Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Möser, Justus: Patriotische Phantasien. Bd. 2. Berlin, 1776.

Bild:
<< vorherige Seite

Für die warmen Stuben der Landleute.
Stahl, China und Wein; diese giebt den von einer zu gros-
sen Wärme erschlaften Nerven ihren natürlichen Ton wie-
der, und der Russe, der aus dem heissen Backofen in den
Schnee kriegt, und sich wohl dabey befindet, giebt uns das
beste Muster zur Nachahmung.



LXXIV.
Also ist es rathsamer die Wege zu flicken
als neu zu machen.

So angenehm es auch ist, auf schönen und bequemen We-
gen zu rollen; und so vieles dadurch an Fuhrwerk er-
sparet und an der Fracht gewonnen wird: so läßt sich doch
auch noch manches zur Entschuldigung solcher Länder sagen,
deren Einwohner für die Bequemlichkeit der Durchreisenden
minder sorgen, und die der gütigen Natur den grösten Theil
der Vorsorge für ihre Heerstraßen überlassen. Ueberhaupt
glaube ich die Regel dahin fassen zu müssen, daß man keine
Wege ohne Noth für Heerstraßen erklären, und selbige im-
mer nur von einer Jahrszeit zur andern flicken, nicht aber,
wie man zu reden pflegt, aus dem Grunde bessern, oder wohl
gar ihre ganze Natur zerstören müsse.

Gegen die erste Regel wird sehr oft verstoßen. Insge-
mein glaubt ein Richter oder Beamter, er leiste dem Staat
einen wichtigen Dienst, wenn er einen Land- oder Dorfweg
zur Zoll- oder Heerstraße adelt, und das Amt oder die Ge-
meinheit zu dessen Unterhaltung nöthiget. In der That ist
dieses aber eine neue Schatzung, welche er dem lasttragenden
Unterthanen aufbürdet, und es ist nicht unmöglich ein kleines

Land
Mösers patr. Phantas. II. Th. D d

Fuͤr die warmen Stuben der Landleute.
Stahl, China und Wein; dieſe giebt den von einer zu groſ-
ſen Waͤrme erſchlaften Nerven ihren natuͤrlichen Ton wie-
der, und der Ruſſe, der aus dem heiſſen Backofen in den
Schnee kriegt, und ſich wohl dabey befindet, giebt uns das
beſte Muſter zur Nachahmung.



LXXIV.
Alſo iſt es rathſamer die Wege zu flicken
als neu zu machen.

So angenehm es auch iſt, auf ſchoͤnen und bequemen We-
gen zu rollen; und ſo vieles dadurch an Fuhrwerk er-
ſparet und an der Fracht gewonnen wird: ſo laͤßt ſich doch
auch noch manches zur Entſchuldigung ſolcher Laͤnder ſagen,
deren Einwohner fuͤr die Bequemlichkeit der Durchreiſenden
minder ſorgen, und die der guͤtigen Natur den groͤſten Theil
der Vorſorge fuͤr ihre Heerſtraßen uͤberlaſſen. Ueberhaupt
glaube ich die Regel dahin faſſen zu muͤſſen, daß man keine
Wege ohne Noth fuͤr Heerſtraßen erklaͤren, und ſelbige im-
mer nur von einer Jahrszeit zur andern flicken, nicht aber,
wie man zu reden pflegt, aus dem Grunde beſſern, oder wohl
gar ihre ganze Natur zerſtoͤren muͤſſe.

Gegen die erſte Regel wird ſehr oft verſtoßen. Insge-
mein glaubt ein Richter oder Beamter, er leiſte dem Staat
einen wichtigen Dienſt, wenn er einen Land- oder Dorfweg
zur Zoll- oder Heerſtraße adelt, und das Amt oder die Ge-
meinheit zu deſſen Unterhaltung noͤthiget. In der That iſt
dieſes aber eine neue Schatzung, welche er dem laſttragenden
Unterthanen aufbuͤrdet, und es iſt nicht unmoͤglich ein kleines

