Da ich aus einem mir vorgekommenen Avertisse- ment ersehen,
daß Beiträge zu einer Erfahrungs- seelenkunde an Sie eingesendet
werden können; so bin ich dadurch gereitzt worden, eines mir in
mei- nen jüngern Jahren vorgekommenen besondern Falls gegen Sie zu
erwähnen.
Als ich bald nach meiner akademischen Zeit, vor bereits einigen und dreißig Jahren,
auf dem zwi- schen Liegnitz und Lüben gelegenen Prinz
Ferdinand- schen Amte Brauchitsdorf Justitiarius war, traf ich einsmals in
einem dortigen Vorwerke eine menschliche Gestalt, dem Ansehen nach von
etwa zwanzig und einigen Jahren, in einem Leinwandkit- tel ohne
Beinkleider auf der Erde an einer Wand sitzend an. Auf mein Anreden bekam ich
nicht die mindeste Antwort. Jch erkundigte mich nachher nach diesem
Menschen, und erfuhr, daß er des dortigen Großknechts Sohn sey, und, ob er gleich
voll-
Zur Seelenkrankheitskunde.
I.
Großglogau den 8ten May 1782.
Da ich aus einem mir vorgekommenen Avertisse- ment ersehen,
daß Beitraͤge zu einer Erfahrungs- seelenkunde an Sie eingesendet
werden koͤnnen; so bin ich dadurch gereitzt worden, eines mir in
mei- nen juͤngern Jahren vorgekommenen besondern Falls gegen Sie zu
erwaͤhnen.
Als ich bald nach meiner akademischen Zeit, vor bereits einigen und dreißig Jahren,
auf dem zwi- schen Liegnitz und Luͤben gelegenen Prinz
Ferdinand- schen Amte Brauchitsdorf Justitiarius war, traf ich einsmals in
einem dortigen Vorwerke eine menschliche Gestalt, dem Ansehen nach von
etwa zwanzig und einigen Jahren, in einem Leinwandkit- tel ohne
Beinkleider auf der Erde an einer Wand sitzend an. Auf mein Anreden bekam ich
nicht die mindeste Antwort. Jch erkundigte mich nachher nach diesem
Menschen, und erfuhr, daß er des dortigen Großknechts Sohn sey, und, ob er gleich
voll-
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Zur
Seelenkrankheitskunde.
I.
Großglogau den 8ten May 1782.
Da ich aus einem mir vorgekommenen Avertisse-
ment ersehen, daß Beitraͤge zu einer Erfahrungs-
seelenkunde an Sie eingesendet werden koͤnnen; so
bin ich dadurch gereitzt worden, eines mir in mei-
nen juͤngern Jahren vorgekommenen besondern Falls
gegen Sie zu erwaͤhnen.
Als ich bald nach meiner akademischen Zeit,
vor bereits einigen und dreißig Jahren, auf dem zwi-
schen Liegnitz und Luͤben gelegenen Prinz Ferdinand-
schen Amte Brauchitsdorf Justitiarius war, traf
ich einsmals in einem dortigen Vorwerke eine
menschliche Gestalt, dem Ansehen nach von etwa
zwanzig und einigen Jahren, in einem Leinwandkit-
tel ohne Beinkleider auf der Erde an einer Wand
sitzend an. Auf mein Anreden bekam ich nicht die
mindeste Antwort. Jch erkundigte mich nachher
nach diesem Menschen, und erfuhr, daß er des
dortigen Großknechts Sohn sey, und, ob er gleich
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Moritz, Karl Philipp: Gnothi sauton oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde. Bd. 1, St. 1. Berlin, 1783, S. 4. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/moritz_erfahrungsseelenkunde01_1783/8>, abgerufen am 29.03.2023.
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