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Möser, Justus: Patriotische Phantasien. Bd. 2. Berlin, 1776.

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Zur Beförderung einheimischer Wollenfabriken.


XXXVI.
Zur Beförderung einheimischer Wol-
lenfabriken.

Unsre Nachbaren sagen Sie, nennen es Einfalt, daß wir
im Stifte Oßnabrück alle fremde Wollenwaaren, ob wir
sie gleich theils selbst schon verfertigen, theils auch noch leicht
verfertigen könnten, frey einlassen, und solche so wenig ver-
bieten als auch nur mit der mindesten Auflage beschweren;
und dennoch wollen sie diesen Vorwurf der Einfalt lieber tra-
gen, als sich ihrer chimerischen Freyheit begeben? sie wollen
nach ihrem Ausdrucke lieber zu höhern und edlern Grundsä-
tzen, wodurch man freylich zuletzt alles vertheidigen kan, ihre
Zuflucht nehmen, als den Bauer Bauer heissen, und den
gemeinen Bürger oder Bauern durch einen vorzüglichen Zwang
noch weiter von dem Range andrer Unterthanen herabstür-
zen? Nun davon wäre ich doch begierig ihre Gründe zu
hören.

Doch ich kenne ihre Zärtlichkeit für die Landleute; ich weiß
auch salbst wie schwer es hält wenn man zur Anwendung
kommt, genau zu bestimmen, was die Gese[tze] unter gemei-
nen Bürgern und Bauren
verstanden haben wollen, und wie
schmerzhaft es oft für einen angesehenen Meyer sey, sich in
eine Klasse erniedriget zu sehen, worüber Leute von unendlich
kleinerm Verdienste, wenn sie sich auch nur den Notariat-
stempel erworben, sich stolz hinweg setzen dürfen. Ich will
also diesen Punkt fallen lassen, und meinen Satz so ausdrü-
cken, wie ihn die schwedischen Reichsstände ausgedrückt ha-
ben: Ein schwedischer Mann soll schwedische Fabrick tra-

gen;
Zur Befoͤrderung einheimiſcher Wollenfabriken.


XXXVI.
Zur Befoͤrderung einheimiſcher Wol-
lenfabriken.

Unſre Nachbaren ſagen Sie, nennen es Einfalt, daß wir
im Stifte Oßnabruͤck alle fremde Wollenwaaren, ob wir
ſie gleich theils ſelbſt ſchon verfertigen, theils auch noch leicht
verfertigen koͤnnten, frey einlaſſen, und ſolche ſo wenig ver-
bieten als auch nur mit der mindeſten Auflage beſchweren;
und dennoch wollen ſie dieſen Vorwurf der Einfalt lieber tra-
gen, als ſich ihrer chimeriſchen Freyheit begeben? ſie wollen
nach ihrem Ausdrucke lieber zu hoͤhern und edlern Grundſaͤ-
tzen, wodurch man freylich zuletzt alles vertheidigen kan, ihre
Zuflucht nehmen, als den Bauer Bauer heiſſen, und den
gemeinen Buͤrger oder Bauern durch einen vorzuͤglichen Zwang
noch weiter von dem Range andrer Unterthanen herabſtuͤr-
zen? Nun davon waͤre ich doch begierig ihre Gruͤnde zu
hoͤren.

Doch ich kenne ihre Zaͤrtlichkeit fuͤr die Landleute; ich weiß
auch ſalbſt wie ſchwer es haͤlt wenn man zur Anwendung
kommt, genau zu beſtimmen, was die Geſe[tze] unter gemei-
nen Bürgern und Bauren
verſtanden haben wollen, und wie
ſchmerzhaft es oft fuͤr einen angeſehenen Meyer ſey, ſich in
eine Klaſſe erniedriget zu ſehen, woruͤber Leute von unendlich
kleinerm Verdienſte, wenn ſie ſich auch nur den Notariat-
ſtempel erworben, ſich ſtolz hinweg ſetzen duͤrfen. Ich will
alſo dieſen Punkt fallen laſſen, und meinen Satz ſo ausdruͤ-
cken, wie ihn die ſchwediſchen Reichsſtaͤnde ausgedruͤckt ha-
ben: Ein ſchwediſcher Mann ſoll ſchwediſche Fabrick tra-

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[266/0284] Zur Befoͤrderung einheimiſcher Wollenfabriken. XXXVI. Zur Befoͤrderung einheimiſcher Wol- lenfabriken. Unſre Nachbaren ſagen Sie, nennen es Einfalt, daß wir im Stifte Oßnabruͤck alle fremde Wollenwaaren, ob wir ſie gleich theils ſelbſt ſchon verfertigen, theils auch noch leicht verfertigen koͤnnten, frey einlaſſen, und ſolche ſo wenig ver- bieten als auch nur mit der mindeſten Auflage beſchweren; und dennoch wollen ſie dieſen Vorwurf der Einfalt lieber tra- gen, als ſich ihrer chimeriſchen Freyheit begeben? ſie wollen nach ihrem Ausdrucke lieber zu hoͤhern und edlern Grundſaͤ- tzen, wodurch man freylich zuletzt alles vertheidigen kan, ihre Zuflucht nehmen, als den Bauer Bauer heiſſen, und den gemeinen Buͤrger oder Bauern durch einen vorzuͤglichen Zwang noch weiter von dem Range andrer Unterthanen herabſtuͤr- zen? Nun davon waͤre ich doch begierig ihre Gruͤnde zu hoͤren. Doch ich kenne ihre Zaͤrtlichkeit fuͤr die Landleute; ich weiß auch ſalbſt wie ſchwer es haͤlt wenn man zur Anwendung kommt, genau zu beſtimmen, was die Geſetze unter gemei- nen Bürgern und Bauren verſtanden haben wollen, und wie ſchmerzhaft es oft fuͤr einen angeſehenen Meyer ſey, ſich in eine Klaſſe erniedriget zu ſehen, woruͤber Leute von unendlich kleinerm Verdienſte, wenn ſie ſich auch nur den Notariat- ſtempel erworben, ſich ſtolz hinweg ſetzen duͤrfen. Ich will alſo dieſen Punkt fallen laſſen, und meinen Satz ſo ausdruͤ- cken, wie ihn die ſchwediſchen Reichsſtaͤnde ausgedruͤckt ha- ben: Ein ſchwediſcher Mann ſoll ſchwediſche Fabrick tra- gen;

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Zitationshilfe: Möser, Justus: Patriotische Phantasien. Bd. 2. Berlin, 1776, S. 266. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/moeser_phantasien02_1776/284>, abgerufen am 20.04.2021.