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Mörike, Eduard: Gedichte. Stuttgart, 1838.

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Josephine.
Das Hochamt war. Der Morgensonne Blick
Glomm wunderbar im süßen Weihrauchscheine;
Der Priester schwieg; nun brauste die Musik
Vom Chor herab zur Tiefe der Gemeine.
So stürzt ein sonnetrunkner Aar
Vom Himmel sich mit herrlichem Gefieder,
So läßt Jehovens Mantel unsichtbar
Sich stürmend aus den Wolken nieder.
Dazwischen hört' ich eine Stimme wehen,
Die sanft den Sturm der Chöre unterbrach,
Sie schmiegte sich mit schwesterlichem Flehen
Dem süß verwandten Ton der Flöte nach.
Wer ist's, der diese Himmelsklänge schickt?
Das Mädchen dort, das so bescheiden blickt.
Ich eile sachte auf die Galerie,
Zwar klopft mein Herz, doch tret' ich hinter sie.
Hier konnt' ich denn in unschuldvoller Lust
Mit leiser Hand ihr festlich Kleid berühren,
Ich konnte still, ihr selber unbewußt,
Die nahe Regung ihres Wesens spüren.
Joſephine.
Das Hochamt war. Der Morgenſonne Blick
Glomm wunderbar im ſuͤßen Weihrauchſcheine;
Der Prieſter ſchwieg; nun brauſte die Muſik
Vom Chor herab zur Tiefe der Gemeine.
So ſtuͤrzt ein ſonnetrunkner Aar
Vom Himmel ſich mit herrlichem Gefieder,
So laͤßt Jehovens Mantel unſichtbar
Sich ſtuͤrmend aus den Wolken nieder.
Dazwiſchen hoͤrt' ich eine Stimme wehen,
Die ſanft den Sturm der Choͤre unterbrach,
Sie ſchmiegte ſich mit ſchweſterlichem Flehen
Dem ſuͤß verwandten Ton der Floͤte nach.
Wer iſt's, der dieſe Himmelsklaͤnge ſchickt?
Das Maͤdchen dort, das ſo beſcheiden blickt.
Ich eile ſachte auf die Galerie,
Zwar klopft mein Herz, doch tret' ich hinter ſie.
Hier konnt' ich denn in unſchuldvoller Luſt
Mit leiſer Hand ihr feſtlich Kleid beruͤhren,
Ich konnte ſtill, ihr ſelber unbewußt,
Die nahe Regung ihres Weſens ſpuͤren.
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[64/0080] Joſephine. Das Hochamt war. Der Morgenſonne Blick Glomm wunderbar im ſuͤßen Weihrauchſcheine; Der Prieſter ſchwieg; nun brauſte die Muſik Vom Chor herab zur Tiefe der Gemeine. So ſtuͤrzt ein ſonnetrunkner Aar Vom Himmel ſich mit herrlichem Gefieder, So laͤßt Jehovens Mantel unſichtbar Sich ſtuͤrmend aus den Wolken nieder. Dazwiſchen hoͤrt' ich eine Stimme wehen, Die ſanft den Sturm der Choͤre unterbrach, Sie ſchmiegte ſich mit ſchweſterlichem Flehen Dem ſuͤß verwandten Ton der Floͤte nach. Wer iſt's, der dieſe Himmelsklaͤnge ſchickt? Das Maͤdchen dort, das ſo beſcheiden blickt. Ich eile ſachte auf die Galerie, Zwar klopft mein Herz, doch tret' ich hinter ſie. Hier konnt' ich denn in unſchuldvoller Luſt Mit leiſer Hand ihr feſtlich Kleid beruͤhren, Ich konnte ſtill, ihr ſelber unbewußt, Die nahe Regung ihres Weſens ſpuͤren.

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Zitationshilfe: Mörike, Eduard: Gedichte. Stuttgart, 1838, S. 64. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/moerike_gedichte_1838/80>, abgerufen am 28.05.2022.