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Mörike, Eduard: Gedichte. Stuttgart, 1838.

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Auf der Reise.
Zwischen süßem Schmerz,
Zwischen dumpfem Wohlbehagen
Sitz' ich nächtlich in dem Reisewagen,
Lasse mich so weit von dir, mein Herz,
Weit und immer weiter tragen.
Schweigend sitz' ich und allein,
Ich wiege mich in bunten Träumen,
Das muntre Posthorn klingt darein,
Es tanzt der liebe Mondenschein
Nach diesem Ton auf Quellen und auf Bäumen,
Sogar zu mir durch's enge Fensterlein.
Ich wünsche mir nun Dies und Das.
O könnt' ich jetzo durch ein Zauberglas
In's Goldgewebe deines Traumes blicken!
Vielleicht dann sah' ich wieder mit Entzücken
Dich in der Laube wohlbekannt,
Ich sähe Genofevens Hand
Auf deiner Schulter traulich liegen,
Am Ende säh' ich selber mich,
Halb keck und halb bescheidentlich,
An deine holde Wange schmiegen.
Doch nein! wie dürft' ich auch nur hoffen,
Daß jezt mein Schatten bei dir sey!
Ach, stünden deine Träume für mich offen,
Du winktest wohl auch wachend mich herbei!

Auf der Reiſe.
Zwiſchen ſuͤßem Schmerz,
Zwiſchen dumpfem Wohlbehagen
Sitz' ich naͤchtlich in dem Reiſewagen,
Laſſe mich ſo weit von dir, mein Herz,
Weit und immer weiter tragen.
Schweigend ſitz' ich und allein,
Ich wiege mich in bunten Traͤumen,
Das muntre Poſthorn klingt darein,
Es tanzt der liebe Mondenſchein
Nach dieſem Ton auf Quellen und auf Baͤumen,
Sogar zu mir durch's enge Fenſterlein.
Ich wuͤnſche mir nun Dies und Das.
O koͤnnt' ich jetzo durch ein Zauberglas
In's Goldgewebe deines Traumes blicken!
Vielleicht dann ſah' ich wieder mit Entzuͤcken
Dich in der Laube wohlbekannt,
Ich ſaͤhe Genofevens Hand
Auf deiner Schulter traulich liegen,
Am Ende ſaͤh' ich ſelber mich,
Halb keck und halb beſcheidentlich,
An deine holde Wange ſchmiegen.
Doch nein! wie duͤrft' ich auch nur hoffen,
Daß jezt mein Schatten bei dir ſey!
Ach, ſtuͤnden deine Traͤume fuͤr mich offen,
Du winkteſt wohl auch wachend mich herbei!

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[66/0082] Auf der Reiſe. Zwiſchen ſuͤßem Schmerz, Zwiſchen dumpfem Wohlbehagen Sitz' ich naͤchtlich in dem Reiſewagen, Laſſe mich ſo weit von dir, mein Herz, Weit und immer weiter tragen. Schweigend ſitz' ich und allein, Ich wiege mich in bunten Traͤumen, Das muntre Poſthorn klingt darein, Es tanzt der liebe Mondenſchein Nach dieſem Ton auf Quellen und auf Baͤumen, Sogar zu mir durch's enge Fenſterlein. Ich wuͤnſche mir nun Dies und Das. O koͤnnt' ich jetzo durch ein Zauberglas In's Goldgewebe deines Traumes blicken! Vielleicht dann ſah' ich wieder mit Entzuͤcken Dich in der Laube wohlbekannt, Ich ſaͤhe Genofevens Hand Auf deiner Schulter traulich liegen, Am Ende ſaͤh' ich ſelber mich, Halb keck und halb beſcheidentlich, An deine holde Wange ſchmiegen. Doch nein! wie duͤrft' ich auch nur hoffen, Daß jezt mein Schatten bei dir ſey! Ach, ſtuͤnden deine Traͤume fuͤr mich offen, Du winkteſt wohl auch wachend mich herbei!

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Zitationshilfe: Mörike, Eduard: Gedichte. Stuttgart, 1838, S. 66. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/moerike_gedichte_1838/82>, abgerufen am 25.05.2022.