einem grossen Manne erfordert würde: und daß derselbe, wenn er stark und lebhaft würde, den glücklichen Namen des Enthusiasmus verdiente; er sagte ferner, daß von hun- dert Menschen immer einer ein Märtyrer seiner Kunst werden müste, um die übrigen so vielmehr aufzuklären, und daß die Italiäner eben so gut Pedanten in der Mu- sik und Mahlerey hätten, wie wir Deutschen in andern Wissenschaften, nur wären wir nach dem Unterscheide un- serer Gegenstände traurige und ernsthafte, die Italiäner aber lustige Pedanten.
Allein wenn ich ihm gleich hierin nicht völlig Unrecht geben konnte: so schien mir doch immer die Kunst, nichts zu thun, und die Seele dann und wann von ihrem starken Hange auf die entgegen gesetzte Seite zu wenden, eine be- neidenswerthe Kunst. Ruhe und Schlaf thun zwar zu die- ser Absicht etwas; aber sie reichen nicht hin, und der Schlum- mer eines Gelehrten ist so erquickend nicht, wie der Schlaf eines Tagelöhners. Ruht er mit dem Körper ohne zu schlafen, so verfolgen ihn seine Gedanken, und diese greifen ihn oft stärker an, als Lesen und Schreiben. Für ihn ist also keine solche Ruhe, wie für andre, die mit ihrem Kör- per arbeiten, und wenn sie sich auf einen weichen Polster oder auch nur auf einen Stein setzen, einer nöthigen Erho- lung geniessen.
Ich hörte einmal, daß eine Braut ihren Geliebten ei- nen verliebten Pedanten nennete, weil er von nichts als Liebe sprach, und ausser ihr nichts sahe und nichts hörte. Aber wie fange ich es an, antwortete er; um nur einen Augenblick nicht zu lieben? Dieses schien mir mit der Fra- ge eines Gelehrten, wie fange ich es an, um Nichts zu thun; so sehr übereinzukommen, daß ich recht aufmerksam darauf wurde, was sie ihm auf seine Frage erwiedern wür- de. Allein die Schöne zog sich mit einer Wendung her-
aus,
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ein Handwerk lernen.
einem groſſen Manne erfordert wuͤrde: und daß derſelbe, wenn er ſtark und lebhaft wuͤrde, den gluͤcklichen Namen des Enthuſiasmus verdiente; er ſagte ferner, daß von hun- dert Menſchen immer einer ein Maͤrtyrer ſeiner Kunſt werden muͤſte, um die uͤbrigen ſo vielmehr aufzuklaͤren, und daß die Italiaͤner eben ſo gut Pedanten in der Mu- ſik und Mahlerey haͤtten, wie wir Deutſchen in andern Wiſſenſchaften, nur waͤren wir nach dem Unterſcheide un- ſerer Gegenſtaͤnde traurige und ernſthafte, die Italiaͤner aber luſtige Pedanten.
Allein wenn ich ihm gleich hierin nicht voͤllig Unrecht geben konnte: ſo ſchien mir doch immer die Kunſt, nichts zu thun, und die Seele dann und wann von ihrem ſtarken Hange auf die entgegen geſetzte Seite zu wenden, eine be- neidenswerthe Kunſt. Ruhe und Schlaf thun zwar zu die- ſer Abſicht etwas; aber ſie reichen nicht hin, und der Schlum- mer eines Gelehrten iſt ſo erquickend nicht, wie der Schlaf eines Tageloͤhners. Ruht er mit dem Koͤrper ohne zu ſchlafen, ſo verfolgen ihn ſeine Gedanken, und dieſe greifen ihn oft ſtaͤrker an, als Leſen und Schreiben. Fuͤr ihn iſt alſo keine ſolche Ruhe, wie fuͤr andre, die mit ihrem Koͤr- per arbeiten, und wenn ſie ſich auf einen weichen Polſter oder auch nur auf einen Stein ſetzen, einer noͤthigen Erho- lung genieſſen.
