Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Möser, Justus: Patriotische Phantasien. Bd. 2. Berlin, 1776.

Bild:
<< vorherige Seite

Ein Patriot muß vorsichtig
wenn sogar der Patriot solche Klagen mit eben der Gelassen-
heit anhöret, womit der Hofmann die histerischen Zufälle
einer Princeßin aufnimmt: so geräth man in die Versuchung
zu glauben, daß die Vernunft ein überaus mäßiges Geschenk,
und das Vergnügen zu klagen und beklagt zu werden, wovon
sich sonst nur bequeme und unthätige Seelen hinreissen las-
sen, auch eine Leidenschaft des edlern Theils der Menschen
sey.

Es ist eine große und wichtige Pflicht den Grund oder Un-
grund solcher Klagen zu untersuchen, ehe man mit einstimmt.
Sind sie nicht gegründet; welche Verantwortung ladet man
sich nicht auf, wenn man dergleichen traurige Vorstellungen
unbedachtsam mit ausbreiten hilft, die Einsicht der Obern zu
unverdienten Nachlässen, womit nach einer nothwendigen
Folge andre wieder beschweret werden, verleitet, die Policey
irre macht, den fleißigen Handwerker drückt, den Wucher be-
fördert, den freudigen Geber schreckt, und einen großen Theil
seiner Mitbürger verführt, den Segen Gottes mit traurigem
Undanke zu geniessen? Sind sie aber gegründet: so ist es
allemal auch ein unrühmliches Verfahren, die Zeit, wo man
auf Rettungsmittel bedacht seyn sollte, mit unnützen Klagen
zu verlieren. In der Noth zeigt der Weise seine Größe,
der Christ sein Vertrauen auf Gott, und der Patriot Arbeit
und Dauer; wenn Landplagen herrschen: so ist er froher eine
Thräne zu stillen als tausend zu vergießen.

Wie viele sind aber unter denen, die bisher den Haufen
der Klagenden vermehret haben, welche sich rühmen können,
den Grund oder Ungrund der Noth, womit uns alle hängende
Mäuler drohen, untersucht und nach eignen Erfahrungen
geurtheilet zu haben? Wer Vorrath hat, macht die Noth

groß,

Ein Patriot muß vorſichtig
wenn ſogar der Patriot ſolche Klagen mit eben der Gelaſſen-
heit anhoͤret, womit der Hofmann die hiſteriſchen Zufaͤlle
einer Princeßin aufnimmt: ſo geraͤth man in die Verſuchung
zu glauben, daß die Vernunft ein uͤberaus maͤßiges Geſchenk,
und das Vergnuͤgen zu klagen und beklagt zu werden, wovon
ſich ſonſt nur bequeme und unthaͤtige Seelen hinreiſſen laſ-
ſen, auch eine Leidenſchaft des edlern Theils der Menſchen
ſey.

Es iſt eine große und wichtige Pflicht den Grund oder Un-
grund ſolcher Klagen zu unterſuchen, ehe man mit einſtimmt.
Sind ſie nicht gegruͤndet; welche Verantwortung ladet man
ſich nicht auf, wenn man dergleichen traurige Vorſtellungen
unbedachtſam mit ausbreiten hilft, die Einſicht der Obern zu
unverdienten Nachlaͤſſen, womit nach einer nothwendigen
Folge andre wieder beſchweret werden, verleitet, die Policey
irre macht, den fleißigen Handwerker druͤckt, den Wucher be-
foͤrdert, den freudigen Geber ſchreckt, und einen großen Theil
ſeiner Mitbuͤrger verfuͤhrt, den Segen Gottes mit traurigem
Undanke zu genieſſen? Sind ſie aber gegruͤndet: ſo iſt es
allemal auch ein unruͤhmliches Verfahren, die Zeit, wo man
auf Rettungsmittel bedacht ſeyn ſollte, mit unnuͤtzen Klagen
zu verlieren. In der Noth zeigt der Weiſe ſeine Groͤße,
der Chriſt ſein Vertrauen auf Gott, und der Patriot Arbeit
und Dauer; wenn Landplagen herrſchen: ſo iſt er froher eine
Thraͤne zu ſtillen als tauſend zu vergießen.

Wie viele ſind aber unter denen, die bisher den Haufen
der Klagenden vermehret haben, welche ſich ruͤhmen koͤnnen,
den Grund oder Ungrund der Noth, womit uns alle haͤngende
Maͤuler drohen, unterſucht und nach eignen Erfahrungen
geurtheilet zu haben? Wer Vorrath hat, macht die Noth

