Moritz, Karl Philipp (Hrsg.): Gnothi sauton oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde. Bd. 4, St. 2. Berlin, 1786.
Dieß und der derbe Verweis, welchen Schack von seinem Vater bekam, und vornehmlich, daß dieser seiner Gattin den Teller aus der Hand nahm, welchen sie dem ungestümen Forderer zuerst reichen wollte, brachte ihn ganz ausser sich. Er fühlte einen innern Drang sich zu rächen, und seine Wuth fand auch bald ein bequemes Mittel dazu; er ergrif hastig den vor ihm liegenden zinnernen Löffel, und warf ihn seinem Vater ins Angesicht. Schacks Vater erschrack nicht wenig über diesen kühnen Streich seines zweijährigen Kindes. So lieb er auch den feurigen Jungen hatte, so konnte er sich doch nicht enthalten, ihn derb zu züchtigen, und diese Scene steht noch lebhaft mit allen Umständen vor Schacks Augen, ob sie gleich vor etlichen zwanzig Jahren geschehen ist. --
Dieß und der derbe Verweis, welchen Schack von seinem Vater bekam, und vornehmlich, daß dieser seiner Gattin den Teller aus der Hand nahm, welchen sie dem ungestuͤmen Forderer zuerst reichen wollte, brachte ihn ganz ausser sich. Er fuͤhlte einen innern Drang sich zu raͤchen, und seine Wuth fand auch bald ein bequemes Mittel dazu; er ergrif hastig den vor ihm liegenden zinnernen Loͤffel, und warf ihn seinem Vater ins Angesicht. Schacks Vater erschrack nicht wenig uͤber diesen kuͤhnen Streich seines zweijaͤhrigen Kindes. So lieb er auch den feurigen Jungen hatte, so konnte er sich doch nicht enthalten, ihn derb zu zuͤchtigen, und diese Scene steht noch lebhaft mit allen Umstaͤnden vor Schacks Augen, ob sie gleich vor etlichen zwanzig Jahren geschehen ist. — <TEI> <text> <body> <div n="1"> <div n="2"> <div n="3"> <div n="4"> <p><pb facs="#f0107" n="107"/><lb/> noch auch den juͤngern vor den aͤltern Vorzuͤge einzuraͤumen. Er sahe es ein, daß jenes Verwoͤhnen eine vernuͤnftige Erziehung unendlich erschweren, wo nicht gar fruchtlos machen, und daß dieses Einraͤumen gewisser Vorzuͤge leicht die traurigsten Erbitterungen zwischen Eltern und Kindern oft lebenslang verursachen koͤnne. Schack bekam daher nicht zuerst von der Suppe, die er ohnedem mit so vielem Ungestuͤm gefodert hatte; sondern mußte zu seinem groͤßten Verdruß warten, bis die aͤltern Geschwister nach der Reihe ihren Theil bekommen hatten. — </p> <p>Dieß und der derbe Verweis, welchen Schack von seinem Vater bekam, und vornehmlich, daß dieser seiner Gattin den Teller aus der Hand nahm, welchen sie dem ungestuͤmen Forderer zuerst reichen wollte, brachte ihn ganz ausser sich. Er fuͤhlte einen innern Drang sich zu raͤchen, und seine Wuth fand auch bald ein bequemes Mittel dazu; er ergrif hastig den vor ihm liegenden zinnernen Loͤffel, und warf ihn seinem Vater ins Angesicht. Schacks Vater erschrack nicht wenig uͤber diesen kuͤhnen Streich seines zweijaͤhrigen Kindes. So lieb er auch den feurigen Jungen hatte, so konnte er sich doch nicht enthalten, ihn derb zu zuͤchtigen, und diese Scene steht noch lebhaft mit allen Umstaͤnden vor Schacks Augen, ob sie gleich vor etlichen zwanzig Jahren geschehen ist. — </p> <milestone rendition="#hr" unit="section"/><lb/> </div> </div> </div> </div> </body> </text> </TEI> [107/0107]
noch auch den juͤngern vor den aͤltern Vorzuͤge einzuraͤumen. Er sahe es ein, daß jenes Verwoͤhnen eine vernuͤnftige Erziehung unendlich erschweren, wo nicht gar fruchtlos machen, und daß dieses Einraͤumen gewisser Vorzuͤge leicht die traurigsten Erbitterungen zwischen Eltern und Kindern oft lebenslang verursachen koͤnne. Schack bekam daher nicht zuerst von der Suppe, die er ohnedem mit so vielem Ungestuͤm gefodert hatte; sondern mußte zu seinem groͤßten Verdruß warten, bis die aͤltern Geschwister nach der Reihe ihren Theil bekommen hatten. —
Dieß und der derbe Verweis, welchen Schack von seinem Vater bekam, und vornehmlich, daß dieser seiner Gattin den Teller aus der Hand nahm, welchen sie dem ungestuͤmen Forderer zuerst reichen wollte, brachte ihn ganz ausser sich. Er fuͤhlte einen innern Drang sich zu raͤchen, und seine Wuth fand auch bald ein bequemes Mittel dazu; er ergrif hastig den vor ihm liegenden zinnernen Loͤffel, und warf ihn seinem Vater ins Angesicht. Schacks Vater erschrack nicht wenig uͤber diesen kuͤhnen Streich seines zweijaͤhrigen Kindes. So lieb er auch den feurigen Jungen hatte, so konnte er sich doch nicht enthalten, ihn derb zu zuͤchtigen, und diese Scene steht noch lebhaft mit allen Umstaͤnden vor Schacks Augen, ob sie gleich vor etlichen zwanzig Jahren geschehen ist. —
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| Zitationshilfe: | Moritz, Karl Philipp (Hrsg.): Gnothi sauton oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde. Bd. 4, St. 2. Berlin, 1786, S. 107. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/moritz_erfahrungsseelenkunde0402_1786/107>, abgerufen am 11.09.2024. |


