Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Möser, Justus: Patriotische Phantasien. Bd. 1. Berlin, 1775.

Bild:
<< vorherige Seite


LXVII.
Also soll man die Aufsuchung der Spitzbuben,
Vagabunden, nicht bey Nachte vor-
nehmen?

Wenn die Policey nach Landstreichern und andern ver-
dächtigen Leuten suchen läßt: so pflegt solches insge-
mein des Nachts zu geschehen. Ein hier sitzender Spitzbube
hielt darüber unlängst nachstehende Rede:

"Die Policeybediente müssen glauben, daß wir, wie
andre ehrliche Leute, unser Brod bey hellen Tage verdienen,
und des Nachts von unsrer Arbeit ausruhen. Sonst würden
sie sich wohl nicht allemal die vergebliche Mühe machen, uns
des Nachts in den Schenken aufzusuchen. Nein, wenn wir
schlafen: so geschieht dieses bey Tage, und des Nachts bleiben
wir in keiner Schenke, wenn wir auch würklich schlafen woll-
ten. Hier ist es viel zu unsicher vor uns, und jeder Lärm
würde uns in Furcht und Gefahr setzen. In den Wirths-
häusern findet man uns, und unsre künftigen Mitbrüder, die
Landstreicher, nicht häufiger als im Winter gegen drey oder
vier Uhr des Abends. Von den Beschwerlichkeiten eines
kalten und regnigten Tages ermattet, oder von einer Arbeit
der vorigen Nacht, durch einen kurzen Schlaf nur halb er-
quicket, genießen wir sodann der ersten Wärme beym Feuer
oder in der Stube. Die heischere Kehle wird durch einen
guten Trunk sodann gelabet, und der hungrige Magen genießt
etwas warmes, was wir auf der Landstrasse und ausser den
Wirthshäusern nicht finden. Die Reisenden kehren zu dieser
Zeit
A a 2


LXVII.
Alſo ſoll man die Aufſuchung der Spitzbuben,
Vagabunden, nicht bey Nachte vor-
nehmen?

Wenn die Policey nach Landſtreichern und andern ver-
daͤchtigen Leuten ſuchen laͤßt: ſo pflegt ſolches insge-
mein des Nachts zu geſchehen. Ein hier ſitzender Spitzbube
hielt daruͤber unlaͤngſt nachſtehende Rede:

