und bemitteltesten Leute um die Wette bestreben einen Platz darunter zu erhalten. So war die alte Verfassung. Durch diese kluge Vertheilung der Ehre erhielt man alle Stände in ihrer glücklichsten Gradation, und man brauchte nicht nach dem Exempel des jetzigen Kriegs von Frankreich jährlich zwey Kaufleute zu adeln (ein Ausweg der allein die Schwäche un- ser neuern Politik zeigt) um den Handel empor zu bringen.
Der Gedanke, daß alle Bürger in Uniforme gesetzt werden sollen, wird manchem seltsam vorkommen. Ich be- haupte aber, daß dieses der erste und fürnehmste Schritt zur Wiederstellung der städtischen Wohlfarth seyn werde. Wenn der Soldat ein Handwerk treibt: so sieht der Officier dieses gern. Er betrachtet ihn als einen tüchtigen guten und sichern Mann; und wenn er heyrathen will: so ist das Handwerk die beste Empfehlung bey seiner Braut. Sie sieht darauf als auf seine sicherste Pension im Alter. Wenn hingegen ein bürgerlicher Handwerker den Degen ergreift: so lacht man darüber. So närrisch ist unsre Einbildung. Der Grund ist und bleibt aber unstreitig, daß die nordischen Völker und besonders die Deutschen die Ehre hauptsächlich mit den Waf- fen verknüpfen, und diejenigen auf die Dauer verachten, die solche zu tragen und zu brauchen nicht berechtiget sind. Und so ist kein ander Mittel, als den Degen mit dem Handwerke wieder zu verbinden, um diesem Stande die nöthige Ehre zu verschaffen. Die hartnäckigtesten Belagerungen, wovon wir in der Geschichte lesen, sind von Bürgern ausgehalten wor- den, die für ihren Heerd, für Weiber und Kinder gefochten. Man lieset, daß diese mit zu Walle gegangen, und ihren Männern geholfen, sie verbunden und begraben haben. War- um sollte ihnen denn nicht nach den Feldregimentern die Ehre von Garnisonregimentern eingeräumet werden können? War- um sollte ein kluger Fürst, solche Leute, die ihre Pflicht ohne
Sold
Von dem Verfall des Handwerks
und bemittelteſten Leute um die Wette beſtreben einen Platz darunter zu erhalten. So war die alte Verfaſſung. Durch dieſe kluge Vertheilung der Ehre erhielt man alle Staͤnde in ihrer gluͤcklichſten Gradation, und man brauchte nicht nach dem Exempel des jetzigen Kriegs von Frankreich jaͤhrlich zwey Kaufleute zu adeln (ein Ausweg der allein die Schwaͤche un- ſer neuern Politik zeigt) um den Handel empor zu bringen.
Der Gedanke, daß alle Buͤrger in Uniforme geſetzt werden ſollen, wird manchem ſeltſam vorkommen. Ich be- haupte aber, daß dieſes der erſte und fuͤrnehmſte Schritt zur Wiederſtellung der ſtaͤdtiſchen Wohlfarth ſeyn werde. Wenn der Soldat ein Handwerk treibt: ſo ſieht der Officier dieſes gern. Er betrachtet ihn als einen tuͤchtigen guten und ſichern Mann; und wenn er heyrathen will: ſo iſt das Handwerk die beſte Empfehlung bey ſeiner Braut. Sie ſieht darauf als auf ſeine ſicherſte Penſion im Alter. Wenn hingegen ein buͤrgerlicher Handwerker den Degen ergreift: ſo lacht man daruͤber. So naͤrriſch iſt unſre Einbildung. Der Grund iſt und bleibt aber unſtreitig, daß die nordiſchen Voͤlker und beſonders die Deutſchen die Ehre hauptſaͤchlich mit den Waf- fen verknuͤpfen, und diejenigen auf die Dauer verachten, die ſolche zu tragen und zu brauchen nicht berechtiget ſind. Und ſo iſt kein ander Mittel, als den Degen mit dem Handwerke wieder