groß,
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <p><pb facs="#f0050" n="32"/><fw place="top" type="header"><hi rendition="#b">Ein Patriot muß vor&#x017F;ichtig</hi></fw><lb/>
wenn &#x017F;ogar der Patriot &#x017F;olche Klagen mit eben der Gela&#x017F;&#x017F;en-<lb/>
heit anho&#x0364;ret, womit der Hofmann die hi&#x017F;teri&#x017F;chen Zufa&#x0364;lle<lb/>
einer Princeßin aufnimmt: &#x017F;o gera&#x0364;th man in die Ver&#x017F;uchung<lb/>
zu glauben, daß die Vernunft ein u&#x0364;beraus ma&#x0364;ßiges Ge&#x017F;chenk,<lb/>
und das Vergnu&#x0364;gen zu klagen und beklagt zu werden, wovon<lb/>
&#x017F;ich &#x017F;on&#x017F;t nur bequeme und untha&#x0364;tige Seelen hinrei&#x017F;&#x017F;en la&#x017F;-<lb/>
&#x017F;en, auch eine Leiden&#x017F;chaft des edlern Theils der Men&#x017F;chen<lb/>
&#x017F;ey.</p><lb/>
        <p>Es i&#x017F;t eine große und wichtige Pflicht den Grund oder Un-<lb/>
grund &#x017F;olcher Klagen zu unter&#x017F;uchen, ehe man mit ein&#x017F;timmt.<lb/>
Sind &#x017F;ie nicht gegru&#x0364;ndet; welche Verantwortung ladet man<lb/>
&#x017F;ich nicht auf, wenn man dergleichen traurige Vor&#x017F;tellungen<lb/>
unbedacht&#x017F;am mit ausbreiten hilft, die Ein&#x017F;icht der Obern zu<lb/>
unverdienten Nachla&#x0364;&#x017F;&#x017F;en, womit nach einer nothwendigen<lb/>
Folge andre wieder be&#x017F;chweret werden, verleitet, die Policey<lb/>
irre macht, den fleißigen Handwerker dru&#x0364;ckt, den Wucher be-<lb/>
fo&#x0364;rdert, den freudigen Geber &#x017F;chreckt, und einen großen Theil<lb/>
&#x017F;einer Mitbu&#x0364;rger verfu&#x0364;hrt, den Segen Gottes mit traurigem<lb/>
Undanke zu genie&#x017F;&#x017F;en? Sind &#x017F;ie aber gegru&#x0364;ndet: &#x017F;o i&#x017F;t es<lb/>
allemal auch ein unru&#x0364;hmliches Verfahren, die Zeit, wo man<lb/>
auf Rettungsmittel bedacht &#x017F;eyn &#x017F;ollte, mit unnu&#x0364;tzen Klagen<lb/>
zu verlieren. In der Noth zeigt der Wei&#x017F;e &#x017F;eine Gro&#x0364;ße,<lb/>
der Chri&#x017F;t &#x017F;ein Vertrauen auf Gott, und der Patriot Arbeit<lb/>
und Dauer; wenn Landplagen herr&#x017F;chen: &#x017F;o i&#x017F;t er froher eine<lb/>
Thra&#x0364;ne zu &#x017F;tillen als tau&#x017F;end zu vergießen.</p><lb/>
        <p>Wie viele &#x017F;ind aber unter denen, die bisher den Haufen<lb/>
der Klagenden vermehret haben, welche &#x017F;ich ru&#x0364;hmen ko&#x0364;nnen,<lb/>
den Grund oder Ungrund der Noth, womit uns alle ha&#x0364;ngende<lb/>
Ma&#x0364;uler drohen, unter&#x017F;ucht und nach eignen Erfahrungen<lb/>
geurtheilet zu haben? Wer Vorrath hat, macht die Noth<lb/>
<fw place="bottom" type="catch">groß,</fw><lb/></p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[32/0050] Ein Patriot muß vorſichtig wenn ſogar der Patriot ſolche Klagen mit eben der Gelaſſen- heit anhoͤret, womit der Hofmann die hiſteriſchen Zufaͤlle einer Princeßin aufnimmt: ſo geraͤth man in die Verſuchung zu glauben, daß die Vernunft ein uͤberaus maͤßiges Geſchenk, und das Vergnuͤgen zu klagen und beklagt zu werden, wovon ſich ſonſt nur bequeme und unthaͤtige Seelen hinreiſſen laſ- ſen, auch eine Leidenſchaft des edlern Theils der Menſchen ſey. Es iſt eine große und wichtige Pflicht den Grund oder Un- grund ſolcher Klagen zu unterſuchen, ehe man mit einſtimmt. Sind ſie nicht gegruͤndet; welche Verantwortung ladet man ſich nicht auf, wenn man dergleichen traurige Vorſtellungen unbedachtſam mit ausbreiten hilft, die Einſicht der Obern zu unverdienten Nachlaͤſſen, womit nach einer nothwendigen Folge andre wieder beſchweret werden, verleitet, die Policey irre macht, den fleißigen Handwerker druͤckt, den Wucher be- foͤrdert, den freudigen Geber ſchreckt, und einen großen Theil ſeiner Mitbuͤrger verfuͤhrt, den Segen Gottes mit traurigem Undanke zu genieſſen? Sind ſie aber gegruͤndet: ſo iſt es allemal auch ein unruͤhmliches Verfahren, die Zeit, wo man auf Rettungsmittel bedacht ſeyn ſollte, mit unnuͤtzen Klagen zu verlieren. In der Noth zeigt der Weiſe ſeine Groͤße, der Chriſt ſein Vertrauen auf Gott, und der Patriot Arbeit und Dauer; wenn Landplagen herrſchen: ſo iſt er froher eine Thraͤne zu ſtillen als tauſend zu vergießen. Wie viele ſind aber unter denen, die bisher den Haufen der Klagenden vermehret haben, welche ſich ruͤhmen koͤnnen, den Grund oder Ungrund der Noth, womit uns alle haͤngende Maͤuler drohen, unterſucht und nach eignen Erfahrungen geurtheilet zu haben? Wer Vorrath hat, macht die Noth groß,

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/moeser_phantasien02_1776
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/moeser_phantasien02_1776/50
Zitationshilfe: Möser, Justus: Patriotische Phantasien. Bd. 2. Berlin, 1776, S. 32. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/moeser_phantasien02_1776/50>, abgerufen am 17.05.2021.