Land
Möſers patr. Phantaſ. II. Th. D d
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <p><pb facs="#f0435" n="41[417]"/><fw place="top" type="header"><hi rendition="#b">Fu&#x0364;r die warmen Stuben der Landleute.</hi></fw><lb/>
Stahl, China und Wein; die&#x017F;e giebt den von einer zu gro&#x017F;-<lb/>
&#x017F;en Wa&#x0364;rme er&#x017F;chlaften Nerven ihren natu&#x0364;rlichen Ton wie-<lb/>
der, und der Ru&#x017F;&#x017F;e, der aus dem hei&#x017F;&#x017F;en Backofen in den<lb/>
Schnee kriegt, und &#x017F;ich wohl dabey befindet, giebt uns das<lb/>
be&#x017F;te Mu&#x017F;ter zur Nachahmung.</p>
      </div><lb/>
      <milestone rendition="#hr" unit="section"/><lb/>
      <div n="1">
        <head> <hi rendition="#b"><hi rendition="#aq">LXXIV.</hi><lb/>
Al&#x017F;o i&#x017F;t es rath&#x017F;amer die Wege zu flicken<lb/>
als neu zu machen.</hi> </head><lb/>
        <p>So angenehm es auch i&#x017F;t, auf &#x017F;cho&#x0364;nen und bequemen We-<lb/>
gen zu rollen; und &#x017F;o vieles dadurch an Fuhrwerk er-<lb/>
&#x017F;paret und an der Fracht gewonnen wird: &#x017F;o la&#x0364;ßt &#x017F;ich doch<lb/>
auch noch manches zur Ent&#x017F;chuldigung &#x017F;olcher La&#x0364;nder &#x017F;agen,<lb/>
deren Einwohner fu&#x0364;r die Bequemlichkeit der Durchrei&#x017F;enden<lb/>
minder &#x017F;orgen, und die der gu&#x0364;tigen Natur den gro&#x0364;&#x017F;ten Theil<lb/>
der Vor&#x017F;orge fu&#x0364;r ihre Heer&#x017F;traßen u&#x0364;berla&#x017F;&#x017F;en. Ueberhaupt<lb/>
glaube ich die Regel dahin fa&#x017F;&#x017F;en zu mu&#x0364;&#x017F;&#x017F;en, daß man keine<lb/>
Wege ohne Noth fu&#x0364;r Heer&#x017F;traßen erkla&#x0364;ren, und &#x017F;elbige im-<lb/>
mer nur von einer Jahrszeit zur andern flicken, nicht aber,<lb/>
wie man zu reden pflegt, aus dem Grunde be&#x017F;&#x017F;ern, oder wohl<lb/>
gar ihre ganze Natur zer&#x017F;to&#x0364;ren mu&#x0364;&#x017F;&#x017F;e.</p><lb/>
        <p>Gegen die er&#x017F;te Regel wird &#x017F;ehr oft ver&#x017F;toßen. Insge-<lb/>
mein glaubt ein Richter oder Beamter, er lei&#x017F;te dem Staat<lb/>
einen wichtigen Dien&#x017F;t, wenn er einen Land- oder Dorfweg<lb/>
zur Zoll- oder Heer&#x017F;traße adelt, und das Amt oder die Ge-<lb/>
meinheit zu de&#x017F;&#x017F;en Unterhaltung no&#x0364;thiget. In der That i&#x017F;t<lb/>
die&#x017F;es aber eine neue Schatzung, welche er dem la&#x017F;ttragenden<lb/>
Unterthanen aufbu&#x0364;rdet, und es i&#x017F;t nicht unmo&#x0364;glich ein kleines<lb/>
<fw place="bottom" type="sig"><hi rendition="#fr">&#x017F;ers patr. Phanta&#x017F;.</hi><hi rendition="#aq">II.</hi><hi rendition="#fr">Th.</hi> D d</fw><fw place="bottom" type="catch">Land</fw><lb/></p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[41[417]/0435] Fuͤr die warmen Stuben der Landleute. Stahl, China und Wein; dieſe giebt den von einer zu groſ- ſen Waͤrme erſchlaften Nerven ihren natuͤrlichen Ton wie- der, und der Ruſſe, der aus dem heiſſen Backofen in den Schnee kriegt, und ſich wohl dabey befindet, giebt uns das beſte Muſter zur Nachahmung. LXXIV. Alſo iſt es rathſamer die Wege zu flicken als neu zu machen. So angenehm es auch iſt, auf ſchoͤnen und bequemen We- gen zu rollen; und ſo vieles dadurch an Fuhrwerk er- ſparet und an der Fracht gewonnen wird: ſo laͤßt ſich doch auch noch manches zur Entſchuldigung ſolcher Laͤnder ſagen, deren Einwohner fuͤr die Bequemlichkeit der Durchreiſenden minder ſorgen, und die der guͤtigen Natur den groͤſten Theil der Vorſorge fuͤr ihre Heerſtraßen uͤberlaſſen. Ueberhaupt glaube ich die Regel dahin faſſen zu muͤſſen, daß man keine Wege ohne Noth fuͤr Heerſtraßen erklaͤren, und ſelbige im- mer nur von einer Jahrszeit zur andern flicken, nicht aber, wie man zu reden pflegt, aus dem Grunde beſſern, oder wohl gar ihre ganze Natur zerſtoͤren muͤſſe. Gegen die erſte Regel wird ſehr oft verſtoßen. Insge- mein glaubt ein Richter oder Beamter, er leiſte dem Staat einen wichtigen Dienſt, wenn er einen Land- oder Dorfweg zur Zoll- oder Heerſtraße adelt, und das Amt oder die Ge- meinheit zu deſſen Unterhaltung noͤthiget. In der That iſt dieſes aber eine neue Schatzung, welche er dem laſttragenden Unterthanen aufbuͤrdet, und es iſt nicht unmoͤglich ein kleines Land Möſers patr. Phantaſ. II. Th. D d

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/moeser_phantasien02_1776
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/moeser_phantasien02_1776/435
Zitationshilfe: Möser, Justus: Patriotische Phantasien. Bd. 2. Berlin, 1776, S. 41[417]. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/moeser_phantasien02_1776/435>, abgerufen am 14.04.2021.