Moritz, Karl Philipp (Hrsg.): Gnothi sauton oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde. Bd. 10, St. 1. Berlin, 1793. am 5ten May. Begegnet mir gestern der Hofrath Engel vor dem Pilgersthore -- Ein seltsamer Mann, der sich durch die Mühseeligkeiten des Lebens hindurchgeschlagen, und ein reines Herz, guten Willen und Heiterkeit gerettet hat. Jch hätt' ihn hier noch nicht besucht. Was soll ich auch bei ihm? Jch ehre seine Güte, und darum mag ich ihn nicht betrügen, und großen Geist hat er nicht genug, um mich unter seinen Stolz zu beugen, dem er auf allerlei Weise ein Mäntelchen umzuhängen weiß; und außerdem ist er immer mit einer Menge von jenen wohlgerathenen Söhnen umgeben, die ohne Zuchtmeister nicht leben können, und immer eine Ruthe fein von zu Haus mitbringen, und nebst gehorsamer Empfehlung von Papa und Mama an einen, der so gut seyn will, sie mannichmal durchzupeitschen, überliefern. Es geht denn alles so sittsam und verständig in diesen Gesellschaften her, daß man meint, man höre den Nathanael und Polykarpus in Joachim Langens Kollegien konversiren. Er. Ei, Herr Weiler, muß mans denn dem Ungefähr danken, wenn man Sie einmal hier zu sehen bekömmt! Jch sagte ihm so eine gewöhnliche Entschuldigung. Er. Wie leben Sie? wie gehts Jhnen? -- Jch. (Bekam über die Frage wirklich einen Anfall von Lautlachen? Hm! wie gehts Jhnen, am 5ten May. Begegnet mir gestern der Hofrath Engel vor dem Pilgersthore — Ein seltsamer Mann, der sich durch die Muͤhseeligkeiten des Lebens hindurchgeschlagen, und ein reines Herz, guten Willen und Heiterkeit gerettet hat. Jch haͤtt' ihn hier noch nicht besucht. Was soll ich auch bei ihm? Jch ehre seine Guͤte, und darum mag ich ihn nicht betruͤgen, und großen Geist hat er nicht genug, um mich unter seinen Stolz zu beugen, dem er auf allerlei Weise ein Maͤntelchen umzuhaͤngen weiß; und außerdem ist er immer mit einer Menge von jenen wohlgerathenen Soͤhnen umgeben, die ohne Zuchtmeister nicht leben koͤnnen, und immer eine Ruthe fein von zu Haus mitbringen, und nebst gehorsamer Empfehlung von Papa und Mama an einen, der so gut seyn will, sie mannichmal durchzupeitschen, uͤberliefern. Es geht denn alles so sittsam und verstaͤndig in diesen Gesellschaften her, daß man meint, man hoͤre den Nathanael und Polykarpus in Joachim Langens Kollegien konversiren. Er. Ei, Herr Weiler, muß mans denn dem Ungefaͤhr danken, wenn man Sie einmal hier zu sehen bekoͤmmt! Jch sagte ihm so eine gewoͤhnliche Entschuldigung. Er. Wie leben Sie? wie gehts Jhnen? — Jch. (Bekam uͤber die Frage wirklich einen Anfall von Lautlachen? Hm! wie gehts Jhnen, <TEI> <text> <body> <div n="1"> <div n="2"> <pb facs="#f0084" n="82"/><lb/> <div n="3"> <opener> <dateline> <hi rendition="#right"> am 5ten May.</hi> </dateline> </opener> <p>Begegnet mir gestern der Hofrath Engel vor dem Pilgersthore — Ein seltsamer Mann, der sich durch die Muͤhseeligkeiten des Lebens hindurchgeschlagen, und ein reines Herz, guten Willen und Heiterkeit gerettet hat. Jch haͤtt' ihn hier noch nicht besucht. Was soll ich auch bei ihm? Jch ehre seine Guͤte, und darum mag ich ihn nicht betruͤgen, und großen Geist hat er nicht genug, um mich unter seinen Stolz zu beugen, dem er auf allerlei Weise ein Maͤntelchen umzuhaͤngen weiß; und außerdem ist er immer mit einer Menge von jenen wohlgerathenen Soͤhnen umgeben, die ohne Zuchtmeister nicht leben koͤnnen, und immer eine Ruthe fein von zu Haus mitbringen, und nebst gehorsamer Empfehlung von Papa und Mama an einen, der so gut seyn will, sie mannichmal durchzupeitschen, uͤberliefern. Es geht denn alles so sittsam und verstaͤndig in diesen Gesellschaften her, daß man meint, man hoͤre den Nathanael und Polykarpus in Joachim Langens Kollegien konversiren.</p> <p><hi rendition="#b">Er.</hi> Ei, Herr Weiler, muß mans denn dem Ungefaͤhr danken, wenn man Sie einmal hier zu sehen bekoͤmmt!</p> <p><hi rendition="#b">Jch</hi> sagte ihm so eine gewoͤhnliche Entschuldigung.</p> <p><hi rendition="#b">Er.</hi> Wie leben Sie? wie gehts Jhnen? —</p> <p><hi rendition="#b">Jch.</hi> (Bekam uͤber die Frage wirklich einen Anfall von Lautlachen? Hm! wie gehts Jhnen,<lb/></p> </div> </div> </div> </body> </text> </TEI> [82/0084]
am 5ten May. Begegnet mir gestern der Hofrath Engel vor dem Pilgersthore — Ein seltsamer Mann, der sich durch die Muͤhseeligkeiten des Lebens hindurchgeschlagen, und ein reines Herz, guten Willen und Heiterkeit gerettet hat. Jch haͤtt' ihn hier noch nicht besucht. Was soll ich auch bei ihm? Jch ehre seine Guͤte, und darum mag ich ihn nicht betruͤgen, und großen Geist hat er nicht genug, um mich unter seinen Stolz zu beugen, dem er auf allerlei Weise ein Maͤntelchen umzuhaͤngen weiß; und außerdem ist er immer mit einer Menge von jenen wohlgerathenen Soͤhnen umgeben, die ohne Zuchtmeister nicht leben koͤnnen, und immer eine Ruthe fein von zu Haus mitbringen, und nebst gehorsamer Empfehlung von Papa und Mama an einen, der so gut seyn will, sie mannichmal durchzupeitschen, uͤberliefern. Es geht denn alles so sittsam und verstaͤndig in diesen Gesellschaften her, daß man meint, man hoͤre den Nathanael und Polykarpus in Joachim Langens Kollegien konversiren.
Er. Ei, Herr Weiler, muß mans denn dem Ungefaͤhr danken, wenn man Sie einmal hier zu sehen bekoͤmmt!
Jch sagte ihm so eine gewoͤhnliche Entschuldigung.
Er. Wie leben Sie? wie gehts Jhnen? —
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| Zitationshilfe: | Moritz, Karl Philipp (Hrsg.): Gnothi sauton oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde. Bd. 10, St. 1. Berlin, 1793, S. 82. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/moritz_erfahrungsseelenkunde01001_1793/84>, abgerufen am 11.09.2024. |