Ich hoͤrte einmal, daß eine Braut ihren Geliebten ei- nen verliebten Pedanten nennete, weil er von nichts als Liebe ſprach, und auſſer ihr nichts ſahe und nichts hoͤrte. Aber wie fange ich es an, antwortete er; um nur einen Augenblick nicht zu lieben? Dieſes ſchien mir mit der Fra- ge eines Gelehrten, wie fange ich es an, um Nichts zu thun; ſo ſehr uͤbereinzukommen, daß ich recht aufmerkſam darauf wurde, was ſie ihm auf ſeine Frage erwiedern wuͤr- de. Allein die Schoͤne zog ſich mit einer Wendung her-
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ein Handwerk lernen.
einem groſſen Manne erfordert wuͤrde: und daß derſelbe,
wenn er ſtark und lebhaft wuͤrde, den gluͤcklichen Namen
des Enthuſiasmus verdiente; er ſagte ferner, daß von hun-
dert Menſchen immer einer ein Maͤrtyrer ſeiner Kunſt
werden muͤſte, um die uͤbrigen ſo vielmehr aufzuklaͤren,
und daß die Italiaͤner eben ſo gut Pedanten in der Mu-
ſik und Mahlerey haͤtten, wie wir Deutſchen in andern
Wiſſenſchaften, nur waͤren wir nach dem Unterſcheide un-
ſerer Gegenſtaͤnde traurige und ernſthafte, die Italiaͤner
aber luſtige Pedanten.
Allein wenn ich ihm gleich hierin nicht voͤllig Unrecht
geben konnte: ſo ſchien mir doch immer die Kunſt, nichts
zu thun, und die Seele dann und wann von ihrem ſtarken
Hange auf die entgegen geſetzte Seite zu wenden, eine be-
neidenswerthe Kunſt. Ruhe und Schlaf thun zwar zu die-
ſer Abſicht etwas; aber ſie reichen nicht hin, und der Schlum-
mer eines Gelehrten iſt ſo erquickend nicht, wie der Schlaf
eines Tageloͤhners. Ruht er mit dem Koͤrper ohne zu
ſchlafen, ſo verfolgen ihn ſeine Gedanken, und dieſe greifen
ihn oft ſtaͤrker an, als Leſen und Schreiben. Fuͤr ihn iſt
alſo keine ſolche Ruhe, wie fuͤr andre, die mit ihrem Koͤr-
per arbeiten, und wenn ſie ſich auf einen weichen Polſter
oder auch nur auf einen Stein ſetzen, einer noͤthigen Erho-
lung genieſſen.
Ich hoͤrte einmal, daß eine Braut ihren Geliebten ei-
nen verliebten Pedanten nennete, weil er von nichts als
Liebe ſprach, und auſſer ihr nichts ſahe und nichts hoͤrte.
Aber wie fange ich es an, antwortete er; um nur einen
Augenblick nicht zu lieben? Dieſes ſchien mir mit der Fra-
ge eines Gelehrten, wie fange ich es an, um Nichts zu
thun; ſo ſehr uͤbereinzukommen, daß ich recht aufmerkſam
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Kommentar zur DTA-Ausgabe
Für das DTA wurde die „Neue verbesserte und verme… [mehr]
Für das DTA wurde die „Neue verbesserte und vermehrte Auflage“ des 3. Teils von Justus Mösers „Patriotischen Phantasien“ zur Digitalisierung ausgewählt. Sie erschien 1778, also im selben Jahr wie die Erstauflage dieses Bandes, und ist bis S. 260 seitenidentisch mit dieser. Die Abschnitte LX („Gedanken über den westphälischen Leibeigenthum“) bis LXVIII („Gedanken über den Stillestand der Leibeignen“) sind Ergänzungen gegenüber der ersten Auflage.
Möser, Justus: Patriotische Phantasien. Bd. 3. 2. Aufl. Berlin, 1778, S. 131. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/moeser_phantasien03_1778/145>, abgerufen am 25.09.2024.
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