Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Möser, Justus: Patriotische Phantasien. Bd. 1. Berlin, 1775.

Bild:
<< vorherige Seite


XVIII.
Schreiben einer Cammerjungfer.

Sie thun in der That recht wohl daran, daß Sie mir
den Coffee als ein sehr schädliches und schleichendes
Gift widerrathen, und ich weis ihnen die ernsthafte Mine
recht von Herzen Dank, womit sie mein Gewissen in diesem
wichtigen Punkte zu rühren gesucht haben. Da er mir schon
lange nicht mehr geschmeckt hat: so habe ich ihren Gründen
vollkommen Beyfall gegeben, und wir sind hier zu Lande alle
darinn eins, daß in den Familien, worinn seit funfzig Jah-
ren Coffee getrunken worden, keiner mehr sey, der seinem El-
tervater an die Schulter reiche. Und wo sind die braunro-
then Kernbacken der vormaligen Großtanten geblieben? Sind
unsre jungen Herrn nicht lauter Marionetten? und unsre al-
lerliebsten Puppen, Dinger, die sich in verschlossenen Sänf-
ten herum tragen lassen müssen, damit der Frühlingswind sie
nicht austrockne? Indessen glauben Sie ja nicht, daß wir
hier noch so altfränkisch sind, um funfzig Jahr bey einem Ge-
tränke zu bleiben. Mich dünkt, die Mode eine schwarze
Lauge zu trinken, hat lange genug gewährt; und es ist wohl
hohe Zeit, daß man endlich einmal etwas anders genieße.
Ich und meine gnädige Frau haben die letzte Zeit schon das
abgeschmackte Zeug nicht mehr herunter bringen können, und
immer auf jedes Loth Coffee einen Theelöffel voll Senfsaat
zugesetzt, um ihm nur noch einigen haut gout zu geben. Ich
wollte aber, daß wir vor zehn Jahren so klug gewesen wä-
ren wie jetzt: so würde unser gnädiges Fräulein nicht so man-
ches Herzklopfen gefühlt, und mich nicht durch so manchen
Schwindel erschreckt haben. Und wer weis wo es herkömmt,
daß wir seit zwanzig Jahren einen solchen abscheulichen Man-

gel
H 2


XVIII.
Schreiben einer Cammerjungfer.

Sie thun in der That recht wohl daran, daß Sie mir
den Coffee als ein ſehr ſchaͤdliches und ſchleichendes
Gift widerrathen, und ich weis ihnen die ernſthafte Mine
recht von Herzen Dank, womit ſie mein Gewiſſen in dieſem
wichtigen Punkte zu ruͤhren geſucht haben. Da er mir ſchon
lange nicht mehr geſchmeckt hat: ſo habe ich ihren Gruͤnden
vollkommen Beyfall gegeben, und wir ſind hier zu Lande alle
darinn eins, daß in den Familien, worinn ſeit funfzig Jah-
ren Coffee getrunken worden, keiner mehr ſey, der ſeinem El-
tervater an die Schulter reiche. Und wo ſind die braunro-
then Kernbacken der vormaligen Großtanten geblieben? Sind
unſre jungen Herrn nicht lauter Marionetten? und unſre al-
lerliebſten Puppen, Dinger, die ſich in verſchloſſenen Saͤnf-
ten herum tragen laſſen muͤſſen, damit der Fruͤhlingswind ſie
nicht austrockne? Indeſſen glauben Sie ja nicht, daß wir
hier noch ſo altfraͤnkiſch ſind, um funfzig Jahr bey einem Ge-
traͤnke zu bleiben. Mich duͤnkt, die Mode eine ſchwarze
Lauge zu trinken, hat lange genug gewaͤhrt; und es iſt wohl
hohe Zeit, daß man endlich einmal etwas anders genieße.
Ich und meine gnaͤdige Frau haben die letzte Zeit ſchon das
abgeſchmackte Zeug nicht mehr herunter bringen koͤnnen, und
immer auf jedes Loth Coffee einen Theeloͤffel voll Senfſaat
zugeſetzt, um ihm nur noch einigen haut gout zu geben. Ich
wollte aber, daß wir vor zehn Jahren ſo klug geweſen waͤ-
ren wie jetzt: ſo wuͤrde unſer gnaͤdiges Fraͤulein nicht ſo man-
ches Herzklopfen gefuͤhlt, und mich nicht durch ſo manchen
Schwindel erſchreckt haben. Und wer weis wo es herkoͤmmt,
daß wir ſeit zwanzig Jahren einen ſolchen abſcheulichen Man-

