Moritz, Karl Philipp (Hrsg.): Gnothi sauton oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde. Bd. 4, St. 1. Berlin, 1786.
Aber eine Sache wird mir wenigstens, (denn, wer willkührliche Hypothesen liebt, macht sich alles leicht,) ein Geheimniß unsrer Seele, in ihrem Verhalten gegen den Sprachgebrauch und die Erlernung der Muttersprache bleiben. Sie haben, mein Herr, vortrefliche, scharfsinnige, sowohl erfahrungsmässige, als abstrahirte Bemerkungen mitgetheilt, wie Kinder nach und nach reden lernen. Jch weiß, daß Nachahmung und Vorsagen auch hier das meiste, wohl alles thut; aber daraus läßt sich nur die blosse, gerade Benennung der Sache, durch den Nominativ, erklären; auch allenfalls der Kindermodus; der Jnfinitiv; wiewohl auch hier schon mehr Feinheit steckt; warum nehmen sie, die Kinder, diesen Modus, der die allgemeine abstrahirte Jdee des Verbums ist? Aber wer lehrt dann die Kinder die andern Casus nicht kennen, das kann paradigmatisch geschehen, wiewohl es nicht geschiehet, bis das Kind Lateinisch decliniren lernt; nein, sondern brauchen, recht brauchen? Das Haus meines Vaters, meiner Mutter Bruder, ich will es dem Vater sagen: wer lehrt dies die Kinder? Wer lehrt sie die subtile Beziehung des Genitivs, des Besitzes, des Eigenthums, des jemanden gehörigen zu dem Besitzer? die Beziehung der Handlung auf ihren Gegenstand, im Da-
Aber eine Sache wird mir wenigstens, (denn, wer willkuͤhrliche Hypothesen liebt, macht sich alles leicht,) ein Geheimniß unsrer Seele, in ihrem Verhalten gegen den Sprachgebrauch und die Erlernung der Muttersprache bleiben. Sie haben, mein Herr, vortrefliche, scharfsinnige, sowohl erfahrungsmaͤssige, als abstrahirte Bemerkungen mitgetheilt, wie Kinder nach und nach reden lernen. Jch weiß, daß Nachahmung und Vorsagen auch hier das meiste, wohl alles thut; aber daraus laͤßt sich nur die blosse, gerade Benennung der Sache, durch den Nominativ, erklaͤren; auch allenfalls der Kindermodus; der Jnfinitiv; wiewohl auch hier schon mehr Feinheit steckt; warum nehmen sie, die Kinder, diesen Modus, der die allgemeine abstrahirte Jdee des Verbums ist? Aber wer lehrt dann die Kinder die andern Casus nicht kennen, das kann paradigmatisch geschehen, wiewohl es nicht geschiehet, bis das Kind Lateinisch decliniren lernt; nein, sondern brauchen, recht brauchen? Das Haus meines Vaters, meiner Mutter Bruder, ich will es dem Vater sagen: wer lehrt dies die Kinder? Wer lehrt sie die subtile Beziehung des Genitivs, des Besitzes, des Eigenthums, des jemanden gehoͤrigen zu dem Besitzer? die Beziehung der Handlung auf ihren Gegenstand, im Da- <TEI> <text> <body> <div n="1"> <div n="2"> <p><pb facs="#f0069" n="67"/><lb/> z.E. wie der Oberschenke sagt: ich denke an meine <hi rendition="#b">Suͤnde,</hi> nehmlich gegen Joseph; und Jacob zum Laban: was ist meine Suͤnde? </p> <p>Aber eine Sache wird mir wenigstens, (denn, wer willkuͤhrliche Hypothesen liebt, macht sich alles leicht,) ein Geheimniß unsrer Seele, in ihrem Verhalten gegen den Sprachgebrauch und die Erlernung der Muttersprache bleiben. Sie haben, mein Herr, vortrefliche, scharfsinnige, sowohl erfahrungsmaͤssige, als abstrahirte Bemerkungen mitgetheilt, wie Kinder nach und nach reden lernen. Jch weiß, daß Nachahmung und Vorsagen auch hier das meiste, wohl alles thut; aber daraus laͤßt sich nur die blosse, gerade Benennung der Sache, durch den Nominativ, erklaͤren; auch allenfalls der Kindermodus; der Jnfinitiv; wiewohl auch hier schon mehr Feinheit steckt; warum nehmen sie, die Kinder, diesen Modus, der die allgemeine abstrahirte Jdee des Verbums ist? Aber wer lehrt dann die Kinder die andern Casus nicht <hi rendition="#b">kennen,</hi> das kann paradigmatisch geschehen, wiewohl es nicht geschiehet, bis das Kind Lateinisch decliniren lernt; nein, sondern <hi rendition="#b">brauchen,</hi> recht brauchen? Das Haus meines Vaters, meiner Mutter Bruder, ich <hi rendition="#b">will</hi> es <hi rendition="#b">dem</hi> Vater sagen: wer lehrt dies die Kinder? Wer lehrt sie die subtile Beziehung des Genitivs, des Besitzes, des Eigenthums, des jemanden gehoͤrigen zu dem Besitzer? die Beziehung der Handlung auf ihren Gegenstand, im Da-<lb/></p> </div> </div> </body> </text> </TEI> [67/0069]
z.E. wie der Oberschenke sagt: ich denke an meine Suͤnde, nehmlich gegen Joseph; und Jacob zum Laban: was ist meine Suͤnde?
Aber eine Sache wird mir wenigstens, (denn, wer willkuͤhrliche Hypothesen liebt, macht sich alles leicht,) ein Geheimniß unsrer Seele, in ihrem Verhalten gegen den Sprachgebrauch und die Erlernung der Muttersprache bleiben. Sie haben, mein Herr, vortrefliche, scharfsinnige, sowohl erfahrungsmaͤssige, als abstrahirte Bemerkungen mitgetheilt, wie Kinder nach und nach reden lernen. Jch weiß, daß Nachahmung und Vorsagen auch hier das meiste, wohl alles thut; aber daraus laͤßt sich nur die blosse, gerade Benennung der Sache, durch den Nominativ, erklaͤren; auch allenfalls der Kindermodus; der Jnfinitiv; wiewohl auch hier schon mehr Feinheit steckt; warum nehmen sie, die Kinder, diesen Modus, der die allgemeine abstrahirte Jdee des Verbums ist? Aber wer lehrt dann die Kinder die andern Casus nicht kennen, das kann paradigmatisch geschehen, wiewohl es nicht geschiehet, bis das Kind Lateinisch decliniren lernt; nein, sondern brauchen, recht brauchen? Das Haus meines Vaters, meiner Mutter Bruder, ich will es dem Vater sagen: wer lehrt dies die Kinder? Wer lehrt sie die subtile Beziehung des Genitivs, des Besitzes, des Eigenthums, des jemanden gehoͤrigen zu dem Besitzer? die Beziehung der Handlung auf ihren Gegenstand, im Da-
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