Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Mörike, Eduard: Gedichte. Stuttgart, 1838.

Bild:
<< vorherige Seite
Besuch in Urach.
Nur fast so wie im Traum ist mir's geschehen,
Daß ich in dies geliebte Thal verirrt;
Kein Wunder ist, was meine Augen sehen,
Doch schwankt der Boden, Luft und Staude schwirrt,
Aus tausend grünen Spiegeln scheint zu gehen
Vergang'ne Zeit, die lächelnd mich verwirrt,
Die Wahrheit selber wird hier zum Gedichte,
Mein eigen Bild ein fremd und hold Gesichte!
Da seyd ihr alle wieder aufgerichtet,
Besonnte Felsen, alte Wolkenstühle!
Auf Wäldern schwer, wo kaum der Mittag lichtet
Und Schatten mischt mit balsamreicher Schwüle;
Kennt ihr mich noch, der sonst hieher geflüchtet,
Im Moose bei süß-schläferndem Gefühle,
Der Mücke Sumsen hier ein Ohr geliehen,
Ach, kennt ihr mich, und wollt nicht vor mir fliehen?
Hier wird ein Strauch, ein jeder Halm zur Schlinge,
Die mich in liebliche Betrachtung fängt,
Kein Mäuerchen, kein Holz ist so geringe,
Daß nicht mein Blick voll Wehmuth an ihm hängt;
Ein jedes spricht mir halbvergeßne Dinge,
Ich fühle, wie von Schmerz und Lust gedrängt
Die Thräne stockt, indeß ich ohne Weile,
Unschlüssig, satt und durstig, weiter eile.
Beſuch in Urach.
Nur faſt ſo wie im Traum iſt mir's geſchehen,
Daß ich in dies geliebte Thal verirrt;
Kein Wunder iſt, was meine Augen ſehen,
Doch ſchwankt der Boden, Luft und Staude ſchwirrt,
Aus tauſend gruͤnen Spiegeln ſcheint zu gehen
Vergang'ne Zeit, die laͤchelnd mich verwirrt,
Die Wahrheit ſelber wird hier zum Gedichte,
Mein eigen Bild ein fremd und hold Geſichte!
Da ſeyd ihr alle wieder aufgerichtet,
Beſonnte Felſen, alte Wolkenſtuͤhle!
Auf Waͤldern ſchwer, wo kaum der Mittag lichtet
Und Schatten miſcht mit balſamreicher Schwuͤle;
Kennt ihr mich noch, der ſonſt hieher gefluͤchtet,
Im Mooſe bei ſuͤß-ſchlaͤferndem Gefuͤhle,
Der Muͤcke Sumſen hier ein Ohr geliehen,
Ach, kennt ihr mich, und wollt nicht vor mir fliehen?
Hier wird ein Strauch, ein jeder Halm zur Schlinge,
Die mich in liebliche Betrachtung faͤngt,
Kein Maͤuerchen, kein Holz iſt ſo geringe,
Daß nicht mein Blick voll Wehmuth an ihm haͤngt;
Ein jedes ſpricht mir halbvergeßne Dinge,
Ich fuͤhle, wie von Schmerz und Luſt gedraͤngt
Die Thraͤne ſtockt, indeß ich ohne Weile,
Unſchluͤſſig, ſatt und durſtig, weiter eile.
