Moritz, Karl Philipp (Hrsg.): Gnothi sauton oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde. Bd. 4, St. 1. Berlin, 1786.Doch noch eins in anderer Art: mit einer meiner Freundinnen besuchte ich einen Garten, wir sind alleine, lange will sie sich nicht aufhalten, weil ihr Mann Besuch auf den Abend erwartet, ich sage also: gehn Sie, noch einen Freund werden Sie finden, der Jhnen lieb ist, der andere aber, den Sie erwarten, wird Jhnen sehr zur Plage werden. Sie lacht, sieht ein, warum ich dieß sage, weil ich sie von ihrem Hause nicht länger abhalten will, und aus Scherz dieß letztre einmische. Die Antwort war: der Gast, den wir erwarten, ist der beste Mann, kann nie quälen. Da sie in ihr Haus tritt, findet sie wirklich einen lieben Freund vom Lande, sie lacht, sagt, daß sie diesen Besuch schon vorher gewußt; ihr Gatte wundert sich, sie erzählt, was ich gesagt, auch daß die noch zu erwartende Person zur Last fallen würde. Man hält dies ohnmöglich; der Mann kömmt, hat sich durch einen andern Freund zum Trunk reitzen lassen, seiner Stärke zu viel getraut; kurz, er ist unausstehlich, und geräth zuletzt in einen Zustand, wo man ihn in sein Quartier bringen muß. G** den 23sten October 1785. *** Doch noch eins in anderer Art: mit einer meiner Freundinnen besuchte ich einen Garten, wir sind alleine, lange will sie sich nicht aufhalten, weil ihr Mann Besuch auf den Abend erwartet, ich sage also: gehn Sie, noch einen Freund werden Sie finden, der Jhnen lieb ist, der andere aber, den Sie erwarten, wird Jhnen sehr zur Plage werden. Sie lacht, sieht ein, warum ich dieß sage, weil ich sie von ihrem Hause nicht laͤnger abhalten will, und aus Scherz dieß letztre einmische. Die Antwort war: der Gast, den wir erwarten, ist der beste Mann, kann nie quaͤlen. Da sie in ihr Haus tritt, findet sie wirklich einen lieben Freund vom Lande, sie lacht, sagt, daß sie diesen Besuch schon vorher gewußt; ihr Gatte wundert sich, sie erzaͤhlt, was ich gesagt, auch daß die noch zu erwartende Person zur Last fallen wuͤrde. Man haͤlt dies ohnmoͤglich; der Mann koͤmmt, hat sich durch einen andern Freund zum Trunk reitzen lassen, seiner Staͤrke zu viel getraut; kurz, er ist unausstehlich, und geraͤth zuletzt in einen Zustand, wo man ihn in sein Quartier bringen muß. G** den 23sten October 1785. *** <TEI> <text> <body> <div n="1"> <div n="2"> <pb facs="#f0114" n="112"/><lb/> <p>Doch noch eins in anderer Art: mit einer meiner Freundinnen besuchte ich einen Garten, wir sind alleine, lange will sie sich nicht aufhalten, weil ihr Mann Besuch auf den Abend erwartet, ich sage also: gehn Sie, noch einen Freund werden Sie finden, der Jhnen lieb ist, der andere aber, den Sie erwarten, wird Jhnen sehr zur Plage werden. </p> <p>Sie lacht, sieht ein, warum ich dieß sage, weil ich sie von ihrem Hause nicht laͤnger abhalten will, und aus Scherz dieß letztre einmische. </p> <p>Die Antwort war: der Gast, den wir erwarten, ist der beste Mann, kann nie quaͤlen. </p> <p>Da sie in ihr Haus tritt, findet sie wirklich einen lieben Freund vom Lande, sie lacht, sagt, daß sie diesen Besuch schon vorher gewußt; ihr Gatte wundert sich, sie erzaͤhlt, was ich gesagt, auch daß die noch zu erwartende Person zur Last fallen wuͤrde. </p> <p>Man haͤlt dies ohnmoͤglich; der Mann koͤmmt, hat sich durch einen andern Freund zum Trunk reitzen lassen, seiner Staͤrke zu viel getraut; kurz, er ist unausstehlich, und geraͤth zuletzt in einen Zustand, wo man ihn in sein Quartier bringen muß. </p> <p><hi rendition="#b">G**</hi> den 23sten October 1785. </p> <p rendition="#right"> <hi rendition="#b">***</hi> </p> <milestone rendition="#hr" unit="section"/><lb/> </div> </div> </body> </text> </TEI> [112/0114]
Doch noch eins in anderer Art: mit einer meiner Freundinnen besuchte ich einen Garten, wir sind alleine, lange will sie sich nicht aufhalten, weil ihr Mann Besuch auf den Abend erwartet, ich sage also: gehn Sie, noch einen Freund werden Sie finden, der Jhnen lieb ist, der andere aber, den Sie erwarten, wird Jhnen sehr zur Plage werden.
Sie lacht, sieht ein, warum ich dieß sage, weil ich sie von ihrem Hause nicht laͤnger abhalten will, und aus Scherz dieß letztre einmische.
Die Antwort war: der Gast, den wir erwarten, ist der beste Mann, kann nie quaͤlen.
Da sie in ihr Haus tritt, findet sie wirklich einen lieben Freund vom Lande, sie lacht, sagt, daß sie diesen Besuch schon vorher gewußt; ihr Gatte wundert sich, sie erzaͤhlt, was ich gesagt, auch daß die noch zu erwartende Person zur Last fallen wuͤrde.
Man haͤlt dies ohnmoͤglich; der Mann koͤmmt, hat sich durch einen andern Freund zum Trunk reitzen lassen, seiner Staͤrke zu viel getraut; kurz, er ist unausstehlich, und geraͤth zuletzt in einen Zustand, wo man ihn in sein Quartier bringen muß.
G** den 23sten October 1785.
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| Zitationshilfe: | Moritz, Karl Philipp (Hrsg.): Gnothi sauton oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde. Bd. 4, St. 1. Berlin, 1786, S. 112. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/moritz_erfahrungsseelenkunde0401_1786/114>, abgerufen am 11.09.2024. |


