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Mörike, Eduard: Gedichte. Stuttgart, 1838.

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Doch, welch ein Blick und welche Miene,
Als ich das Wort nun endlich nahm,
Und nun der Name Josephine
Mir herzlich auf die Lippen kam!
Welch zages Spiel die braunen Augen hatten!
Wie barg sich unterm tiefgesenkten Schatten
Der Wimper gern die ros'ge Schaam!
Und wie der Mund, der eben im Gesang
Die Gottheit noch auf seiner Schwelle hegte,
Sich von der Töne heil'gem Ueberschwang
Zu mir mit schlichter Rede herbewegte!
O dieser Ton, -- ich fühlt' es nur zu bald,
Schlich sich in's Herz und macht es tief erkranken;
Ich stehe wie ein Träumer in Gedanken,
Indeß die Orgel nun verhallt,
Die Sängerin vorüberwallt,
Die Kirche aufbricht und die Kerzen wanken.

Mörike, Gedichte. 5
Doch, welch ein Blick und welche Miene,
Als ich das Wort nun endlich nahm,
Und nun der Name Joſephine
Mir herzlich auf die Lippen kam!
Welch zages Spiel die braunen Augen hatten!
Wie barg ſich unterm tiefgeſenkten Schatten
Der Wimper gern die roſ'ge Schaam!
Und wie der Mund, der eben im Geſang
Die Gottheit noch auf ſeiner Schwelle hegte,
Sich von der Toͤne heil'gem Ueberſchwang
Zu mir mit ſchlichter Rede herbewegte!
O dieſer Ton, — ich fuͤhlt' es nur zu bald,
Schlich ſich in's Herz und macht es tief erkranken;
Ich ſtehe wie ein Traͤumer in Gedanken,
Indeß die Orgel nun verhallt,
Die Saͤngerin voruͤberwallt,
Die Kirche aufbricht und die Kerzen wanken.

Moͤrike, Gedichte. 5
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[65/0081] Doch, welch ein Blick und welche Miene, Als ich das Wort nun endlich nahm, Und nun der Name Joſephine Mir herzlich auf die Lippen kam! Welch zages Spiel die braunen Augen hatten! Wie barg ſich unterm tiefgeſenkten Schatten Der Wimper gern die roſ'ge Schaam! Und wie der Mund, der eben im Geſang Die Gottheit noch auf ſeiner Schwelle hegte, Sich von der Toͤne heil'gem Ueberſchwang Zu mir mit ſchlichter Rede herbewegte! O dieſer Ton, — ich fuͤhlt' es nur zu bald, Schlich ſich in's Herz und macht es tief erkranken; Ich ſtehe wie ein Traͤumer in Gedanken, Indeß die Orgel nun verhallt, Die Saͤngerin voruͤberwallt, Die Kirche aufbricht und die Kerzen wanken. Moͤrike, Gedichte. 5

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Zitationshilfe: Mörike, Eduard: Gedichte. Stuttgart, 1838, S. 65. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/moerike_gedichte_1838/81>, abgerufen am 28.05.2022.