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <pb facs="#f0064" n="48"/>
      </div>
      <div n="1">
        <head> <hi rendition="#b">Be&#x017F;uch in Urach.</hi><lb/>
        </head>
        <lg type="poem">
          <lg n="1">
            <l><hi rendition="#in">N</hi>ur fa&#x017F;t &#x017F;o wie im Traum i&#x017F;t mir's ge&#x017F;chehen,</l><lb/>
            <l>Daß ich in dies geliebte Thal verirrt;</l><lb/>
            <l>Kein Wunder i&#x017F;t, was meine Augen &#x017F;ehen,</l><lb/>
            <l>Doch &#x017F;chwankt der Boden, Luft und Staude &#x017F;chwirrt,</l><lb/>
            <l>Aus tau&#x017F;end gru&#x0364;nen Spiegeln &#x017F;cheint zu gehen</l><lb/>
            <l>Vergang'ne Zeit, die la&#x0364;chelnd mich verwirrt,</l><lb/>
            <l>Die Wahrheit &#x017F;elber wird hier zum Gedichte,</l><lb/>
            <l>Mein eigen Bild ein fremd und hold Ge&#x017F;ichte!</l><lb/>
          </lg>
          <lg n="2">
            <l>Da &#x017F;eyd ihr alle wieder aufgerichtet,</l><lb/>
            <l>Be&#x017F;onnte Fel&#x017F;en, alte Wolken&#x017F;tu&#x0364;hle!</l><lb/>
            <l>Auf Wa&#x0364;ldern &#x017F;chwer, wo kaum der Mittag lichtet</l><lb/>
            <l>Und Schatten mi&#x017F;cht mit bal&#x017F;amreicher Schwu&#x0364;le;</l><lb/>
            <l>Kennt ihr mich noch, der &#x017F;on&#x017F;t hieher geflu&#x0364;chtet,</l><lb/>
            <l>Im Moo&#x017F;e bei &#x017F;u&#x0364;ß-&#x017F;chla&#x0364;ferndem Gefu&#x0364;hle,</l><lb/>
            <l>Der Mu&#x0364;cke Sum&#x017F;en hier ein Ohr geliehen,</l><lb/>
            <l>Ach, kennt ihr mich, und wollt nicht vor mir fliehen?</l><lb/>
          </lg>
          <lg n="3">
            <l>Hier wird ein Strauch, ein jeder Halm zur Schlinge,</l><lb/>
            <l>Die mich in liebliche Betrachtung fa&#x0364;ngt,</l><lb/>
            <l>Kein Ma&#x0364;uerchen, kein Holz i&#x017F;t &#x017F;o geringe,</l><lb/>
            <l>Daß nicht mein Blick voll Wehmuth an ihm ha&#x0364;ngt;</l><lb/>
            <l>Ein jedes &#x017F;pricht mir halbvergeßne Dinge,</l><lb/>
            <l>Ich fu&#x0364;hle, wie von Schmerz und Lu&#x017F;t gedra&#x0364;ngt</l><lb/>
            <l>Die Thra&#x0364;ne &#x017F;tockt, indeß ich ohne Weile,</l><lb/>
            <l>Un&#x017F;chlu&#x0364;&#x017F;&#x017F;ig, &#x017F;att und dur&#x017F;tig, weiter eile.</l><lb/>
          </lg>
        </lg>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[48/0064] Beſuch in Urach. Nur faſt ſo wie im Traum iſt mir's geſchehen, Daß ich in dies geliebte Thal verirrt; Kein Wunder iſt, was meine Augen ſehen, Doch ſchwankt der Boden, Luft und Staude ſchwirrt, Aus tauſend gruͤnen Spiegeln ſcheint zu gehen Vergang'ne Zeit, die laͤchelnd mich verwirrt, Die Wahrheit ſelber wird hier zum Gedichte, Mein eigen Bild ein fremd und hold Geſichte! Da ſeyd ihr alle wieder aufgerichtet, Beſonnte Felſen, alte Wolkenſtuͤhle! Auf Waͤldern ſchwer, wo kaum der Mittag lichtet Und Schatten miſcht mit balſamreicher Schwuͤle; Kennt ihr mich noch, der ſonſt hieher gefluͤchtet, Im Mooſe bei ſuͤß-ſchlaͤferndem Gefuͤhle, Der Muͤcke Sumſen hier ein Ohr geliehen, Ach, kennt ihr mich, und wollt nicht vor mir fliehen? Hier wird ein Strauch, ein jeder Halm zur Schlinge, Die mich in liebliche Betrachtung faͤngt, Kein Maͤuerchen, kein Holz iſt ſo geringe, Daß nicht mein Blick voll Wehmuth an ihm haͤngt; Ein jedes ſpricht mir halbvergeßne Dinge, Ich fuͤhle, wie von Schmerz und Luſt gedraͤngt Die Thraͤne ſtockt, indeß ich ohne Weile, Unſchluͤſſig, ſatt und durſtig, weiter eile.

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde von OCR-Software automatisch erfasst und anschließend gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien von Muttersprachlern nachkontrolliert. Es wurde gemäß dem DTA-Basisformat in XML/TEI P5 kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/moerike_gedichte_1838
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/moerike_gedichte_1838/64
Zitationshilfe: Mörike, Eduard: Gedichte. Stuttgart, 1838, S. 48. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/moerike_gedichte_1838/64>, abgerufen am 29.06.2022.