zu verbinden, um dieſem Stande die noͤthige Ehre zu verſchaffen. Die hartnaͤckigteſten Belagerungen, wovon wir in der Geſchichte leſen, ſind von Buͤrgern ausgehalten wor- den, die fuͤr ihren Heerd, fuͤr Weiber und Kinder gefochten. Man lieſet, daß dieſe mit zu Walle gegangen, und ihren Maͤnnern geholfen, ſie verbunden und begraben haben. War- um ſollte ihnen denn nicht nach den Feldregimentern die Ehre von Garniſonregimentern eingeraͤumet werden koͤnnen? War- um ſollte ein kluger Fuͤrſt, ſolche Leute, die ihre Pflicht ohne
Sold
<TEI><text><body><divn="1"><p><pbfacs="#f0216"n="198"/><fwplace="top"type="header"><hirendition="#b">Von dem Verfall des Handwerks</hi></fw><lb/>
und bemittelteſten Leute um die Wette beſtreben einen Platz<lb/>
darunter zu erhalten. So war die alte Verfaſſung. Durch<lb/>
dieſe kluge Vertheilung der Ehre erhielt man alle Staͤnde in<lb/>
ihrer gluͤcklichſten Gradation, und man brauchte nicht nach<lb/>
dem Exempel des jetzigen Kriegs von Frankreich jaͤhrlich zwey<lb/>
Kaufleute zu adeln (ein Ausweg der allein die Schwaͤche un-<lb/>ſer neuern Politik zeigt) um den Handel empor zu bringen.</p><lb/><p>Der Gedanke, daß alle Buͤrger in Uniforme geſetzt<lb/>
werden ſollen, wird manchem ſeltſam vorkommen. Ich be-<lb/>
haupte aber, daß dieſes der erſte und fuͤrnehmſte Schritt zur<lb/>
Wiederſtellung der ſtaͤdtiſchen Wohlfarth ſeyn werde. Wenn<lb/>
der Soldat ein Handwerk treibt: ſo ſieht der Officier dieſes<lb/>
gern. Er betrachtet ihn als einen tuͤchtigen guten und ſichern<lb/>
Mann; und wenn er heyrathen will: ſo iſt das Handwerk<lb/>
die beſte Empfehlung bey ſeiner Braut. Sie ſieht darauf<lb/>
als auf ſeine ſicherſte Penſion im Alter. Wenn hingegen ein<lb/>
buͤrgerlicher Handwerker den Degen ergreift: ſo lacht man<lb/>
daruͤber. So naͤrriſch iſt unſre Einbildung. Der Grund<lb/>
iſt und bleibt aber unſtreitig, daß die nordiſchen Voͤlker und<lb/>
beſonders die Deutſchen die Ehre hauptſaͤchlich mit den Waf-<lb/>
fen verknuͤpfen, und diejenigen auf die Dauer verachten, die<lb/>ſolche zu tragen und zu brauchen nicht berechtiget ſind. Und<lb/>ſo iſt kein ander Mittel, als den Degen mit dem Handwerke<lb/>
wieder zu verbinden, um dieſem Stande die noͤthige Ehre zu<lb/>
verſchaffen. Die hartnaͤckigteſten Belagerungen, wovon wir<lb/>
in der Geſchichte leſen, ſind von Buͤrgern ausgehalten wor-<lb/>
den, die fuͤr ihren Heerd, fuͤr Weiber und Kinder gefochten.<lb/>
Man lieſet, daß dieſe mit zu Walle gegangen, und ihren<lb/>
Maͤnnern geholfen, ſie verbunden und begraben haben. War-<lb/>
um ſollte ihnen denn nicht nach den Feldregimentern die Ehre<lb/>
von Garniſonregimentern eingeraͤumet werden koͤnnen? War-<lb/>
um ſollte ein kluger Fuͤrſt, ſolche Leute, die ihre Pflicht ohne<lb/><fwplace="bottom"type="catch">Sold</fw><lb/></p></div></body></text></TEI>
[198/0216]
Von dem Verfall des Handwerks
und bemittelteſten Leute um die Wette beſtreben einen Platz
darunter zu erhalten. So war die alte Verfaſſung. Durch
dieſe kluge Vertheilung der Ehre erhielt man alle Staͤnde in
ihrer gluͤcklichſten Gradation, und man brauchte nicht nach
dem Exempel des jetzigen Kriegs von Frankreich jaͤhrlich zwey
Kaufleute zu adeln (ein Ausweg der allein die Schwaͤche un-
ſer neuern Politik zeigt) um den Handel empor zu bringen.