„Die Policeybediente muͤſſen glauben, daß wir, wie
andre ehrliche Leute, unſer Brod bey hellen Tage verdienen,
und des Nachts von unſrer Arbeit ausruhen. Sonſt wuͤrden
ſie ſich wohl nicht allemal die vergebliche Muͤhe machen, uns
des Nachts in den Schenken aufzuſuchen. Nein, wenn wir
ſchlafen: ſo geſchieht dieſes bey Tage, und des Nachts bleiben
wir in keiner Schenke, wenn wir auch wuͤrklich ſchlafen woll-
ten. Hier iſt es viel zu unſicher vor uns, und jeder Laͤrm
wuͤrde uns in Furcht und Gefahr ſetzen. In den Wirths-
haͤuſern findet man uns, und unſre kuͤnftigen Mitbruͤder, die
Landſtreicher, nicht haͤufiger als im Winter gegen drey oder
vier Uhr des Abends. Von den Beſchwerlichkeiten eines
kalten und regnigten Tages ermattet, oder von einer Arbeit
der vorigen Nacht, durch einen kurzen Schlaf nur halb er-
quicket, genießen wir ſodann der erſten Waͤrme beym Feuer
oder in der Stube. Die heiſchere Kehle wird durch einen
guten Trunk ſodann gelabet, und der hungrige Magen genießt
etwas warmes, was wir auf der Landſtraſſe und auſſer den
Wirthshaͤuſern nicht finden. Die Reiſenden kehren zu dieſer
Zeit
A a 2
<TEI>
  <text>
    <body>
      <pb facs="#f0389" n="371"/>
      <milestone rendition="#hr" unit="section"/><lb/>
      <div n="1">
        <head> <hi rendition="#b"><hi rendition="#aq">LXVII.</hi><lb/>
Al&#x017F;o &#x017F;oll man die Auf&#x017F;uchung der Spitzbuben,<lb/>
Vagabunden, nicht bey Nachte vor-<lb/>
nehmen?</hi> </head><lb/>
        <p>Wenn die Policey nach Land&#x017F;treichern und andern ver-<lb/>
da&#x0364;chtigen Leuten &#x017F;uchen la&#x0364;ßt: &#x017F;o pflegt &#x017F;olches insge-<lb/>
mein des Nachts zu ge&#x017F;chehen. Ein hier &#x017F;itzender Spitzbube<lb/>
hielt daru&#x0364;ber unla&#x0364;ng&#x017F;t nach&#x017F;tehende Rede:</p><lb/>
        <cit>
          <quote>&#x201E;Die Policeybediente mu&#x0364;&#x017F;&#x017F;en glauben, daß wir, wie<lb/>
andre ehrliche Leute, un&#x017F;er Brod bey hellen Tage verdienen,<lb/>
und des Nachts von un&#x017F;rer Arbeit ausruhen. Son&#x017F;t wu&#x0364;rden<lb/>
&#x017F;ie &#x017F;ich wohl nicht allemal die vergebliche Mu&#x0364;he machen, uns<lb/>
des Nachts in den Schenken aufzu&#x017F;uchen. Nein, wenn wir<lb/>
&#x017F;chlafen: &#x017F;o ge&#x017F;chieht die&#x017F;es bey Tage, und des Nachts bleiben<lb/>
wir in keiner Schenke, wenn wir auch wu&#x0364;rklich &#x017F;chlafen woll-<lb/>
ten. Hier i&#x017F;t es viel zu un&#x017F;icher vor uns, und jeder La&#x0364;rm<lb/>
wu&#x0364;rde uns in Furcht und Gefahr &#x017F;etzen. In den Wirths-<lb/>
ha&#x0364;u&#x017F;ern findet man uns, und un&#x017F;re ku&#x0364;nftigen Mitbru&#x0364;der, die<lb/>
Land&#x017F;treicher, nicht ha&#x0364;ufiger als im Winter gegen drey oder<lb/>
vier Uhr des Abends. Von den Be&#x017F;chwerlichkeiten eines<lb/>
kalten und regnigten Tages ermattet, oder von einer Arbeit<lb/>
der vorigen Nacht, durch einen kurzen Schlaf nur halb er-<lb/>
quicket, genießen wir &#x017F;odann der er&#x017F;ten Wa&#x0364;rme beym Feuer<lb/>
oder in der Stube. Die hei&#x017F;chere Kehle wird durch einen<lb/>
guten Trunk &#x017F;odann gelabet, und der hungrige Magen genießt<lb/>
etwas warmes, was wir auf der Land&#x017F;tra&#x017F;&#x017F;e und au&#x017F;&#x017F;er den<lb/>
Wirthsha&#x0364;u&#x017F;ern nicht finden. Die Rei&#x017F;enden kehren zu die&#x017F;er<lb/>
<fw place="bottom" type="sig">A a 2</fw><fw place="bottom" type="catch">Zeit</fw><lb/></quote>
        </cit>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[371/0389] LXVII. Alſo ſoll man die Aufſuchung der Spitzbuben, Vagabunden, nicht bey Nachte vor- nehmen? Wenn die Policey nach Landſtreichern und andern ver- daͤchtigen Leuten ſuchen laͤßt: ſo pflegt ſolches insge- mein des Nachts zu geſchehen. Ein hier ſitzender Spitzbube hielt daruͤber unlaͤngſt nachſtehende Rede: „Die Policeybediente muͤſſen glauben, daß wir, wie andre ehrliche Leute, unſer Brod bey hellen Tage verdienen, und des Nachts von unſrer Arbeit ausruhen. Sonſt wuͤrden ſie ſich wohl nicht allemal die vergebliche Muͤhe machen, uns des Nachts in den Schenken aufzuſuchen. Nein, wenn wir ſchlafen: ſo geſchieht dieſes bey Tage, und des Nachts bleiben wir in keiner Schenke, wenn wir auch wuͤrklich ſchlafen woll- ten. Hier iſt es viel zu unſicher vor uns, und jeder Laͤrm wuͤrde uns in Furcht und Gefahr ſetzen. In den Wirths- haͤuſern findet man uns, und unſre kuͤnftigen Mitbruͤder, die Landſtreicher, nicht haͤufiger als im Winter gegen drey oder vier Uhr des Abends. Von den Beſchwerlichkeiten eines kalten und regnigten Tages ermattet, oder von einer Arbeit der vorigen Nacht, durch einen kurzen Schlaf nur halb er- quicket, genießen wir ſodann der erſten Waͤrme beym Feuer oder in der Stube. Die heiſchere Kehle wird durch einen guten Trunk ſodann gelabet, und der hungrige Magen genießt etwas warmes, was wir auf der Landſtraſſe und auſſer den Wirthshaͤuſern nicht finden. Die Reiſenden kehren zu dieſer Zeit A a 2

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/moeser_phantasien01_1775
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/moeser_phantasien01_1775/389
Zitationshilfe: Möser, Justus: Patriotische Phantasien. Bd. 1. Berlin, 1775, S. 371. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/moeser_phantasien01_1775/389>, abgerufen am 15.04.2021.