Moritz, Karl Philipp (Hrsg.): Gnothi sauton oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde. Bd. 10, St. 1. Berlin, 1793.
Nein, ich danke dir nichts Natur! Du gabst mir nichts, was mir dies Leben erträglich machen könnte, und verdarbst mir alles was ich um meine Hütte angepflanzt hatte. -- O ein unbegreiflicher Muthwille scheint mich zu seinem Spiel geschaffen zu haben! Ein Herz, das unaufhörlich nach Genuß dürstet, und kein Mittel es zu befriedigen. Jch möchte lieber am Pranger stehen, als Jemanden merken lassen, daß mir meine Häßlichkeit so unerträglich ist, und doch, ist es wahr, beneid' ich jeden lächelnden Buben um sein menschliches Gesicht. Himmel, nur das, wenn ich nur schön wäre! Ha! wenn sie mir so erzählen, wie ihnen da ein wollüstiges Mädchen in die Arme gesunken, wie sie dort eine Götternacht gefeiert, und nicht ahnden, daß auch in meinen Adern Feuer rollt, daß ich um Liebe gern alles alles hingäbe; und ich denn ein kaltes satyrisches Air annehme, über Mädchen und Liebe spotte, während ich in diesem Drang von Empfindungen vergehen möchte! -- O es ist rasend! -- Die Einzige, die ich errungen hatte, ist hingeopfert. Marie, wie ist dir jetzt? -- O sagt nicht ich habe sie geopfert! Jch liebte sie bei Gott mehr als mich, und nur sie allein, und der Ausdruck meiner Liebe war stärker, als meine Häßlichkeit, -- sie gab sich mir hier das Wonnemädchen. Wir waren beide wahre Menschen, hatten
Nein, ich danke dir nichts Natur! Du gabst mir nichts, was mir dies Leben ertraͤglich machen koͤnnte, und verdarbst mir alles was ich um meine Huͤtte angepflanzt hatte. — O ein unbegreiflicher Muthwille scheint mich zu seinem Spiel geschaffen zu haben! Ein Herz, das unaufhoͤrlich nach Genuß duͤrstet, und kein Mittel es zu befriedigen. Jch moͤchte lieber am Pranger stehen, als Jemanden merken lassen, daß mir meine Haͤßlichkeit so unertraͤglich ist, und doch, ist es wahr, beneid' ich jeden laͤchelnden Buben um sein menschliches Gesicht. Himmel, nur das, wenn ich nur schoͤn waͤre! Ha! wenn sie mir so erzaͤhlen, wie ihnen da ein wolluͤstiges Maͤdchen in die Arme gesunken, wie sie dort eine Goͤtternacht gefeiert, und nicht ahnden, daß auch in meinen Adern Feuer rollt, daß ich um Liebe gern alles alles hingaͤbe; und ich denn ein kaltes satyrisches Air annehme, uͤber Maͤdchen und Liebe spotte, waͤhrend ich in diesem Drang von Empfindungen vergehen moͤchte! — O es ist rasend! — Die Einzige, die ich errungen hatte, ist hingeopfert. Marie, wie ist dir jetzt? — O sagt nicht ich habe sie geopfert! Jch liebte sie bei Gott mehr als mich, und nur sie allein, und der Ausdruck meiner Liebe war staͤrker, als meine Haͤßlichkeit, — sie gab sich mir hier das Wonnemaͤdchen. Wir waren beide wahre Menschen, hatten <TEI> <text> <body> <div n="1"> <div n="2"> <div n="3"> <p><pb facs="#f0078" n="76"/><lb/> was man will, weil ihr aͤngstlich zu erhalten sucht, was ich verachte.</p> <p>Nein, ich danke dir nichts Natur! Du gabst mir nichts, was mir dies Leben ertraͤglich machen koͤnnte, und verdarbst mir alles was ich um meine Huͤtte angepflanzt hatte. —</p> <p>O ein unbegreiflicher Muthwille scheint mich zu seinem Spiel geschaffen zu haben! Ein Herz, das unaufhoͤrlich nach Genuß duͤrstet, und kein Mittel es zu befriedigen. Jch moͤchte lieber am Pranger stehen, als Jemanden merken lassen, daß mir meine Haͤßlichkeit so unertraͤglich ist, und doch, ist es wahr, beneid' ich jeden laͤchelnden Buben um sein menschliches Gesicht. Himmel, nur das, wenn ich nur schoͤn waͤre! Ha! wenn sie mir so erzaͤhlen, wie ihnen da ein wolluͤstiges Maͤdchen in die Arme gesunken, wie sie dort eine Goͤtternacht gefeiert, und nicht ahnden, daß auch in <hi rendition="#b">meinen</hi> Adern Feuer rollt, daß ich um Liebe gern alles alles hingaͤbe; und ich denn ein kaltes satyrisches Air annehme, uͤber Maͤdchen und Liebe spotte, waͤhrend ich in diesem Drang von Empfindungen vergehen moͤchte! — O es ist rasend! — Die Einzige, die ich errungen hatte, ist hingeopfert. Marie, wie ist dir jetzt? — O sagt nicht ich habe sie geopfert! Jch liebte sie bei Gott mehr als mich, und nur sie allein, und der Ausdruck meiner Liebe war staͤrker, als meine Haͤßlichkeit, — sie gab sich mir hier das Wonnemaͤdchen. Wir waren beide wahre Menschen, hatten<lb/></p> </div> </div> </div> </body> </text> </TEI> [76/0078]
was man will, weil ihr aͤngstlich zu erhalten sucht, was ich verachte.
Nein, ich danke dir nichts Natur! Du gabst mir nichts, was mir dies Leben ertraͤglich machen koͤnnte, und verdarbst mir alles was ich um meine Huͤtte angepflanzt hatte. —
O ein unbegreiflicher Muthwille scheint mich zu seinem Spiel geschaffen zu haben! Ein Herz, das unaufhoͤrlich nach Genuß duͤrstet, und kein Mittel es zu befriedigen. Jch moͤchte lieber am Pranger stehen, als Jemanden merken lassen, daß mir meine Haͤßlichkeit so unertraͤglich ist, und doch, ist es wahr, beneid' ich jeden laͤchelnden Buben um sein menschliches Gesicht. Himmel, nur das, wenn ich nur schoͤn waͤre! Ha! wenn sie mir so erzaͤhlen, wie ihnen da ein wolluͤstiges Maͤdchen in die Arme gesunken, wie sie dort eine Goͤtternacht gefeiert, und nicht ahnden, daß auch in meinen Adern Feuer rollt, daß ich um Liebe gern alles alles hingaͤbe; und ich denn ein kaltes satyrisches Air annehme, uͤber Maͤdchen und Liebe spotte, waͤhrend ich in diesem Drang von Empfindungen vergehen moͤchte! — O es ist rasend! — Die Einzige, die ich errungen hatte, ist hingeopfert. Marie, wie ist dir jetzt? — O sagt nicht ich habe sie geopfert! Jch liebte sie bei Gott mehr als mich, und nur sie allein, und der Ausdruck meiner Liebe war staͤrker, als meine Haͤßlichkeit, — sie gab sich mir hier das Wonnemaͤdchen. Wir waren beide wahre Menschen, hatten
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| Zitationshilfe: | Moritz, Karl Philipp (Hrsg.): Gnothi sauton oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde. Bd. 10, St. 1. Berlin, 1793, S. 76. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/moritz_erfahrungsseelenkunde01001_1793/78>, abgerufen am 11.09.2024. |


