzen, Wo ich mein ſelbſt vergaß in Laͤrm und Scherzen, Tratſt du, o Bildniß mitleid-ſchoͤner Qual; Es war dein Geiſt, er ſezte ſich an's Mahl, Wir ſaßen fremd mit ſtumm verhaltnen Schmerzen, Zulezt brach ich in lautes Schluchzen aus, Und Hand in Hand verließen wir das Haus. V. Die Liebe, ſagt man, ſteht am Pfahl gebunden, Geht endlich arm, verlaſſen, unbeſchuht, Dies edle Haupt hat nicht mehr, wo es ruht, Mit ihren Thraͤnen nezt ſie bittre Wunden.

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Zitationshilfe: Mörike, Eduard: Gedichte. Stuttgart, 1838, S. 234. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/moerike_gedichte_1838/250>, abgerufen am 28.05.2022.