Moritz, Karl Philipp (Hrsg.): Gnothi sauton oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde. Bd. 10, St. 1. Berlin, 1793.
Er. sah mich eine Weile an, als woll' er Etwas in mir lesen. -- Kann ich Jhnen dienen? Jch. Sie nicht und kein Mensch. Er. Junger Mann, Sie täuschen sich. Jhre Leiden scheinen Jhnen unbezwingliche Ungeheuer. Muth und ein tapferer Angriff, und die Truggestalten schwinden! Jch. Herr Hofrath! -- Jch bin verkannt, verlassen, dahingegeben, geschändet -- ich und meine Henker sind allein! -- O! Sie wissen ja alles, wissen, daß auch in der That die Gerechtigkeit Recht hatte, mich dieser Einöde und meinen Martern zu übergeben. -- Was ist noch an mir zu retten? Höchstens könnte man meine äußern Verhältnisse ein wenig ausbessern, und diese sind es gerade, die mich in all diesem Gedränge am wenigsten pressen. Er. Hätten wir nur erst Ein Glied wieder gesund, die andern werdens dann oft von selbst: Er-
Er. sah mich eine Weile an, als woll' er Etwas in mir lesen. — Kann ich Jhnen dienen? Jch. Sie nicht und kein Mensch. Er. Junger Mann, Sie taͤuschen sich. Jhre Leiden scheinen Jhnen unbezwingliche Ungeheuer. Muth und ein tapferer Angriff, und die Truggestalten schwinden! Jch. Herr Hofrath! — Jch bin verkannt, verlassen, dahingegeben, geschaͤndet — ich und meine Henker sind allein! — O! Sie wissen ja alles, wissen, daß auch in der That die Gerechtigkeit Recht hatte, mich dieser Einoͤde und meinen Martern zu uͤbergeben. — Was ist noch an mir zu retten? Hoͤchstens koͤnnte man meine aͤußern Verhaͤltnisse ein wenig ausbessern, und diese sind es gerade, die mich in all diesem Gedraͤnge am wenigsten pressen. Er. Haͤtten wir nur erst Ein Glied wieder gesund, die andern werdens dann oft von selbst: Er- <TEI> <text> <body> <div n="1"> <div n="2"> <div n="3"> <p><pb facs="#f0085" n="83"/><lb/> Herr Prometheus an ihrem Felsen?) Jch antwortete: Jch wuͤrde besser leben, wenn ich mehr in der Vergangenheit leben koͤnnte. Dies schien mir in dem Augenblick eine Klage zu enthalten, und klagen wollt' ich nicht. Jch setzte also hinzu: Wer ist uͤberhaupt wohl mit seiner Gegenwart zufrieden? Der Gluͤckliche klagt mit Recht, daß sie immer fliehe, nie wirklich da sey, und dem Ungluͤcklichen ist sie eine Fessel, die er allenthalben unmuthig mit sich herumschleppt.</p> <p><hi rendition="#b">Er.</hi> sah mich eine Weile an, als woll' er Etwas in mir lesen. — Kann ich Jhnen dienen?</p> <p><hi rendition="#b">Jch.</hi> Sie nicht und kein Mensch.</p> <p><hi rendition="#b">Er.</hi> Junger Mann, Sie taͤuschen sich. Jhre Leiden scheinen Jhnen unbezwingliche Ungeheuer. Muth und ein tapferer Angriff, und die Truggestalten schwinden!</p> <p><hi rendition="#b">Jch.</hi> Herr Hofrath! — Jch bin verkannt, verlassen, dahingegeben, geschaͤndet — ich und meine Henker sind allein! — O! Sie wissen ja alles, wissen, daß auch in der That die Gerechtigkeit Recht hatte, mich dieser Einoͤde und meinen Martern zu uͤbergeben. — Was ist noch an mir zu retten? Hoͤchstens koͤnnte man meine aͤußern Verhaͤltnisse ein wenig ausbessern, und diese sind es gerade, die mich in all diesem Gedraͤnge am wenigsten pressen.</p> <p><hi rendition="#b">Er.</hi> Haͤtten wir nur erst Ein Glied wieder gesund, die andern werdens dann oft von selbst: Er-<lb/></p> </div> </div> </div> </body> </text> </TEI> [83/0085]
Herr Prometheus an ihrem Felsen?) Jch antwortete: Jch wuͤrde besser leben, wenn ich mehr in der Vergangenheit leben koͤnnte. Dies schien mir in dem Augenblick eine Klage zu enthalten, und klagen wollt' ich nicht. Jch setzte also hinzu: Wer ist uͤberhaupt wohl mit seiner Gegenwart zufrieden? Der Gluͤckliche klagt mit Recht, daß sie immer fliehe, nie wirklich da sey, und dem Ungluͤcklichen ist sie eine Fessel, die er allenthalben unmuthig mit sich herumschleppt.
Er. sah mich eine Weile an, als woll' er Etwas in mir lesen. — Kann ich Jhnen dienen?
Jch. Sie nicht und kein Mensch.
Er. Junger Mann, Sie taͤuschen sich. Jhre Leiden scheinen Jhnen unbezwingliche Ungeheuer. Muth und ein tapferer Angriff, und die Truggestalten schwinden!
Jch. Herr Hofrath! — Jch bin verkannt, verlassen, dahingegeben, geschaͤndet — ich und meine Henker sind allein! — O! Sie wissen ja alles, wissen, daß auch in der That die Gerechtigkeit Recht hatte, mich dieser Einoͤde und meinen Martern zu uͤbergeben. — Was ist noch an mir zu retten? Hoͤchstens koͤnnte man meine aͤußern Verhaͤltnisse ein wenig ausbessern, und diese sind es gerade, die mich in all diesem Gedraͤnge am wenigsten pressen.
Er. Haͤtten wir nur erst Ein Glied wieder gesund, die andern werdens dann oft von selbst: Er-
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| Zitationshilfe: | Moritz, Karl Philipp (Hrsg.): Gnothi sauton oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde. Bd. 10, St. 1. Berlin, 1793, S. 83. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/moritz_erfahrungsseelenkunde01001_1793/85>, abgerufen am 11.09.2024. |


