Moritz, Karl Philipp (Hrsg.): Gnothi sauton oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde. Bd. 10, St. 1. Berlin, 1793.
Er. Wunderlicher Freund, ich verzeihe Jhnen zum voraus, Jhre Hitze -- Jch. O Herr, wir kennen uns, denk' ich, was brauchts da der Ausflüchte? Ehe ich zu Jhnen gieng, wußt' ich, daß Jhre Feigheit Seitensprünge genug machen würde. Die Wahrheit zu gestehn will ich blos meinen Spaß mit Jhnen haben: Denn; warlich, daran dacht' ich keinen Augenblick, daß Sie Ernst machen würden. Diese Art zu handeln wäre, Jhre Feigheit abgerechnet, zu offen, zu deutsch für Sie, nicht in Jhrem Lieblingsgeschmack dem Jtalienischen. Er. (Jndem er etwas hinunter zu schlucken scheint.) Wenn Sie deutlicher sprechen wollten, so würd' ich wenigstens erfahren, was Sie zu allen diesen Beleidigungen veranlaßt? Jch. Nun denn so hören Sie Jhre eigene Geschichte. Sie hatten den ehrlichen Rath Erfa in Verdacht, als habe er Jhrem zukünftigen Schwiegervater die Augen über das Unglück, das seiner Tochter und seinem ganzem Hause durch Jhre Verwandtschaft droht, öffnen wollen. So brav dies immer gewesen wäre, so hätte das ganze phlegmatische Wesen dieses Mannes Sie an diesem Beweise eines freundschaftlichen Eifers sollen zweifeln lassen. Allein eine bloße nichtswürdige Vermu-
Er. Wunderlicher Freund, ich verzeihe Jhnen zum voraus, Jhre Hitze — Jch. O Herr, wir kennen uns, denk' ich, was brauchts da der Ausfluͤchte? Ehe ich zu Jhnen gieng, wußt' ich, daß Jhre Feigheit Seitenspruͤnge genug machen wuͤrde. Die Wahrheit zu gestehn will ich blos meinen Spaß mit Jhnen haben: Denn; warlich, daran dacht' ich keinen Augenblick, daß Sie Ernst machen wuͤrden. Diese Art zu handeln waͤre, Jhre Feigheit abgerechnet, zu offen, zu deutsch fuͤr Sie, nicht in Jhrem Lieblingsgeschmack dem Jtalienischen. Er. (Jndem er etwas hinunter zu schlucken scheint.) Wenn Sie deutlicher sprechen wollten, so wuͤrd' ich wenigstens erfahren, was Sie zu allen diesen Beleidigungen veranlaßt? Jch. Nun denn so hoͤren Sie Jhre eigene Geschichte. Sie hatten den ehrlichen Rath Erfa in Verdacht, als habe er Jhrem zukuͤnftigen Schwiegervater die Augen uͤber das Ungluͤck, das seiner Tochter und seinem ganzem Hause durch Jhre Verwandtschaft droht, oͤffnen wollen. So brav dies immer gewesen waͤre, so haͤtte das ganze phlegmatische Wesen dieses Mannes Sie an diesem Beweise eines freundschaftlichen Eifers sollen zweifeln lassen. Allein eine bloße nichtswuͤrdige Vermu- <TEI> <text> <body> <div n="1"> <div n="2"> <div n="3"> <p><pb facs="#f0093" n="91"/><lb/> des Herrn Steuerrath Erfa heimzusuchen sich verbunden haben, an mir wahr zu machen, denn in dreien Tagen wohn' ich in seinem Hause.</p> <p><hi rendition="#b">Er.</hi> Wunderlicher Freund, ich verzeihe Jhnen zum voraus, <choice><corr>Jhre</corr><sic>ihre</sic></choice> Hitze —</p> <p><hi rendition="#b">Jch.