Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Möser, Justus: Patriotische Phantasien. Bd. 1. Berlin, 1775.

Bild:
<< vorherige Seite

Es bleibt beym Alten.
Weizenbau vermehrt sich täglich in Gegenden, wo man ihn
vorhin gar nicht möglich glaubte. Wir sind also folgsam --
-- aber gegen Erfahrungen und nicht gegen Projekte und
unsichere Proben.

Proben und Versuche sind für den Edelmann, der et-
was verlieren kann; nicht für den Landmann, der jedes Han-
debreite Land zu Rathe halten muß. Dies mag sich der Kü-
ster merken.



XXXVI.
Klage wider die Packenträger.

Die Packenträger sind der Verderb des ganzen Landes.
Wie mancher Viehmagd kroch ehedem ihr braunes
Haar unter einer mit Schraubschnur eingefaßten Mütze her-
vor; die der Packenträger erst zu Lioner-Golde, drauf zu
Kannten, und zuletzt wohl gar zu Spitzen verführet hat.
Nur stolz, wenn ihre Kühe nach einem harten und langen
Winter dick und glatt waren, dachte sie noch nicht an sich selbst;
und wünschte blos durch die Zierde ihrer Kühe, sich als eine
gute Haushälterin dem Großknecht zu empfehlen. Sie
schämte sich nicht in Holzschuhen, diesem den Bewohnern
nasser Gegenden von der Vorsehung angemessenen Fußwer-
te a) zu Dorfe und barfuß zur Kirche, deren Boden noch nicht

mit
a) Die Holzschuhe sind den nassen Weidegegenden, und den-
jemgen so darauf gehen oder arbeiten, unentbehrlich, weil
die lederne Sohlen theils schwammicht werden, theils mit
der Feuchtigkeit eine beständige Kälte bewahren. In den
Berggegenden werden sie wenig gebraucht. Wo ein schwe-
rer Acker und die Erde klebrich ist, kennt man sie gar nicht;
weil

Es bleibt beym Alten.
Weizenbau vermehrt ſich taͤglich in Gegenden, wo man ihn
vorhin gar nicht moͤglich glaubte. Wir ſind alſo folgſam —
— aber gegen Erfahrungen und nicht gegen Projekte und
unſichere Proben.

Proben und Verſuche ſind fuͤr den Edelmann, der et-
was verlieren kann; nicht fuͤr den Landmann, der jedes Han-
debreite Land zu Rathe halten muß. Dies mag ſich der Kuͤ-
ſter merken.



XXXVI.
Klage wider die Packentraͤger.

Die Packentraͤger ſind der Verderb des ganzen Landes.
Wie mancher Viehmagd kroch ehedem ihr braunes
Haar unter einer mit Schraubſchnur eingefaßten Muͤtze her-
vor; die der Packentraͤger erſt zu Lioner-Golde, drauf zu
Kannten, und zuletzt wohl gar zu Spitzen verfuͤhret hat.
Nur ſtolz, wenn ihre Kuͤhe nach einem harten und langen
Winter dick und glatt waren, dachte ſie noch nicht an ſich ſelbſt;
und wuͤnſchte blos durch die Zierde ihrer Kuͤhe, ſich als eine
gute Haushaͤlterin dem Großknecht zu empfehlen. Sie
ſchaͤmte ſich nicht in Holzſchuhen, dieſem den Bewohnern
naſſer Gegenden von der Vorſehung angemeſſenen Fußwer-
te a) zu Dorfe und barfuß zur Kirche, deren Boden noch nicht

