Moritz, Karl Philipp (Hrsg.): Gnothi sauton oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde. Bd. 4, St. 1. Berlin, 1786.
Ja, es ist nichts, was den Sprachunterricht, was die Behandlung der Schriftsteller, der Deutschen wie der Griechen und Römer, der Neuern, wie der Alten so interessant, für den Lehrer und Schüler, und alle so gerühmte Aenderungen der Lehrmethode entbehrlich machen könnte, als dies Philosophiren über Sprachgebrauch und Schriften, welches ja eben die wahre Ernestische Lehrart ist, deren Kenner und Liebhaber alle Aenderungsvorschläge ruhig bei Seite legt und verachtet, weil man hier denken lernt und lehrt. Erlauben Sie mir eine Bemerkung dieser Art in Jhr Magazin als einen kleinen Beitrag zu liefern. Sie betrift die Worte, welche an sich mittlerer Bedeutung und gleichsam neutral sind, und, da sie an sich weder das Gute noch das Schlimme bedeuten, erst durch Zusätze der Adiectiven oder Beschaffenheitswörter diese Einschränkung und Bestimmung erhalten; daher sie auch vocabula mesa, media, heissen. Dergleichen sind die Worte, Leben, Gestalt, Glück, Nahme, Gewitter, Kraut, fortuna, valetudo, forma, fama, u. a. m. Was thun wir mit diesen Worten? Wir setzen Adjectiva darzu, z.B. gutes widriges Glück, fortuna secunda, adversa,
Ja, es ist nichts, was den Sprachunterricht, was die Behandlung der Schriftsteller, der Deutschen wie der Griechen und Roͤmer, der Neuern, wie der Alten so interessant, fuͤr den Lehrer und Schuͤler, und alle so geruͤhmte Aenderungen der Lehrmethode entbehrlich machen koͤnnte, als dies Philosophiren uͤber Sprachgebrauch und Schriften, welches ja eben die wahre Ernestische Lehrart ist, deren Kenner und Liebhaber alle Aenderungsvorschlaͤge ruhig bei Seite legt und verachtet, weil man hier denken lernt und lehrt. Erlauben Sie mir eine Bemerkung dieser Art in Jhr Magazin als einen kleinen Beitrag zu liefern. Sie betrift die Worte, welche an sich mittlerer Bedeutung und gleichsam neutral sind, und, da sie an sich weder das Gute noch das Schlimme bedeuten, erst durch Zusaͤtze der Adiectiven oder Beschaffenheitswoͤrter diese Einschraͤnkung und Bestimmung erhalten; daher sie auch vocabula μέσα, media, heissen. Dergleichen sind die Worte, Leben, Gestalt, Gluͤck, Nahme, Gewitter, Kraut, fortuna, valetudo, forma, fama, u. a. m. Was thun wir mit diesen Worten? Wir setzen Adjectiva darzu, z.B. gutes widriges Gluͤck, fortuna secunda, adversa, <TEI> <text> <body> <div n="1"> <div n="2"> <p><hi rendition="#aq"><pb facs="#f0059" n="57"/><lb/> tii Minervae</hi> zukoͤmmt,) eine <hi rendition="#aq">Grammaire raisonnée</hi> ist von jeher mein Lieblingsaugenmerk, und des <hi rendition="#aq">Sal. Glassii Philologia S.</hi> in dieser Absicht mein liebstes Buch gewesen und geblieben. </p> <p>Ja, es ist nichts, was den Sprachunterricht, was die Behandlung der Schriftsteller, der Deutschen wie der Griechen und Roͤmer, der Neuern, wie der Alten so interessant, fuͤr den Lehrer und Schuͤler, und alle so geruͤhmte Aenderungen der Lehrmethode entbehrlich machen koͤnnte, als dies Philosophiren uͤber Sprachgebrauch und Schriften, welches ja eben die wahre Ernestische Lehrart ist, deren Kenner und Liebhaber alle Aenderungsvorschlaͤge ruhig bei Seite legt und verachtet, weil man hier <hi rendition="#b">denken</hi> lernt und lehrt.</p> <p>Erlauben Sie mir eine Bemerkung dieser Art in Jhr Magazin als einen kleinen Beitrag zu liefern. Sie betrift die Worte, welche an sich mittlerer Bedeutung und gleichsam neutral sind, und, da sie an sich weder das Gute noch das Schlimme bedeuten, erst durch Zusaͤtze der Adiectiven oder Beschaffenheitswoͤrter diese Einschraͤnkung und Bestimmung erhalten; daher sie auch <hi rendition="#aq">vocabula</hi> μέσα, <hi rendition="#aq">media,</hi> heissen. Dergleichen sind die Worte, Leben, Gestalt, Gluͤck, Nahme, Gewitter, Kraut, <hi rendition="#aq">fortuna, valetudo, forma, fama,</hi> u. a. m. Was thun wir mit diesen Worten? Wir setzen <hi rendition="#aq">Adjectiva</hi> darzu, z.B. gutes widriges Gluͤck, <hi rendition="#aq">fortuna secunda, adversa,</hi><lb/></p> </div> </div> </body> </text> </TEI> [57/0059]
tii Minervae zukoͤmmt,) eine Grammaire raisonnée ist von jeher mein Lieblingsaugenmerk, und des Sal. Glassii Philologia S. in dieser Absicht mein liebstes Buch gewesen und geblieben.
Ja, es ist nichts, was den Sprachunterricht, was die Behandlung der Schriftsteller, der Deutschen wie der Griechen und Roͤmer, der Neuern, wie der Alten so interessant, fuͤr den Lehrer und Schuͤler, und alle so geruͤhmte Aenderungen der Lehrmethode entbehrlich machen koͤnnte, als dies Philosophiren uͤber Sprachgebrauch und Schriften, welches ja eben die wahre Ernestische Lehrart ist, deren Kenner und Liebhaber alle Aenderungsvorschlaͤge ruhig bei Seite legt und verachtet, weil man hier denken lernt und lehrt.
Erlauben Sie mir eine Bemerkung dieser Art in Jhr Magazin als einen kleinen Beitrag zu liefern. Sie betrift die Worte, welche an sich mittlerer Bedeutung und gleichsam neutral sind, und, da sie an sich weder das Gute noch das Schlimme bedeuten, erst durch Zusaͤtze der Adiectiven oder Beschaffenheitswoͤrter diese Einschraͤnkung und Bestimmung erhalten; daher sie auch vocabula μέσα, media, heissen. Dergleichen sind die Worte, Leben, Gestalt, Gluͤck, Nahme, Gewitter, Kraut, fortuna, valetudo, forma, fama, u. a. m. Was thun wir mit diesen Worten? Wir setzen Adjectiva darzu, z.B. gutes widriges Gluͤck, fortuna secunda, adversa,
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