Moritz, Karl Philipp (Hrsg.): Gnothi sauton oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde. Bd. 4, St. 1. Berlin, 1786.
Noch eine Bemerkung, mit Jhrer Erlaubniß, zur National-Seelenkunde aus der Sprache, die mir immer wichtig und der Prüfung werth geschienen hat. Nur der Teutsche hat besondere Worte für die physicalischen Handlungen der Thiere: in allen andern Sprachen, die mir etwa bekannt sind, selbst in der Ebräischen, im Griechischen, Lateinischen, Jtalienischen, Französischen, sogar im Englischen, das doch vom Deutschen herstammt, essen, trinken, sterben die Thiere, wie wir; nur bei
Noch eine Bemerkung, mit Jhrer Erlaubniß, zur National-Seelenkunde aus der Sprache, die mir immer wichtig und der Pruͤfung werth geschienen hat. Nur der Teutsche hat besondere Worte fuͤr die physicalischen Handlungen der Thiere: in allen andern Sprachen, die mir etwa bekannt sind, selbst in der Ebraͤischen, im Griechischen, Lateinischen, Jtalienischen, Franzoͤsischen, sogar im Englischen, das doch vom Deutschen herstammt, essen, trinken, sterben die Thiere, wie wir; nur bei <TEI> <text> <body> <div n="1"> <div n="2"> <p><pb facs="#f0067" n="65"/><lb/><hi rendition="#aq">homo, homagium,</hi> Vasall, Huldigung;) dann gar einen Dieb? Welches Herabsinken! <hi rendition="#aq">Latro</hi> hieß ein Diener (von λάτρης, λάτρεύειν,) dann ein Soldat, daher der <hi rendition="#aq">lusus latrunculorum</hi> das Damen- oder Schachspiel, hernach ein Raͤuber, Moͤrder! <hi rendition="#b">Schalk,</hi> sonst ein Knecht. Wo rechnen wir diese Nebenbegriffe hin? Erstlich zur Denkart, welche gewoͤhnliche Nebenbegriffe mit Dingen verbindet, die sich immer, oft, meist dabei finden: dies ist im Verstande oder in der Phantasie. Aber im Willen! Vermuthlich der Haß gegen Leute, die mit ihrem sonst guten Stande so viele Uebelthaten verbanden, daß durch ihre ganze Lebensart der Nahme derselben, verhaßt und zum Abscheu wurde; so wie ehemahls und itzt der Nahme gewisser, besonders barbarischer grausamer oder alberner Voͤlker in dieser oder jener Absicht, zum wirklichen anatonomastischen Vorwurfsnahmen geworden ist: Beispiele sind bekannt, und — verhaßt. </p> <p>Noch eine Bemerkung, mit Jhrer Erlaubniß, zur National-Seelenkunde aus der Sprache, die mir immer wichtig und der Pruͤfung werth geschienen hat. Nur der <hi rendition="#b">Teutsche</hi> hat besondere Worte fuͤr die physicalischen Handlungen der Thiere: in allen andern Sprachen, die mir etwa bekannt sind, selbst in der Ebraͤischen, im Griechischen, Lateinischen, Jtalienischen, Franzoͤsischen, sogar im Englischen, das doch vom Deutschen herstammt, <hi rendition="#b">essen, trinken, sterben</hi> die Thiere, wie wir; nur bei<lb/></p> </div> </div> </body> </text> </TEI> [65/0067]
homo, homagium, Vasall, Huldigung;) dann gar einen Dieb? Welches Herabsinken! Latro hieß ein Diener (von λάτρης, λάτρεύειν,) dann ein Soldat, daher der lusus latrunculorum das Damen- oder Schachspiel, hernach ein Raͤuber, Moͤrder! Schalk, sonst ein Knecht. Wo rechnen wir diese Nebenbegriffe hin? Erstlich zur Denkart, welche gewoͤhnliche Nebenbegriffe mit Dingen verbindet, die sich immer, oft, meist dabei finden: dies ist im Verstande oder in der Phantasie. Aber im Willen! Vermuthlich der Haß gegen Leute, die mit ihrem sonst guten Stande so viele Uebelthaten verbanden, daß durch ihre ganze Lebensart der Nahme derselben, verhaßt und zum Abscheu wurde; so wie ehemahls und itzt der Nahme gewisser, besonders barbarischer grausamer oder alberner Voͤlker in dieser oder jener Absicht, zum wirklichen anatonomastischen Vorwurfsnahmen geworden ist: Beispiele sind bekannt, und — verhaßt.
Noch eine Bemerkung, mit Jhrer Erlaubniß, zur National-Seelenkunde aus der Sprache, die mir immer wichtig und der Pruͤfung werth geschienen hat. Nur der Teutsche hat besondere Worte fuͤr die physicalischen Handlungen der Thiere: in allen andern Sprachen, die mir etwa bekannt sind, selbst in der Ebraͤischen, im Griechischen, Lateinischen, Jtalienischen, Franzoͤsischen, sogar im Englischen, das doch vom Deutschen herstammt, essen, trinken, sterben die Thiere, wie wir; nur bei
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| Zitationshilfe: | Moritz, Karl Philipp (Hrsg.): Gnothi sauton oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde. Bd. 4, St. 1. Berlin, 1786, S. 65. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/moritz_erfahrungsseelenkunde0401_1786/67>, abgerufen am 11.09.2024. |


