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Möser, Justus: Patriotische Phantasien. Bd. 1. Berlin, 1775.

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Schreiben einer Cammerjungfer.
gel an Freyern haben, und einem Leibarzt Jahrgeld geben
müssen? Es ist dieses gerade zu der Zeit aufgekommen, wie
man angefangen hat Coffee zu trinken. Meine Großmutter
hatte nichts als Rhabarber und Hollunderbeerensaft im Hause,
damit erhielt sie 12 Kinder so gesund als wie die Fische. Aber
damals wußte man nichts von Coffee, von Blehungen, von
Koliken, von Hypokundrie und von den verzweifelten Ma-
genkrämpfen. Meine gnädige Frau hat ihren noch übrigen
Coffee den Waschweibern vermacht. Diese können ihn bey
der Waschmulde wieder ausdünsten; oder ein Schluck Seif-
fenwasser darauf nehmen, damit keine Steine davon wachsen.
Neulich kam ein junger Herr aus Frankreich, der erzählte uns,
wie sich bey einer angestelleten Uebersuchung gefunden hätte,
daß kein einziger in Paris sey, dessen Großvater nicht vom
Lande in die Stadt gezogen wäre. Die dortigen Familien
sagte er, gehen alle im dritten Gliede aus. Und woher kann
dieses anders kommen als vom Coffee?

Wir armen Cammerjungfern sind dabey am übelsten
daran, keiner getrauet sich in allen Ehren an uns, weil wir
leider in dem Rufe sind, als wenn wir nichts wie Coffee und
Wein trinken, und nichts als vergebliche Arbeit machen könn-
ten. Dies soll mir aber keiner nachsagen können. Ich esse
ein Stück hausbacken Brod mit wahren Vergnügen, und
spinne alle Abend heimlich mein Stück Garn, um nicht in
jenen bösen Ruf zu kommen. Wenn es doch die Leute nur
wissen möchten!

Unser Gärtner hat Süßholz-Weiden setzen lassen, und
hoft, die Leute sollen davon zu dem neuen Zigorien-Coffee,
welcher jezt so sehr getrunken wird, gebrauchen. Allein ich
fürchte, unsre Aerzte werden sich bald dagegen setzen, weil bey
diesem Getränke kein Mensch krank werden wird. Es wird damit
wie mit den Kartoffeln gehen, welchen die Becker und Müller

an-

Schreiben einer Cammerjungfer.
gel an Freyern haben, und einem Leibarzt Jahrgeld geben
muͤſſen? Es iſt dieſes gerade zu der Zeit aufgekommen, wie
man angefangen hat Coffee zu trinken. Meine Großmutter
hatte nichts als Rhabarber und Hollunderbeerenſaft im Hauſe,
damit erhielt ſie 12 Kinder ſo geſund als wie die Fiſche. Aber
damals wußte man nichts von Coffee, von Blehungen, von
Koliken, von Hypokundrie und von den verzweifelten Ma-
genkraͤmpfen. Meine gnaͤdige Frau hat ihren noch uͤbrigen
Coffee den Waſchweibern vermacht. Dieſe koͤnnen ihn bey
der Waſchmulde wieder ausduͤnſten; oder ein Schluck Seif-
fenwaſſer darauf nehmen, damit keine Steine davon wachſen.
Neulich kam ein junger Herr aus Frankreich, der erzaͤhlte uns,
wie ſich bey einer angeſtelleten Ueberſuchung gefunden haͤtte,
daß kein einziger in Paris ſey, deſſen Großvater nicht vom
Lande in die Stadt gezogen waͤre. Die dortigen Familien
ſagte er, gehen alle im dritten Gliede aus. Und woher kann
dieſes anders kommen als vom Coffee?

Wir armen Cammerjungfern ſind dabey am uͤbelſten
daran, keiner getrauet ſich in allen Ehren an uns, weil wir
leider in dem Rufe ſind, als wenn wir nichts wie Coffee und
Wein trinken, und nichts als vergebliche Arbeit machen koͤnn-
ten. Dies ſoll mir aber keiner nachſagen koͤnnen. Ich eſſe
ein Stuͤck hausbacken Brod mit wahren Vergnuͤgen, und
ſpinne alle Abend heimlich mein Stuͤck Garn, um nicht in
jenen boͤſen Ruf zu kommen. Wenn es doch die Leute nur
wiſſen moͤchten!

Unſer Gaͤrtner hat Suͤßholz-Weiden ſetzen laſſen, und
hoft, die Leute ſollen davon zu dem neuen Zigorien-Coffee,
welcher jezt ſo ſehr getrunken wird, gebrauchen. Allein ich
fuͤrchte, unſre Aerzte werden ſich bald dagegen ſetzen, weil bey
dieſem Getraͤnke kein Menſch krank werden wird. Es wird damit
wie mit den Kartoffeln gehen, welchen die Becker und Muͤller

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[116/0134] Schreiben einer Cammerjungfer. gel an Freyern haben, und einem Leibarzt Jahrgeld geben muͤſſen? Es iſt dieſes gerade zu der Zeit aufgekommen, wie man angefangen hat Coffee zu trinken. Meine Großmutter hatte nichts als Rhabarber und Hollunderbeerenſaft im Hauſe, damit erhielt ſie 12 Kinder ſo geſund als wie die Fiſche. Aber damals wußte man nichts von Coffee, von Blehungen, von Koliken, von Hypokundrie und von den verzweifelten Ma- genkraͤmpfen. Meine gnaͤdige Frau hat ihren noch uͤbrigen Coffee den Waſchweibern vermacht. Dieſe koͤnnen ihn bey der Waſchmulde wieder ausduͤnſten; oder ein Schluck Seif- fenwaſſer darauf nehmen, damit keine Steine davon wachſen. Neulich kam ein junger Herr aus Frankreich, der erzaͤhlte uns, wie ſich bey einer angeſtelleten Ueberſuchung gefunden haͤtte, daß kein einziger in Paris ſey, deſſen Großvater nicht vom Lande in die Stadt gezogen waͤre. Die dortigen Familien ſagte er, gehen alle im dritten Gliede aus. Und woher kann dieſes anders kommen als vom Coffee? Wir armen Cammerjungfern ſind dabey am uͤbelſten daran, keiner getrauet ſich in allen Ehren an uns, weil wir leider in dem Rufe ſind, als wenn wir nichts wie Coffee und Wein trinken, und nichts als vergebliche Arbeit machen koͤnn- ten. Dies ſoll mir aber keiner nachſagen koͤnnen. Ich eſſe ein Stuͤck hausbacken Brod mit wahren Vergnuͤgen, und ſpinne alle Abend heimlich mein Stuͤck Garn, um nicht in jenen boͤſen Ruf zu kommen. Wenn es doch die Leute nur wiſſen moͤchten! Unſer Gaͤrtner hat Suͤßholz-Weiden ſetzen laſſen, und hoft, die Leute ſollen davon zu dem neuen Zigorien-Coffee, welcher jezt ſo ſehr getrunken wird, gebrauchen. Allein ich fuͤrchte, unſre Aerzte werden ſich bald dagegen ſetzen, weil bey dieſem Getraͤnke kein Menſch krank werden wird. Es wird damit wie mit den Kartoffeln gehen, welchen die Becker und Muͤller an-

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Zitationshilfe: Möser, Justus: Patriotische Phantasien. Bd. 1. Berlin, 1775, S. 116. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/moeser_phantasien01_1775/134>, abgerufen am 11.05.2021.