Moritz, Karl Philipp (Hrsg.): Gnothi sauton oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde. Bd. 4, St. 2. Berlin, 1786.
Schacks Mutter hatte in ihren Mädchenjahren nie eine Neigung zum Heirathen gefühlt, -- eine Neigung, die doch sonst jungen Frauenzimmern sehr natürlich seyn soll; sondern hatte sichs vielmehr immer als das größte Glück gedacht, nach dem Tode ihrer Eltern als eine alte Jungfer in einem Kloster leben und sterben zu können. Ein Wunsch, der ohnstreitig durch ihr etwas kaltes Temperament, und durch das viele Lesen mystischer Bücher, welche im Hause ihres Vaters im größten Kredit standen, erzeugt worden war, und sich anfangs durch keinen Freier aus ihrem Herzen treiben ließ. Dreimahl hatte ihr nachheriger Mann persönlich, und mit aller Beredsamkeit, die ein feuriger Liebhaber nur immer für sein zärtliches Jnteresse anwenden kann, um ihre Hand angehalten; er hatte die herzbrechendsten Briefe an sie geschrieben; aber jedesmahl
Schacks Mutter hatte in ihren Maͤdchenjahren nie eine Neigung zum Heirathen gefuͤhlt, — eine Neigung, die doch sonst jungen Frauenzimmern sehr natuͤrlich seyn soll; sondern hatte sichs vielmehr immer als das groͤßte Gluͤck gedacht, nach dem Tode ihrer Eltern als eine alte Jungfer in einem Kloster leben und sterben zu koͤnnen. Ein Wunsch, der ohnstreitig durch ihr etwas kaltes Temperament, und durch das viele Lesen mystischer Buͤcher, welche im Hause ihres Vaters im groͤßten Kredit standen, erzeugt worden war, und sich anfangs durch keinen Freier aus ihrem Herzen treiben ließ. Dreimahl hatte ihr nachheriger Mann persoͤnlich, und mit aller Beredsamkeit, die ein feuriger Liebhaber nur immer fuͤr sein zaͤrtliches Jnteresse anwenden kann, um ihre Hand angehalten; er hatte die herzbrechendsten Briefe an sie geschrieben; aber jedesmahl <TEI> <text> <body> <div n="1"> <div n="2"> <div n="3"> <div n="4"> <p><pb facs="#f0100" n="100"/><lb/> Bibel vier- und Arnds wahres Christenthum achtmahl durchgelesen. Dadurch war sie nun das froͤmmste Maͤdchen in der ganzen Gegend geworden, und dieß hatte ihrem ganzen weiblichen Charakter so etwas ausnehmend Sanftes, Andaͤchtiges und Unschuldiges gegeben, daß sich ihre Eltern im Besitz eines solchen Kindes unendlich gluͤcklich fuͤhlten, und sie immer ihrer aͤltern Schwester, die ihnen zu lebhaft war, und noch jetzt beinahe in einem Alter von siebenzig Jahren die Lebhaftigkeit eines jungen Maͤdchens hat, als das beste Muster der weiblichen Sittsamkeit vorzustellen pflegten. — </p> <p>Schacks Mutter hatte in ihren Maͤdchenjahren nie eine Neigung zum Heirathen gefuͤhlt, — eine Neigung, die doch sonst jungen Frauenzimmern sehr natuͤrlich seyn soll; sondern hatte sichs vielmehr immer als das groͤßte Gluͤck gedacht, nach dem Tode ihrer Eltern als eine alte Jungfer in einem Kloster leben und sterben zu koͤnnen. Ein Wunsch, der ohnstreitig durch ihr etwas kaltes Temperament, und durch das viele Lesen mystischer Buͤcher, welche im Hause ihres Vaters im groͤßten Kredit standen, erzeugt worden war, und sich anfangs durch keinen Freier aus ihrem Herzen treiben ließ. Dreimahl hatte ihr nachheriger Mann persoͤnlich, und mit aller Beredsamkeit, die ein feuriger Liebhaber nur immer fuͤr sein zaͤrtliches Jnteresse anwenden kann, um ihre Hand angehalten; er hatte die herzbrechendsten Briefe an sie geschrieben; aber jedesmahl<lb/></p> </div> </div> </div> </div> </body> </text> </TEI> [100/0100]
Bibel vier- und Arnds wahres Christenthum achtmahl durchgelesen. Dadurch war sie nun das froͤmmste Maͤdchen in der ganzen Gegend geworden, und dieß hatte ihrem ganzen weiblichen Charakter so etwas ausnehmend Sanftes, Andaͤchtiges und Unschuldiges gegeben, daß sich ihre Eltern im Besitz eines solchen Kindes unendlich gluͤcklich fuͤhlten, und sie immer ihrer aͤltern Schwester, die ihnen zu lebhaft war, und noch jetzt beinahe in einem Alter von siebenzig Jahren die Lebhaftigkeit eines jungen Maͤdchens hat, als das beste Muster der weiblichen Sittsamkeit vorzustellen pflegten. —
Schacks Mutter hatte in ihren Maͤdchenjahren nie eine Neigung zum Heirathen gefuͤhlt, — eine Neigung, die doch sonst jungen Frauenzimmern sehr natuͤrlich seyn soll; sondern hatte sichs vielmehr immer als das groͤßte Gluͤck gedacht, nach dem Tode ihrer Eltern als eine alte Jungfer in einem Kloster leben und sterben zu koͤnnen. Ein Wunsch, der ohnstreitig durch ihr etwas kaltes Temperament, und durch das viele Lesen mystischer Buͤcher, welche im Hause ihres Vaters im groͤßten Kredit standen, erzeugt worden war, und sich anfangs durch keinen Freier aus ihrem Herzen treiben ließ. Dreimahl hatte ihr nachheriger Mann persoͤnlich, und mit aller Beredsamkeit, die ein feuriger Liebhaber nur immer fuͤr sein zaͤrtliches Jnteresse anwenden kann, um ihre Hand angehalten; er hatte die herzbrechendsten Briefe an sie geschrieben; aber jedesmahl
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| Zitationshilfe: | Moritz, Karl Philipp (Hrsg.): Gnothi sauton oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde. Bd. 4, St. 2. Berlin, 1786, S. 100. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/moritz_erfahrungsseelenkunde0402_1786/100>, abgerufen am 11.09.2024. |