Der Gedanke, daß alle Buͤrger in Uniforme geſetzt
werden ſollen, wird manchem ſeltſam vorkommen. Ich be-
haupte aber, daß dieſes der erſte und fuͤrnehmſte Schritt zur
Wiederſtellung der ſtaͤdtiſchen Wohlfarth ſeyn werde. Wenn
der Soldat ein Handwerk treibt: ſo ſieht der Officier dieſes
gern. Er betrachtet ihn als einen tuͤchtigen guten und ſichern
Mann; und wenn er heyrathen will: ſo iſt das Handwerk
die beſte Empfehlung bey ſeiner Braut. Sie ſieht darauf
als auf ſeine ſicherſte Penſion im Alter. Wenn hingegen ein
buͤrgerlicher Handwerker den Degen ergreift: ſo lacht man
daruͤber. So naͤrriſch iſt unſre Einbildung. Der Grund
iſt und bleibt aber unſtreitig, daß die nordiſchen Voͤlker und
beſonders die Deutſchen die Ehre hauptſaͤchlich mit den Waf-
fen verknuͤpfen, und diejenigen auf die Dauer verachten, die
ſolche zu tragen und zu brauchen nicht berechtiget ſind. Und
ſo iſt kein ander Mittel, als den Degen mit dem Handwerke
wieder zu verbinden, um dieſem Stande die noͤthige Ehre zu
verſchaffen. Die hartnaͤckigteſten Belagerungen, wovon wir
in der Geſchichte leſen, ſind von Buͤrgern ausgehalten wor-
den, die fuͤr ihren Heerd, fuͤr Weiber und Kinder gefochten.
Man lieſet, daß dieſe mit zu Walle gegangen, und ihren
Maͤnnern geholfen, ſie verbunden und begraben haben. War-
um ſollte ihnen denn nicht nach den Feldregimentern die Ehre
von Garniſonregimentern eingeraͤumet werden koͤnnen? War-
um ſollte ein kluger Fuͤrſt, ſolche Leute, die ihre Pflicht ohne
Sold
Informationen zur CAB-Ansicht
Diese Ansicht bietet Ihnen die Darstellung des Textes in normalisierter Orthographie.
Diese Textvariante wird vollautomatisch erstellt und kann aufgrund dessen auch Fehler enthalten.
Alle veränderten Wortformen sind grau hinterlegt. Als fremdsprachliches Material erkannte
Textteile sind ausgegraut dargestellt.
Möser, Justus: Patriotische Phantasien. Bd. 1. Berlin, 1775, S. 198. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/moeser_phantasien01_1775/216>, abgerufen am 25.09.2024.
Alle Inhalte dieser Seite unterstehen, soweit nicht anders gekennzeichnet, einer
Creative-Commons-Lizenz.
Die Rechte an den angezeigten Bilddigitalisaten, soweit nicht anders gekennzeichnet, liegen bei den besitzenden Bibliotheken.
Weitere Informationen finden Sie in den DTA-Nutzungsbedingungen.
Insbesondere im Hinblick auf die §§ 86a StGB und 130 StGB wird festgestellt, dass die auf
diesen Seiten abgebildeten Inhalte weder in irgendeiner Form propagandistischen Zwecken
dienen, oder Werbung für verbotene Organisationen oder Vereinigungen darstellen, oder
nationalsozialistische Verbrechen leugnen oder verharmlosen, noch zum Zwecke der
Herabwürdigung der Menschenwürde gezeigt werden.
Die auf diesen Seiten abgebildeten Inhalte (in Wort und Bild) dienen im Sinne des
§ 86 StGB Abs. 3 ausschließlich historischen, sozial- oder kulturwissenschaftlichen
Forschungszwecken. Ihre Veröffentlichung erfolgt in der Absicht, Wissen zur Anregung
der intellektuellen Selbstständigkeit und Verantwortungsbereitschaft des Staatsbürgers zu
vermitteln und damit der Förderung seiner Mündigkeit zu dienen.
Zitierempfehlung: Deutsches Textarchiv. Grundlage für ein Referenzkorpus der neuhochdeutschen Sprache. Herausgegeben von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, Berlin 2024. URL: https://www.deutschestextarchiv.de/.