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Mörike, Eduard: Maler Nolten. Bd. 2 Stuttgart, 1832.

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Bank, wo der Liebste bei ihr sitzen soll. Wirst Du
bald kommen? wirst Du nicht? -- Wag' es sie zu
betrügen! Den hellen süßen Sommertag dieser schuld-
losen Seele mit Einem verzweifelten Streiche hinzu-
stürzen in eine dumpfe Nacht, wehe! das wimmernde
Geschöpf! Thu's, und erlebe, daß ich in wenig Mon-
den, ein einsamer Wallfahrer, auf des Mädchens Grab-
hügel die kraftlose Posse, das Nichts unsrer Freund-
schaft, und die zerschlagene Hoffnung beweine, daß
mein elendes Leben, kurz eh ich's ende, doch wenig-
stens noch so viel nutz seyn möchte, zwei gute Men-
schen glücklich zu machen."


Wer war unglücklicher als der Maler? und wer
hätte glücklicher seyn können als er, wäre er sogleich
fähig gewesen, seinem Geiste nur so viel Schwung zu
geben, als nöthig, um einigermaßen sich über die Um-
stände, deren Forderungen ihm furchtbar über das
Haupt hinaus wuchsen, zu erheben und eine klare
Uebersicht seiner Lage zu erhalten. Doch dazu hatte
er noch weit. In einer ihm selbst verwundersamen,
traumähnlichen Gleichgültigkeit ritt er bald langsam,
bald hitzig einen einsamen Feldweg, und statt daß er,
wie er einige Mal versuchte, wenigstens die Punkte,
worauf es ankam, hätte nach der Reihe durchdenken
können, sah er sich, wie eigen! immer nur von einer
monotonen, lächerlichen Melodie verfolgt, womit ihm
irgend ein Kobold zur höchsten Unzeit neckisch in den

Bank, wo der Liebſte bei ihr ſitzen ſoll. Wirſt Du
bald kommen? wirſt Du nicht? — Wag’ es ſie zu
betrügen! Den hellen ſüßen Sommertag dieſer ſchuld-
loſen Seele mit Einem verzweifelten Streiche hinzu-
ſtürzen in eine dumpfe Nacht, wehe! das wimmernde
Geſchöpf! Thu’s, und erlebe, daß ich in wenig Mon-
den, ein einſamer Wallfahrer, auf des Mädchens Grab-
hügel die kraftloſe Poſſe, das Nichts unſrer Freund-
ſchaft, und die zerſchlagene Hoffnung beweine, daß
mein elendes Leben, kurz eh ich’s ende, doch wenig-
ſtens noch ſo viel nutz ſeyn möchte, zwei gute Men-
ſchen glücklich zu machen.“


Wer war unglücklicher als der Maler? und wer
hätte glücklicher ſeyn können als er, wäre er ſogleich
fähig geweſen, ſeinem Geiſte nur ſo viel Schwung zu
geben, als nöthig, um einigermaßen ſich über die Um-
ſtände, deren Forderungen ihm furchtbar über das
Haupt hinaus wuchſen, zu erheben und eine klare
Ueberſicht ſeiner Lage zu erhalten. Doch dazu hatte
er noch weit. In einer ihm ſelbſt verwunderſamen,
traumähnlichen Gleichgültigkeit ritt er bald langſam,
bald hitzig einen einſamen Feldweg, und ſtatt daß er,
wie er einige Mal verſuchte, wenigſtens die Punkte,
worauf es ankam, hätte nach der Reihe durchdenken
können, ſah er ſich, wie eigen! immer nur von einer
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[357/0043] Bank, wo der Liebſte bei ihr ſitzen ſoll. Wirſt Du bald kommen? wirſt Du nicht? — Wag’ es ſie zu betrügen! Den hellen ſüßen Sommertag dieſer ſchuld- loſen Seele mit Einem verzweifelten Streiche hinzu- ſtürzen in eine dumpfe Nacht, wehe! das wimmernde Geſchöpf! Thu’s, und erlebe, daß ich in wenig Mon- den, ein einſamer Wallfahrer, auf des Mädchens Grab- hügel die kraftloſe Poſſe, das Nichts unſrer Freund- ſchaft, und die zerſchlagene Hoffnung beweine, daß mein elendes Leben, kurz eh ich’s ende, doch wenig- ſtens noch ſo viel nutz ſeyn möchte, zwei gute Men- ſchen glücklich zu machen.“ Wer war unglücklicher als der Maler? und wer hätte glücklicher ſeyn können als er, wäre er ſogleich fähig geweſen, ſeinem Geiſte nur ſo viel Schwung zu geben, als nöthig, um einigermaßen ſich über die Um- ſtände, deren Forderungen ihm furchtbar über das Haupt hinaus wuchſen, zu erheben und eine klare Ueberſicht ſeiner Lage zu erhalten. Doch dazu hatte er noch weit. In einer ihm ſelbſt verwunderſamen, traumähnlichen Gleichgültigkeit ritt er bald langſam, bald hitzig einen einſamen Feldweg, und ſtatt daß er, wie er einige Mal verſuchte, wenigſtens die Punkte, worauf es ankam, hätte nach der Reihe durchdenken können, ſah er ſich, wie eigen! immer nur von einer monotonen, lächerlichen Melodie verfolgt, womit ihm irgend ein Kobold zur höchſten Unzeit neckiſch in den

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Zitationshilfe: Mörike, Eduard: Maler Nolten. Bd. 2 Stuttgart, 1832, S. 357. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/moerike_nolten02_1832/43>, abgerufen am 12.04.2021.