Moritz, Karl Philipp (Hrsg.): Gnothi sauton oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde. Bd. 4, St. 2. Berlin, 1786.
Dieser Stumme betete eben so wie Brüning die zweite Person in der Gottheit an, welches er durch Händefalten und gen Himmel gerichteten Blick bezeichnete, und seine Hochachtung gegen diese göttliche Person war ausserordentlich groß, welche er dadurch zu offenbaren suchte, daß so oft er diese Person zeigte, auch zugleich die Hand auf sein Herz zu verschiedenenmalen legte, durch welches er allezeit seine besondere Liebe gegen eine Person zu erkennen gab. Seit der Zeit, als ich ihn auf sein Fragen: wer denn Jesum in die Seite gestochen und ans Kreuz geschlagen habe? -- durch Zeichen geantwortet hatte, daß Juden an seinem Tode Schuld gewesen wären, so faste er den unversöhnlichsten Haß gegen dieses Volk, -- welcher Widerwille auch selbst durch meine öftere Vorstellungen, daß diese Leute nichts für ihre Väter könnten, aus seiner Seele nicht verbannt werden konnte; so oft er einen Menschen, den er an dem Barte für einen Juden erkannte, sah, brummte er vor lauter Unwillen, wieß, daß diese Leute den Heiland in die Seite gestochen hätten und daß der Blitz sie dafür tödten müßte. Sein Verlangen, zum heiligen Abendmahl zu gehen, war ganz ausserordentlich, welches freilich
Dieser Stumme betete eben so wie Bruͤning die zweite Person in der Gottheit an, welches er durch Haͤndefalten und gen Himmel gerichteten Blick bezeichnete, und seine Hochachtung gegen diese goͤttliche Person war ausserordentlich groß, welche er dadurch zu offenbaren suchte, daß so oft er diese Person zeigte, auch zugleich die Hand auf sein Herz zu verschiedenenmalen legte, durch welches er allezeit seine besondere Liebe gegen eine Person zu erkennen gab. Seit der Zeit, als ich ihn auf sein Fragen: wer denn Jesum in die Seite gestochen und ans Kreuz geschlagen habe? — durch Zeichen geantwortet hatte, daß Juden an seinem Tode Schuld gewesen waͤren, so faste er den unversoͤhnlichsten Haß gegen dieses Volk, — welcher Widerwille auch selbst durch meine oͤftere Vorstellungen, daß diese Leute nichts fuͤr ihre Vaͤter koͤnnten, aus seiner Seele nicht verbannt werden konnte; so oft er einen Menschen, den er an dem Barte fuͤr einen Juden erkannte, sah, brummte er vor lauter Unwillen, wieß, daß diese Leute den Heiland in die Seite gestochen haͤtten und daß der Blitz sie dafuͤr toͤdten muͤßte. Sein Verlangen, zum heiligen Abendmahl zu gehen, war ganz ausserordentlich, welches freilich <TEI> <text> <body> <div n="1"> <div n="2"> <div n="3"> <p><pb facs="#f0047" n="47"/><lb/> fahrung als ich besitzt, diese Arbeit uͤbernehmen wollte, und dabei die vortreflichen Vorschriften eines <hi rendition="#b"><persName ref="#ref0023"><note type="editorial">Heinicke, Samuel</note>Heinicke</persName></hi> oder <hi rendition="#b"><persName ref="#ref0139"><note type="editorial">l'Epée, Charles Michel de</note>de l'Eppee</persName></hi> zu benutzen Gelegenheit und Belieben haͤtte. </p> <p>Dieser Stumme betete eben so wie <hi rendition="#b">Bruͤning</hi> die zweite Person in der Gottheit an, welches er durch Haͤndefalten und gen Himmel gerichteten Blick bezeichnete, und seine Hochachtung gegen diese goͤttliche Person war ausserordentlich groß, welche er dadurch zu offenbaren suchte, daß so oft er diese Person zeigte, auch zugleich die Hand auf sein Herz zu verschiedenenmalen legte, durch welches er allezeit seine besondere Liebe gegen eine Person zu erkennen gab. Seit der Zeit, als ich ihn auf sein Fragen: wer denn Jesum in die Seite gestochen und ans Kreuz geschlagen habe? — durch Zeichen geantwortet hatte, daß Juden an seinem Tode Schuld gewesen waͤren, so faste er den unversoͤhnlichsten Haß gegen dieses Volk, — welcher Widerwille auch selbst durch meine oͤftere Vorstellungen, daß diese Leute nichts fuͤr ihre Vaͤter koͤnnten, aus seiner Seele nicht verbannt werden konnte; so oft er einen Menschen, den er an dem Barte fuͤr einen Juden erkannte, sah, brummte er vor lauter Unwillen, wieß, daß diese Leute den Heiland in die Seite gestochen haͤtten und daß der Blitz sie dafuͤr toͤdten muͤßte. </p> <p>Sein Verlangen, zum heiligen Abendmahl zu gehen, war ganz ausserordentlich, welches freilich<lb/></p> </div> </div> </div> </body> </text> </TEI> [47/0047]
fahrung als ich besitzt, diese Arbeit uͤbernehmen wollte, und dabei die vortreflichen Vorschriften eines Heinicke oder de l'Eppee zu benutzen Gelegenheit und Belieben haͤtte.
Dieser Stumme betete eben so wie Bruͤning die zweite Person in der Gottheit an, welches er durch Haͤndefalten und gen Himmel gerichteten Blick bezeichnete, und seine Hochachtung gegen diese goͤttliche Person war ausserordentlich groß, welche er dadurch zu offenbaren suchte, daß so oft er diese Person zeigte, auch zugleich die Hand auf sein Herz zu verschiedenenmalen legte, durch welches er allezeit seine besondere Liebe gegen eine Person zu erkennen gab. Seit der Zeit, als ich ihn auf sein Fragen: wer denn Jesum in die Seite gestochen und ans Kreuz geschlagen habe? — durch Zeichen geantwortet hatte, daß Juden an seinem Tode Schuld gewesen waͤren, so faste er den unversoͤhnlichsten Haß gegen dieses Volk, — welcher Widerwille auch selbst durch meine oͤftere Vorstellungen, daß diese Leute nichts fuͤr ihre Vaͤter koͤnnten, aus seiner Seele nicht verbannt werden konnte; so oft er einen Menschen, den er an dem Barte fuͤr einen Juden erkannte, sah, brummte er vor lauter Unwillen, wieß, daß diese Leute den Heiland in die Seite gestochen haͤtten und daß der Blitz sie dafuͤr toͤdten muͤßte.
Sein Verlangen, zum heiligen Abendmahl zu gehen, war ganz ausserordentlich, welches freilich
Suche im WerkInformationen zum Werk
Download dieses Werks
XML (TEI P5) ·
HTML ·
Text Metadaten zum WerkTEI-Header · CMDI · Dublin Core Ansichten dieser Seite
Voyant Tools
|
| URL zu diesem Werk: | https://www.deutschestextarchiv.de/moritz_erfahrungsseelenkunde0402_1786 |
| URL zu dieser Seite: | https://www.deutschestextarchiv.de/moritz_erfahrungsseelenkunde0402_1786/47 |
| Zitationshilfe: | Moritz, Karl Philipp (Hrsg.): Gnothi sauton oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde. Bd. 4, St. 2. Berlin, 1786, S. 47. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/moritz_erfahrungsseelenkunde0402_1786/47>, abgerufen am 23.09.2024. |