mit
a) Die Holzſchuhe ſind den naſſen Weidegegenden, und den-
jemgen ſo darauf gehen oder arbeiten, unentbehrlich, weil
die lederne Sohlen theils ſchwammicht werden, theils mit
der Feuchtigkeit eine beſtaͤndige Kaͤlte bewahren. In den
Berggegenden werden ſie wenig gebraucht. Wo ein ſchwe-
rer Acker und die Erde klebrich iſt, kennt man ſie gar nicht;
weil
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <p><pb facs="#f0237" n="219"/><fw place="top" type="header"><hi rendition="#b">Es bleibt beym Alten.</hi></fw><lb/>
Weizenbau vermehrt &#x017F;ich ta&#x0364;glich in Gegenden, wo man ihn<lb/>
vorhin gar nicht mo&#x0364;glich glaubte. Wir &#x017F;ind al&#x017F;o folg&#x017F;am &#x2014;<lb/>
&#x2014; aber gegen Erfahrungen und nicht gegen Projekte und<lb/>
un&#x017F;ichere Proben.</p><lb/>
        <p>Proben und Ver&#x017F;uche &#x017F;ind fu&#x0364;r den Edelmann, der et-<lb/>
was verlieren kann; nicht fu&#x0364;r den Landmann, der jedes Han-<lb/>
debreite Land zu Rathe halten muß. Dies mag &#x017F;ich der Ku&#x0364;-<lb/>
&#x017F;ter merken.</p>
      </div><lb/>
      <milestone rendition="#hr" unit="section"/><lb/>
      <div n="1">
        <head> <hi rendition="#b"><hi rendition="#aq">XXXVI.</hi><lb/>
Klage wider die Packentra&#x0364;ger.</hi> </head><lb/>
        <p>Die Packentra&#x0364;ger &#x017F;ind der Verderb des ganzen Landes.<lb/>
Wie mancher Viehmagd kroch ehedem ihr braunes<lb/>
Haar unter einer mit Schraub&#x017F;chnur eingefaßten Mu&#x0364;tze her-<lb/>
vor; die der Packentra&#x0364;ger er&#x017F;t zu Lioner-Golde, drauf zu<lb/>
Kannten, und zuletzt wohl gar zu Spitzen verfu&#x0364;hret hat.<lb/>
Nur &#x017F;tolz, wenn ihre Ku&#x0364;he nach einem harten und langen<lb/>
Winter dick und glatt waren, dachte &#x017F;ie noch nicht an &#x017F;ich &#x017F;elb&#x017F;t;<lb/>
und wu&#x0364;n&#x017F;chte blos durch die Zierde ihrer Ku&#x0364;he, &#x017F;ich als eine<lb/>
gute Hausha&#x0364;lterin dem Großknecht zu empfehlen. Sie<lb/>
&#x017F;cha&#x0364;mte &#x017F;ich nicht in Holz&#x017F;chuhen, die&#x017F;em den Bewohnern<lb/>
na&#x017F;&#x017F;er Gegenden von der Vor&#x017F;ehung angeme&#x017F;&#x017F;enen Fußwer-<lb/>
te <note xml:id="seg2pn_3_1" next="#seg2pn_3_2" place="foot" n="a)">Die Holz&#x017F;chuhe &#x017F;ind den na&#x017F;&#x017F;en Weidegegenden, und den-<lb/>
jemgen &#x017F;o darauf gehen oder arbeiten, unentbehrlich, weil<lb/>
die lederne Sohlen theils &#x017F;chwammicht werden, theils mit<lb/>
der Feuchtigkeit eine be&#x017F;ta&#x0364;ndige Ka&#x0364;lte bewahren. In den<lb/>
Berggegenden werden &#x017F;ie wenig gebraucht. Wo ein &#x017F;chwe-<lb/>
rer Acker und die Erde klebrich i&#x017F;t, kennt man &#x017F;ie gar nicht;<lb/>
<fw place="bottom" type="catch">weil</fw></note> zu Dorfe und barfuß zur Kirche, deren Boden noch nicht<lb/>
<fw place="bottom" type="catch">mit</fw><lb/></p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[219/0237] Es bleibt beym Alten. Weizenbau vermehrt ſich taͤglich in Gegenden, wo man ihn vorhin gar nicht moͤglich glaubte. Wir ſind alſo folgſam — — aber gegen Erfahrungen und nicht gegen Projekte und unſichere Proben. Proben und Verſuche ſind fuͤr den Edelmann, der et- was verlieren kann; nicht fuͤr den Landmann, der jedes Han- debreite Land zu Rathe halten muß. Dies mag ſich der Kuͤ- ſter merken. XXXVI. Klage wider die Packentraͤger. Die Packentraͤger ſind der Verderb des ganzen Landes. Wie mancher Viehmagd kroch ehedem ihr braunes Haar unter einer mit Schraubſchnur eingefaßten Muͤtze her- vor; die der Packentraͤger erſt zu Lioner-Golde, drauf zu Kannten, und zuletzt wohl gar zu Spitzen verfuͤhret hat. Nur ſtolz, wenn ihre Kuͤhe nach einem harten und langen Winter dick und glatt waren, dachte ſie noch nicht an ſich ſelbſt; und wuͤnſchte blos durch die Zierde ihrer Kuͤhe, ſich als eine gute Haushaͤlterin dem Großknecht zu empfehlen. Sie ſchaͤmte ſich nicht in Holzſchuhen, dieſem den Bewohnern naſſer Gegenden von der Vorſehung angemeſſenen Fußwer- te a) zu Dorfe und barfuß zur Kirche, deren Boden noch nicht mit a) Die Holzſchuhe ſind den naſſen Weidegegenden, und den- jemgen ſo darauf gehen oder arbeiten, unentbehrlich, weil die lederne Sohlen theils ſchwammicht werden, theils mit der Feuchtigkeit eine beſtaͤndige Kaͤlte bewahren. In den Berggegenden werden ſie wenig gebraucht. Wo ein ſchwe- rer Acker und die Erde klebrich iſt, kennt man ſie gar nicht; weil

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/moeser_phantasien01_1775
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/moeser_phantasien01_1775/237
Zitationshilfe: Möser, Justus: Patriotische Phantasien. Bd. 1. Berlin, 1775, S. 219. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/moeser_phantasien01_1775/237>, abgerufen am 18.04.2021.