gel
H 2
<TEI>
  <text>
    <body>
      <pb facs="#f0133" n="115"/>
      <milestone rendition="#hr" unit="section"/><lb/>
      <div n="1">
        <head> <hi rendition="#b"><hi rendition="#aq">XVIII.</hi><lb/>
Schreiben einer Cammerjungfer.</hi> </head><lb/>
        <p>Sie thun in der That recht wohl daran, daß Sie mir<lb/>
den Coffee als ein &#x017F;ehr &#x017F;cha&#x0364;dliches und &#x017F;chleichendes<lb/>
Gift widerrathen, und ich weis ihnen die ern&#x017F;thafte Mine<lb/>
recht von Herzen Dank, womit &#x017F;ie mein Gewi&#x017F;&#x017F;en in die&#x017F;em<lb/>
wichtigen Punkte zu ru&#x0364;hren ge&#x017F;ucht haben. Da er mir &#x017F;chon<lb/>
lange nicht mehr ge&#x017F;chmeckt hat: &#x017F;o habe ich ihren Gru&#x0364;nden<lb/>
vollkommen Beyfall gegeben, und wir &#x017F;ind hier zu Lande alle<lb/>
darinn eins, daß in den Familien, worinn &#x017F;eit funfzig Jah-<lb/>
ren Coffee getrunken worden, keiner mehr &#x017F;ey, der &#x017F;einem El-<lb/>
tervater an die Schulter reiche. Und wo &#x017F;ind die braunro-<lb/>
then Kernbacken der vormaligen Großtanten geblieben? Sind<lb/>
un&#x017F;re jungen Herrn nicht lauter Marionetten? und un&#x017F;re al-<lb/>
lerlieb&#x017F;ten Puppen, Dinger, die &#x017F;ich in ver&#x017F;chlo&#x017F;&#x017F;enen Sa&#x0364;nf-<lb/>
ten herum tragen la&#x017F;&#x017F;en mu&#x0364;&#x017F;&#x017F;en, damit der Fru&#x0364;hlingswind &#x017F;ie<lb/>
nicht austrockne? Inde&#x017F;&#x017F;en glauben Sie ja nicht, daß wir<lb/>
hier noch &#x017F;o altfra&#x0364;nki&#x017F;ch &#x017F;ind, um funfzig Jahr bey einem Ge-<lb/>
tra&#x0364;nke zu bleiben. Mich du&#x0364;nkt, die Mode eine &#x017F;chwarze<lb/>
Lauge zu trinken, hat lange genug gewa&#x0364;hrt; und es i&#x017F;t wohl<lb/>
hohe Zeit, daß man endlich einmal etwas anders genieße.<lb/>
Ich und meine gna&#x0364;dige Frau haben die letzte Zeit &#x017F;chon das<lb/>
abge&#x017F;chmackte Zeug nicht mehr herunter bringen ko&#x0364;nnen, und<lb/>
immer auf jedes Loth Coffee einen Theelo&#x0364;ffel voll Senf&#x017F;aat<lb/>
zuge&#x017F;etzt, um ihm nur noch einigen <hi rendition="#aq">haut gout</hi> zu geben. Ich<lb/>
wollte aber, daß wir vor zehn Jahren &#x017F;o klug gewe&#x017F;en wa&#x0364;-<lb/>
ren wie jetzt: &#x017F;o wu&#x0364;rde un&#x017F;er gna&#x0364;diges Fra&#x0364;ulein nicht &#x017F;o man-<lb/>
ches Herzklopfen gefu&#x0364;hlt, und mich nicht durch &#x017F;o manchen<lb/>
Schwindel er&#x017F;chreckt haben. Und wer weis wo es herko&#x0364;mmt,<lb/>
daß wir &#x017F;eit zwanzig Jahren einen &#x017F;olchen ab&#x017F;cheulichen Man-<lb/>
<fw place="bottom" type="sig">H 2</fw><fw place="bottom" type="catch">gel</fw><lb/></p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[115/0133] XVIII. Schreiben einer Cammerjungfer. Sie thun in der That recht wohl daran, daß Sie mir den Coffee als ein ſehr ſchaͤdliches und ſchleichendes Gift widerrathen, und ich weis ihnen die ernſthafte Mine recht von Herzen Dank, womit ſie mein Gewiſſen in dieſem wichtigen Punkte zu ruͤhren geſucht haben. Da er mir ſchon lange nicht mehr geſchmeckt hat: ſo habe ich ihren Gruͤnden vollkommen Beyfall gegeben, und wir ſind hier zu Lande alle darinn eins, daß in den Familien, worinn ſeit funfzig Jah- ren Coffee getrunken worden, keiner mehr ſey, der ſeinem El- tervater an die Schulter reiche. Und wo ſind die braunro- then Kernbacken der vormaligen Großtanten geblieben? Sind unſre jungen Herrn nicht lauter Marionetten? und unſre al- lerliebſten Puppen, Dinger, die ſich in verſchloſſenen Saͤnf- ten herum tragen laſſen muͤſſen, damit der Fruͤhlingswind ſie nicht austrockne? Indeſſen glauben Sie ja nicht, daß wir hier noch ſo altfraͤnkiſch ſind, um funfzig Jahr bey einem Ge- traͤnke zu bleiben. Mich duͤnkt, die Mode eine ſchwarze Lauge zu trinken, hat lange genug gewaͤhrt; und es iſt wohl hohe Zeit, daß man endlich einmal etwas anders genieße. Ich und meine gnaͤdige Frau haben die letzte Zeit ſchon das abgeſchmackte Zeug nicht mehr herunter bringen koͤnnen, und immer auf jedes Loth Coffee einen Theeloͤffel voll Senfſaat zugeſetzt, um ihm nur noch einigen haut gout zu geben. Ich wollte aber, daß wir vor zehn Jahren ſo klug geweſen waͤ- ren wie jetzt: ſo wuͤrde unſer gnaͤdiges Fraͤulein nicht ſo man- ches Herzklopfen gefuͤhlt, und mich nicht durch ſo manchen Schwindel erſchreckt haben. Und wer weis wo es herkoͤmmt, daß wir ſeit zwanzig Jahren einen ſolchen abſcheulichen Man- gel H 2

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/moeser_phantasien01_1775
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/moeser_phantasien01_1775/133
Zitationshilfe: Möser, Justus: Patriotische Phantasien. Bd. 1. Berlin, 1775, S. 115. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/moeser_phantasien01_1775/133>, abgerufen am 19.04.2021.