Moritz, Karl Philipp (Hrsg.): Gnothi sauton oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde. Bd. 10, St. 1. Berlin, 1793.am 26sten Aprill. Wie lächerlich, daß ich noch in irgend etwas Befriedigung suche! Thaten? -- was thun? die Zeiten der Thaten sind vorüber wie die des Genusses. Man kann nicht mehr die Welt durchziehen um sie von Ungeheuern und Räubern zu befreien. Man kann kein einzelner Mensch seyn, und als selbstständiges Wesen aus eigner Kraft und eigenem Triebe handeln. Die Welt ist in Ordnung; alles steht an seinem Platze, und leiert da vom Morgen bis zum Abend an seinem Rade, und bekümmert sich den Henker darum wozu das gut sey? Genug daß sie ihr täglich Brod haben und keine Schläge bekommen. Seid Jhr Menschen? -- womit wollt ihr mir das beweisen? An eure Stelle abgerichtete Esel, und alles gienge den nämlichen Gang. Fällt euch dann nicht wenigstens zuweilen die Frage ein: Für wen, wenn nicht für uns? -- Doch still! im Gebrause des Rheins bebt schon mancher Ton herüber wilden frohen Freiheitsgesangs. Mein Volk horcht auf; -- wie wenn ich sein Barde würde, und dann sein Massaniello? -- Sein Barde? Ach Gott! -- Trüg ich nicht die Verdammniß in meinem Busen! hätt' ich jene Geistesstille, jenes Gerechtfertigte, -- Gefühl des Wohlgefallens des Obersten der Geister, jenes kindliche Lallen, das alles sagen darf in seiner Unschuld und einfältigen Herzenshoheit, dem kein Gefühl widersteht! -- Jn meinem Busen ist ein ewiger höllischer Krieg. Lauter am 26sten Aprill. Wie laͤcherlich, daß ich noch in irgend etwas Befriedigung suche! Thaten? — was thun? die Zeiten der Thaten sind voruͤber wie die des Genusses. Man kann nicht mehr die Welt durchziehen um sie von Ungeheuern und Raͤubern zu befreien. Man kann kein einzelner Mensch seyn, und als selbststaͤndiges Wesen aus eigner Kraft und eigenem Triebe handeln. Die Welt ist in Ordnung; alles steht an seinem Platze, und leiert da vom Morgen bis zum Abend an seinem Rade, und bekuͤmmert sich den Henker darum wozu das gut sey? Genug daß sie ihr taͤglich Brod haben und keine Schlaͤge bekommen. Seid Jhr Menschen? — womit wollt ihr mir das beweisen? An eure Stelle abgerichtete Esel, und alles gienge den naͤmlichen Gang. Faͤllt euch dann nicht wenigstens zuweilen die Frage ein: Fuͤr wen, wenn nicht fuͤr uns? — Doch still! im Gebrause des Rheins bebt schon mancher Ton heruͤber wilden frohen Freiheitsgesangs. Mein Volk horcht auf; — wie wenn ich sein Barde wuͤrde, und dann sein Massaniello? — Sein Barde? Ach Gott! — Truͤg ich nicht die Verdammniß in meinem Busen! haͤtt' ich jene Geistesstille, jenes Gerechtfertigte, — Gefuͤhl des Wohlgefallens des Obersten der Geister, jenes kindliche Lallen, das alles sagen darf in seiner Unschuld und einfaͤltigen Herzenshoheit, dem kein Gefuͤhl widersteht! — Jn meinem Busen ist ein ewiger hoͤllischer Krieg. Lauter <TEI> <text> <body> <div n="1"> <div n="2"> <pb facs="#f0082" n="80"/><lb/> <div n="3"> <opener> <dateline> <hi rendition="#right">am 26sten Aprill.</hi> </dateline> </opener> <p>Wie laͤcherlich, daß ich noch in irgend etwas Befriedigung suche! Thaten? — was thun? die Zeiten der Thaten sind voruͤber wie die des Genusses. Man kann nicht mehr die Welt durchziehen um sie von Ungeheuern und Raͤubern zu befreien. Man kann kein einzelner Mensch seyn, und als selbststaͤndiges Wesen aus eigner Kraft und eigenem Triebe handeln. Die Welt ist in Ordnung; alles steht an seinem Platze, und leiert da vom Morgen bis zum Abend an seinem Rade, und bekuͤmmert sich den Henker darum wozu das gut sey? Genug daß sie ihr taͤglich Brod haben und keine Schlaͤge bekommen. Seid Jhr Menschen? — womit wollt ihr mir das beweisen? An eure Stelle abgerichtete Esel, und alles gienge den naͤmlichen Gang. Faͤllt euch dann nicht wenigstens zuweilen die Frage ein: Fuͤr wen, wenn nicht fuͤr uns? — Doch still! im Gebrause des Rheins bebt schon mancher Ton heruͤber wilden frohen Freiheitsgesangs. Mein Volk horcht auf; — wie wenn ich sein Barde wuͤrde, und dann sein Massaniello? — Sein Barde? Ach Gott! — Truͤg ich nicht die Verdammniß in meinem Busen! haͤtt' ich jene Geistesstille, jenes Gerechtfertigte, — Gefuͤhl des Wohlgefallens des Obersten der Geister, jenes kindliche Lallen, das alles sagen darf in seiner Unschuld und einfaͤltigen Herzenshoheit, dem kein Gefuͤhl widersteht! — Jn meinem Busen ist ein ewiger hoͤllischer Krieg. Lauter<lb/></p> </div> </div> </div> </body> </text> </TEI> [80/0082]
am 26sten Aprill. Wie laͤcherlich, daß ich noch in irgend etwas Befriedigung suche! Thaten? — was thun? die Zeiten der Thaten sind voruͤber wie die des Genusses. Man kann nicht mehr die Welt durchziehen um sie von Ungeheuern und Raͤubern zu befreien. Man kann kein einzelner Mensch seyn, und als selbststaͤndiges Wesen aus eigner Kraft und eigenem Triebe handeln. Die Welt ist in Ordnung; alles steht an seinem Platze, und leiert da vom Morgen bis zum Abend an seinem Rade, und bekuͤmmert sich den Henker darum wozu das gut sey? Genug daß sie ihr taͤglich Brod haben und keine Schlaͤge bekommen. Seid Jhr Menschen? — womit wollt ihr mir das beweisen? An eure Stelle abgerichtete Esel, und alles gienge den naͤmlichen Gang. Faͤllt euch dann nicht wenigstens zuweilen die Frage ein: Fuͤr wen, wenn nicht fuͤr uns? — Doch still! im Gebrause des Rheins bebt schon mancher Ton heruͤber wilden frohen Freiheitsgesangs. Mein Volk horcht auf; — wie wenn ich sein Barde wuͤrde, und dann sein Massaniello? — Sein Barde? Ach Gott! — Truͤg ich nicht die Verdammniß in meinem Busen! haͤtt' ich jene Geistesstille, jenes Gerechtfertigte, — Gefuͤhl des Wohlgefallens des Obersten der Geister, jenes kindliche Lallen, das alles sagen darf in seiner Unschuld und einfaͤltigen Herzenshoheit, dem kein Gefuͤhl widersteht! — Jn meinem Busen ist ein ewiger hoͤllischer Krieg. Lauter
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| Zitationshilfe: | Moritz, Karl Philipp (Hrsg.): Gnothi sauton oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde. Bd. 10, St. 1. Berlin, 1793, S. 80. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/moritz_erfahrungsseelenkunde01001_1793/82>, abgerufen am 11.09.2024. |


