Moritz, Karl Philipp (Hrsg.): Gnothi sauton oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde. Bd. 4, St. 1. Berlin, 1786.
Als ich mehr zu Verstande kam, erklärte ich mir es sehr natürlich, ich war in vollem Sprunge aus dem hellsten Tageslicht in einen dunklen Keller gekommen, wie leicht konnte dadurch im Sehnerven eine Veränderung der Farben u.s.w. bewirkt werden, und die Phantasie trug dann das ihrige bei, das Bild auszumahlen. Aber wie erstaunte ich, als ich mehrere Jahre drauf hörte, was noch nie jemand in unsrer Familie gewust hatte, es sei eine alte Sage, es ließe sich in der Gegend eine blaue Figur, die man den Blaumantel nennte, sehen! -- Was soll man wohl zu dem Besprechen oder Versprechen des Feuers denken? Der itzige reg. Graf Reuß in Gera war immer in Ruf, dieses zu können. Jch weiß es selbst, daß so oft auf seinen Gütern Feuer war, er (und wenn es um Mitternacht war) mit seinem Husaren zu Pferde dahin eilte. Sobald er kam, war alles froh, seinen Retter zu sehen. Er ließ in aller Geschwindigkeit um das brennende Gebäude rund herum einen Platz zum
Als ich mehr zu Verstande kam, erklaͤrte ich mir es sehr natuͤrlich, ich war in vollem Sprunge aus dem hellsten Tageslicht in einen dunklen Keller gekommen, wie leicht konnte dadurch im Sehnerven eine Veraͤnderung der Farben u.s.w. bewirkt werden, und die Phantasie trug dann das ihrige bei, das Bild auszumahlen. Aber wie erstaunte ich, als ich mehrere Jahre drauf hoͤrte, was noch nie jemand in unsrer Familie gewust hatte, es sei eine alte Sage, es ließe sich in der Gegend eine blaue Figur, die man den Blaumantel nennte, sehen! — Was soll man wohl zu dem Besprechen oder Versprechen des Feuers denken? Der itzige reg. Graf Reuß in Gera war immer in Ruf, dieses zu koͤnnen. Jch weiß es selbst, daß so oft auf seinen Guͤtern Feuer war, er (und wenn es um Mitternacht war) mit seinem Husaren zu Pferde dahin eilte. Sobald er kam, war alles froh, seinen Retter zu sehen. Er ließ in aller Geschwindigkeit um das brennende Gebaͤude rund herum einen Platz zum <TEI> <text> <body> <div n="1"> <div n="2"> <p><pb facs="#f0077" n="75"/><lb/> bei Gera ist in einem Thale, <hi rendition="#b">Martinsgrund</hi> genannt, ein <hi rendition="#b">Waldhaus,</hi> wo wir einmal in großer Gesellschaft waren. Jch werde hinunter in den Keller geschickt, um etwas herauf zu holen. Springend oͤffne ich den Keller, und sehe vor mir eine weibliche Figur in <hi rendition="#b">blauem</hi> Habit, die aber gleich wieder verschwindet. Erschrocken spring ich zuruͤck, und erzaͤhl es. </p> <p>Als ich mehr zu Verstande kam, erklaͤrte ich mir es sehr natuͤrlich, ich war in vollem Sprunge aus dem hellsten Tageslicht in einen dunklen Keller gekommen, wie leicht konnte dadurch im Sehnerven eine Veraͤnderung der Farben u.s.w. bewirkt werden, und die Phantasie trug dann das ihrige bei, das Bild auszumahlen. </p> <p>Aber wie erstaunte ich, als ich mehrere Jahre drauf hoͤrte, was noch nie jemand in unsrer Familie gewust hatte, es sei eine alte Sage, es ließe sich in der Gegend eine blaue Figur, die man den <hi rendition="#b">Blaumantel</hi> nennte, sehen! — </p> <p>Was soll man wohl zu dem Besprechen oder Versprechen des Feuers denken? Der itzige reg. Graf Reuß in Gera war immer in Ruf, dieses zu koͤnnen. Jch weiß es selbst, daß so oft auf seinen Guͤtern Feuer war, er (und wenn es um Mitternacht war) mit seinem Husaren zu Pferde dahin eilte. Sobald er kam, war alles froh, seinen Retter zu sehen. Er ließ in aller Geschwindigkeit um das brennende Gebaͤude rund herum einen Platz zum<lb/></p> </div> </div> </body> </text> </TEI> [75/0077]
bei Gera ist in einem Thale, Martinsgrund genannt, ein Waldhaus, wo wir einmal in großer Gesellschaft waren. Jch werde hinunter in den Keller geschickt, um etwas herauf zu holen. Springend oͤffne ich den Keller, und sehe vor mir eine weibliche Figur in blauem Habit, die aber gleich wieder verschwindet. Erschrocken spring ich zuruͤck, und erzaͤhl es.
Als ich mehr zu Verstande kam, erklaͤrte ich mir es sehr natuͤrlich, ich war in vollem Sprunge aus dem hellsten Tageslicht in einen dunklen Keller gekommen, wie leicht konnte dadurch im Sehnerven eine Veraͤnderung der Farben u.s.w. bewirkt werden, und die Phantasie trug dann das ihrige bei, das Bild auszumahlen.
Aber wie erstaunte ich, als ich mehrere Jahre drauf hoͤrte, was noch nie jemand in unsrer Familie gewust hatte, es sei eine alte Sage, es ließe sich in der Gegend eine blaue Figur, die man den Blaumantel nennte, sehen! —
Was soll man wohl zu dem Besprechen oder Versprechen des Feuers denken? Der itzige reg. Graf Reuß in Gera war immer in Ruf, dieses zu koͤnnen. Jch weiß es selbst, daß so oft auf seinen Guͤtern Feuer war, er (und wenn es um Mitternacht war) mit seinem Husaren zu Pferde dahin eilte. Sobald er kam, war alles froh, seinen Retter zu sehen. Er ließ in aller Geschwindigkeit um das brennende Gebaͤude rund herum einen Platz zum
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| Zitationshilfe: | Moritz, Karl Philipp (Hrsg.): Gnothi sauton oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde. Bd. 4, St. 1. Berlin, 1786, S. 75. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/moritz_erfahrungsseelenkunde0401_1786/77>, abgerufen am 11.09.2024. |


