Moritz, Karl Philipp (Hrsg.): Gnothi sauton oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde. Bd. 4, St. 1. Berlin, 1786.
Ein paar andre Erfahrungen über eine besondre Aeußerung der Phantasie im vollblütigen Zustande theile ich Jhnen aus dem Briefe meines Vaters in Gera mit, der sie mir auf mein Bitten sendete. Jch könnte Jhnen selbst aus eigner Erfahrung einige sonderbare Ereignisse, die ich für sehr wichtig halte, erzählen, wenn ich Worte fände, unaussprechliche Dinge zu erzählen. Ungefähr von meinem sechsten bis siebenten Jahr an sahe ich öfters des Nachts eine weiße Gestalt vor meinen Augen, weinte darüber, bat das garstge Ding weg zu thun; die neben mir schlafenden sagten mir, sie sähen ja nichts, endlich -- verschwand es von selbst.
Ein paar andre Erfahrungen uͤber eine besondre Aeußerung der Phantasie im vollbluͤtigen Zustande theile ich Jhnen aus dem Briefe meines Vaters in Gera mit, der sie mir auf mein Bitten sendete. Jch koͤnnte Jhnen selbst aus eigner Erfahrung einige sonderbare Ereignisse, die ich fuͤr sehr wichtig halte, erzaͤhlen, wenn ich Worte faͤnde, unaussprechliche Dinge zu erzaͤhlen. Ungefaͤhr von meinem sechsten bis siebenten Jahr an sahe ich oͤfters des Nachts eine weiße Gestalt vor meinen Augen, weinte daruͤber, bat das garstge Ding weg zu thun; die neben mir schlafenden sagten mir, sie saͤhen ja nichts, endlich — verschwand es von selbst. <TEI> <text> <body> <div n="1"> <div n="2"> <p><pb facs="#f0073" n="71"/><lb/> mit ihren Gespielinnen ihren Geburtstag mit kindischer Froͤhlichkeit. Als sie des Abends in ihre Kammer zu Bette gehen will, erscheint ihr der <hi rendition="#b">Teufel</hi> und droht sie zu verschlingen; mit schrecklichem Geschrei kommt sie zuruͤck in der Eltern Stube, und faͤllt todt vor ihren Fuͤßen nieder. — Auf Herbeirufen des Arztes erholt sie sich nach etlichen Stunden wieder, erzaͤhlt, was ihr begegnet, und daß sie gewiß glaube, verdammt zu werden, verfaͤllt in eine langwierige Nervenkrankheit, und sah noch vor einem Vierteljahr, da ich sie sahe, todtenblas aus. Die Wahrheit der Geschichte muß der hiesige Professor <hi rendition="#b">Starke</hi> bezeugen koͤnnen, unter dessen Aufsicht die Patientin von einem jungen Studirenden kurirt wurde. </p> <p>Ein paar andre Erfahrungen uͤber eine besondre Aeußerung der Phantasie im vollbluͤtigen Zustande theile ich Jhnen aus dem Briefe meines Vaters in Gera mit, der sie mir auf mein Bitten sendete. Jch koͤnnte Jhnen selbst aus eigner Erfahrung einige sonderbare Ereignisse, die ich fuͤr sehr wichtig halte, erzaͤhlen, wenn ich Worte faͤnde, unaussprechliche Dinge zu erzaͤhlen. Ungefaͤhr von meinem sechsten bis siebenten Jahr an sahe ich oͤfters des Nachts eine weiße Gestalt vor meinen Augen, weinte daruͤber, bat das garstge Ding weg zu thun; die neben mir schlafenden sagten mir, sie saͤhen ja nichts, endlich — verschwand es von selbst. </p><lb/> </div> </div> </body> </text> </TEI> [71/0073]
mit ihren Gespielinnen ihren Geburtstag mit kindischer Froͤhlichkeit. Als sie des Abends in ihre Kammer zu Bette gehen will, erscheint ihr der Teufel und droht sie zu verschlingen; mit schrecklichem Geschrei kommt sie zuruͤck in der Eltern Stube, und faͤllt todt vor ihren Fuͤßen nieder. — Auf Herbeirufen des Arztes erholt sie sich nach etlichen Stunden wieder, erzaͤhlt, was ihr begegnet, und daß sie gewiß glaube, verdammt zu werden, verfaͤllt in eine langwierige Nervenkrankheit, und sah noch vor einem Vierteljahr, da ich sie sahe, todtenblas aus. Die Wahrheit der Geschichte muß der hiesige Professor Starke bezeugen koͤnnen, unter dessen Aufsicht die Patientin von einem jungen Studirenden kurirt wurde.
Ein paar andre Erfahrungen uͤber eine besondre Aeußerung der Phantasie im vollbluͤtigen Zustande theile ich Jhnen aus dem Briefe meines Vaters in Gera mit, der sie mir auf mein Bitten sendete. Jch koͤnnte Jhnen selbst aus eigner Erfahrung einige sonderbare Ereignisse, die ich fuͤr sehr wichtig halte, erzaͤhlen, wenn ich Worte faͤnde, unaussprechliche Dinge zu erzaͤhlen. Ungefaͤhr von meinem sechsten bis siebenten Jahr an sahe ich oͤfters des Nachts eine weiße Gestalt vor meinen Augen, weinte daruͤber, bat das garstge Ding weg zu thun; die neben mir schlafenden sagten mir, sie saͤhen ja nichts, endlich — verschwand es von selbst.
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| Zitationshilfe: | Moritz, Karl Philipp (Hrsg.): Gnothi sauton oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde. Bd. 4, St. 1. Berlin, 1786, S. 71. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/moritz_erfahrungsseelenkunde0401_1786/73>, abgerufen am 11.09.2024. |


