Moritz, Karl Philipp (Hrsg.): Gnothi sauton oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde. Bd. 4, St. 1. Berlin, 1786.
Sein Auge ist finster, es verengt sich, ohne kurzsichtig zu seyn, und sein Blick ist fast immer zur Erde geheftet. Jn seiner Stirn liegen einige Falten, die etwas tückisches und hartherziges verrathen, und die überhaupt seinem Gesichte nicht vortheilhaft sind. Er weiß seinen Mund durch eine kleine Biegung kleiner zu machen, und dadurch entsteht zugleich eine merkliche Bewegung an der Nase, die kein eigentliches Naserümpfen ist, aber doch dergleichen Dienste thun soll. Alles dies ist freilich keine Empfehlung für ihn, aber dies gilt auch von seinen Handlungen selbst. Er weiß durch mannigfaltige Krümmungen irgend einen seiner Mitschüler zu berühren, ohne daß dieser den Thäter allemal wissen kann. Auch wenn er dabei betroffen wird, weiß er sich eine Art von Gegenwart des Geistes zu geben, und er geräth gleichsam in ein Erstaunen darüber, daß er dieß gewesen, dieß gethan haben sollte. Auch drückt er sich eben so in seinen Worten aus: "Jch? ich weiß ja gar nichts davon! Jch habe still gesessen! Jch habe mich nicht bewegt" -- und dabei wendet er sich häufig zu seinem Nebenschüler, und will, daß dieser ein Zeuge für ihn und seine Unschuld seyn soll.
Sein Auge ist finster, es verengt sich, ohne kurzsichtig zu seyn, und sein Blick ist fast immer zur Erde geheftet. Jn seiner Stirn liegen einige Falten, die etwas tuͤckisches und hartherziges verrathen, und die uͤberhaupt seinem Gesichte nicht vortheilhaft sind. Er weiß seinen Mund durch eine kleine Biegung kleiner zu machen, und dadurch entsteht zugleich eine merkliche Bewegung an der Nase, die kein eigentliches Naseruͤmpfen ist, aber doch dergleichen Dienste thun soll. Alles dies ist freilich keine Empfehlung fuͤr ihn, aber dies gilt auch von seinen Handlungen selbst. Er weiß durch mannigfaltige Kruͤmmungen irgend einen seiner Mitschuͤler zu beruͤhren, ohne daß dieser den Thaͤter allemal wissen kann. Auch wenn er dabei betroffen wird, weiß er sich eine Art von Gegenwart des Geistes zu geben, und er geraͤth gleichsam in ein Erstaunen daruͤber, daß er dieß gewesen, dieß gethan haben sollte. Auch druͤckt er sich eben so in seinen Worten aus: »Jch? ich weiß ja gar nichts davon! Jch habe still gesessen! Jch habe mich nicht bewegt« — und dabei wendet er sich haͤufig zu seinem Nebenschuͤler, und will, daß dieser ein Zeuge fuͤr ihn und seine Unschuld seyn soll. <TEI> <text> <body> <div n="1"> <div n="2"> <p><pb facs="#f0085" n="83"/><lb/> etwas verstimmt und aus dem graden Geleise der Natur herausgekommen zu seyn. </p> <p>Sein Auge ist finster, es verengt sich, ohne kurzsichtig zu seyn, und sein Blick ist fast immer zur Erde geheftet. </p> <p>Jn seiner Stirn liegen einige Falten, die etwas tuͤckisches und hartherziges verrathen, und die uͤberhaupt seinem Gesichte nicht vortheilhaft sind. </p> <p>Er weiß seinen Mund durch eine kleine Biegung kleiner zu machen, und dadurch entsteht zugleich eine merkliche Bewegung an der Nase, die kein eigentliches Naseruͤmpfen ist, aber doch dergleichen Dienste thun soll. </p> <p>Alles dies ist freilich keine Empfehlung fuͤr ihn, aber dies gilt auch von seinen Handlungen selbst. </p> <p>Er weiß durch mannigfaltige Kruͤmmungen irgend einen seiner Mitschuͤler zu beruͤhren, ohne daß dieser den Thaͤter allemal wissen kann. </p> <p>Auch wenn er dabei betroffen wird, weiß er sich eine Art von Gegenwart des Geistes zu geben, und er geraͤth gleichsam in ein Erstaunen daruͤber, daß er dieß gewesen, dieß gethan haben sollte. </p> <p>Auch druͤckt er sich eben so in seinen Worten aus: »Jch? ich weiß ja gar nichts davon! Jch habe still gesessen! Jch habe mich nicht bewegt« — und dabei wendet er sich haͤufig zu seinem Nebenschuͤler, und will, daß dieser ein Zeuge fuͤr ihn und seine Unschuld seyn soll. </p><lb/> </div> </div> </body> </text> </TEI> [83/0085]
etwas verstimmt und aus dem graden Geleise der Natur herausgekommen zu seyn.
Sein Auge ist finster, es verengt sich, ohne kurzsichtig zu seyn, und sein Blick ist fast immer zur Erde geheftet.
Jn seiner Stirn liegen einige Falten, die etwas tuͤckisches und hartherziges verrathen, und die uͤberhaupt seinem Gesichte nicht vortheilhaft sind.
Er weiß seinen Mund durch eine kleine Biegung kleiner zu machen, und dadurch entsteht zugleich eine merkliche Bewegung an der Nase, die kein eigentliches Naseruͤmpfen ist, aber doch dergleichen Dienste thun soll.
Alles dies ist freilich keine Empfehlung fuͤr ihn, aber dies gilt auch von seinen Handlungen selbst.
Er weiß durch mannigfaltige Kruͤmmungen irgend einen seiner Mitschuͤler zu beruͤhren, ohne daß dieser den Thaͤter allemal wissen kann.
Auch wenn er dabei betroffen wird, weiß er sich eine Art von Gegenwart des Geistes zu geben, und er geraͤth gleichsam in ein Erstaunen daruͤber, daß er dieß gewesen, dieß gethan haben sollte.
Auch druͤckt er sich eben so in seinen Worten aus: »Jch? ich weiß ja gar nichts davon! Jch habe still gesessen! Jch habe mich nicht bewegt« — und dabei wendet er sich haͤufig zu seinem Nebenschuͤler, und will, daß dieser ein Zeuge fuͤr ihn und seine Unschuld seyn soll.
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| Zitationshilfe: | Moritz, Karl Philipp (Hrsg.): Gnothi sauton oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde. Bd. 4, St. 1. Berlin, 1786, S. 83. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/moritz_erfahrungsseelenkunde0401_1786/85>, abgerufen am 11.09.2024. |