</hi> O Herr, wir kennen uns, denk' ich, was brauchts da der Ausfluͤchte? Ehe ich zu Jhnen gieng, wußt' ich, daß <choice><corr>Jhre</corr><sic>ihre</sic></choice> Feigheit Seitenspruͤnge genug machen wuͤrde. Die Wahrheit zu gestehn will ich blos meinen Spaß mit Jhnen haben: Denn; warlich, daran dacht' ich keinen Augenblick, daß Sie Ernst machen wuͤrden. Diese Art zu handeln waͤre, Jhre Feigheit abgerechnet, zu offen, zu deutsch fuͤr Sie, nicht in Jhrem Lieblingsgeschmack dem Jtalienischen.</p> <p><hi rendition="#b">Er.</hi> (Jndem er etwas hinunter zu schlucken scheint.) Wenn Sie deutlicher sprechen wollten, so wuͤrd' ich wenigstens erfahren, was Sie zu allen diesen Beleidigungen veranlaßt?</p> <p><hi rendition="#b">Jch.</hi> Nun denn so hoͤren Sie Jhre eigene Geschichte. Sie hatten den ehrlichen Rath Erfa in Verdacht, als habe er <choice><corr>Jhrem</corr><sic>ihrem</sic></choice> zukuͤnftigen Schwiegervater die Augen uͤber das Ungluͤck, das seiner Tochter und seinem ganzem Hause durch <choice><corr>Jhre</corr><sic>ihre</sic></choice> Verwandtschaft droht, oͤffnen wollen. So brav dies immer gewesen waͤre, so haͤtte das ganze phlegmatische Wesen dieses Mannes Sie an diesem Beweise eines freundschaftlichen Eifers sollen zweifeln lassen. Allein eine bloße nichtswuͤrdige Vermu-<lb/></p> </div> </div> </div> </body> </text> </TEI> [91/0093]
des Herrn Steuerrath Erfa heimzusuchen sich verbunden haben, an mir wahr zu machen, denn in dreien Tagen wohn' ich in seinem Hause.
Er. Wunderlicher Freund, ich verzeihe Jhnen zum voraus, Jhre Hitze —
Jch. O Herr, wir kennen uns, denk' ich, was brauchts da der Ausfluͤchte? Ehe ich zu Jhnen gieng, wußt' ich, daß Jhre Feigheit Seitenspruͤnge genug machen wuͤrde. Die Wahrheit zu gestehn will ich blos meinen Spaß mit Jhnen haben: Denn; warlich, daran dacht' ich keinen Augenblick, daß Sie Ernst machen wuͤrden. Diese Art zu handeln waͤre, Jhre Feigheit abgerechnet, zu offen, zu deutsch fuͤr Sie, nicht in Jhrem Lieblingsgeschmack dem Jtalienischen.
Er. (Jndem er etwas hinunter zu schlucken scheint.) Wenn Sie deutlicher sprechen wollten, so wuͤrd' ich wenigstens erfahren, was Sie zu allen diesen Beleidigungen veranlaßt?
Jch. Nun denn so hoͤren Sie Jhre eigene Geschichte. Sie hatten den ehrlichen Rath Erfa in Verdacht, als habe er Jhrem zukuͤnftigen Schwiegervater die Augen uͤber das Ungluͤck, das seiner Tochter und seinem ganzem Hause durch Jhre Verwandtschaft droht, oͤffnen wollen. So brav dies immer gewesen waͤre, so haͤtte das ganze phlegmatische Wesen dieses Mannes Sie an diesem Beweise eines freundschaftlichen Eifers sollen zweifeln lassen. Allein eine bloße nichtswuͤrdige Vermu-
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| Zitationshilfe: | Moritz, Karl Philipp (Hrsg.): Gnothi sauton oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde. Bd. 10, St. 1. Berlin, 1793, S. 91. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/moritz_erfahrungsseelenkunde01001_1793/93>, abgerufen am 11.09.2024. |


