Moritz, Karl Philipp (Hrsg.): Gnothi sauton oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde. Bd. 4, St. 2. Berlin, 1786.
Der Schulmeister P** hatte den Ton der Frömmigkeit, der in des Jnspektors Hause herrschte, abgelernt. Er wußte seine Stirne so heilig zu falten, und seine Augen so andächtig zu verdrehen, daß ihn Frosch für einen kreutzbraven Mann hielt, ob er gleich diesen kreutzbraven Mann gebrauchte, einen armen Prediger zu kränken, der keinen Beruf in sich fühlte, zur Zahl seiner Gläubigen zu gehören. Alle Bubenstücke des Schulmeisters blieben also ungestraft, und der alte Fluur mußte sie -- ohne Rettung, tragen. -- Es ist unglaublich, wie hämisch und ungerecht manche Jnspektoren mit den armen Landpredigern umgehen, und wie weit sie ihre Begriffe von Subordination über sie ausdehnen. Jch habe die rechtschaffensten und würdigsten Landgeistlichen gekannt, welche von jenen auf die unedelste Art verfolgt und zurückgesetzt wurden, weil sie nicht ihrem Stolze fröhnen, und ihrer Küche dienen wollten. Hingegen hab' ich andere gefunden, welche nicht die Stelle eines Kirchhüters, geschweige eines Predi-
Der Schulmeister P** hatte den Ton der Froͤmmigkeit, der in des Jnspektors Hause herrschte, abgelernt. Er wußte seine Stirne so heilig zu falten, und seine Augen so andaͤchtig zu verdrehen, daß ihn Frosch fuͤr einen kreutzbraven Mann hielt, ob er gleich diesen kreutzbraven Mann gebrauchte, einen armen Prediger zu kraͤnken, der keinen Beruf in sich fuͤhlte, zur Zahl seiner Glaͤubigen zu gehoͤren. Alle Bubenstuͤcke des Schulmeisters blieben also ungestraft, und der alte Fluur mußte sie — ohne Rettung, tragen. — Es ist unglaublich, wie haͤmisch und ungerecht manche Jnspektoren mit den armen Landpredigern umgehen, und wie weit sie ihre Begriffe von Subordination uͤber sie ausdehnen. Jch habe die rechtschaffensten und wuͤrdigsten Landgeistlichen gekannt, welche von jenen auf die unedelste Art verfolgt und zuruͤckgesetzt wurden, weil sie nicht ihrem Stolze froͤhnen, und ihrer Kuͤche dienen wollten. Hingegen hab' ich andere gefunden, welche nicht die Stelle eines Kirchhuͤters, geschweige eines Predi- <TEI> <text> <body> <div n="1"> <div n="2"> <div n="3"> <div n="4"> <p><pb facs="#f0119" n="119"/><lb/> bigen gehoͤrten, waren jener uͤbermuͤthigen Behandlung ausgesetzt. Oft wuͤrdigte er sie nicht einmahl seines Anblicks, sondern ließ sie durch seinen Sekretaͤr, einen der groͤßten geistlichen Schurken, abweisen, welcher sich dabei ein nicht geringes despotisches Ansehn zu geben wußte, und in der That einen großen Einfluß in die Direktion des Kirchsprengels hatte. — </p> <p>Der Schulmeister <hi rendition="#b">P**</hi> hatte den Ton der Froͤmmigkeit, der in des Jnspektors Hause herrschte, abgelernt. Er wußte seine Stirne so heilig zu falten, und seine Augen so andaͤchtig zu verdrehen, daß ihn Frosch fuͤr einen kreutzbraven Mann hielt, ob er gleich diesen kreutzbraven Mann gebrauchte, einen armen Prediger zu kraͤnken, der keinen Beruf in sich fuͤhlte, zur Zahl seiner Glaͤubigen zu gehoͤren. Alle Bubenstuͤcke des Schulmeisters blieben also ungestraft, und der alte Fluur mußte sie — ohne Rettung, tragen. — </p> <p>Es ist unglaublich, wie haͤmisch und ungerecht manche Jnspektoren mit den armen Landpredigern umgehen, und wie weit sie ihre Begriffe von Subordination uͤber sie ausdehnen. Jch habe die rechtschaffensten und wuͤrdigsten Landgeistlichen gekannt, welche von jenen auf die unedelste Art verfolgt und zuruͤckgesetzt wurden, weil sie nicht ihrem Stolze froͤhnen, und ihrer Kuͤche dienen wollten. Hingegen hab' ich andere gefunden, welche nicht die Stelle eines Kirchhuͤters, geschweige eines Predi-<lb/></p> </div> </div> </div> </div> </body> </text> </TEI> [119/0119]
bigen gehoͤrten, waren jener uͤbermuͤthigen Behandlung ausgesetzt. Oft wuͤrdigte er sie nicht einmahl seines Anblicks, sondern ließ sie durch seinen Sekretaͤr, einen der groͤßten geistlichen Schurken, abweisen, welcher sich dabei ein nicht geringes despotisches Ansehn zu geben wußte, und in der That einen großen Einfluß in die Direktion des Kirchsprengels hatte. —
Der Schulmeister P** hatte den Ton der Froͤmmigkeit, der in des Jnspektors Hause herrschte, abgelernt. Er wußte seine Stirne so heilig zu falten, und seine Augen so andaͤchtig zu verdrehen, daß ihn Frosch fuͤr einen kreutzbraven Mann hielt, ob er gleich diesen kreutzbraven Mann gebrauchte, einen armen Prediger zu kraͤnken, der keinen Beruf in sich fuͤhlte, zur Zahl seiner Glaͤubigen zu gehoͤren. Alle Bubenstuͤcke des Schulmeisters blieben also ungestraft, und der alte Fluur mußte sie — ohne Rettung, tragen. —
Es ist unglaublich, wie haͤmisch und ungerecht manche Jnspektoren mit den armen Landpredigern umgehen, und wie weit sie ihre Begriffe von Subordination uͤber sie ausdehnen. Jch habe die rechtschaffensten und wuͤrdigsten Landgeistlichen gekannt, welche von jenen auf die unedelste Art verfolgt und zuruͤckgesetzt wurden, weil sie nicht ihrem Stolze froͤhnen, und ihrer Kuͤche dienen wollten. Hingegen hab' ich andere gefunden, welche nicht die Stelle eines Kirchhuͤters, geschweige eines Predi-
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| Zitationshilfe: | Moritz, Karl Philipp (Hrsg.): Gnothi sauton oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde. Bd. 4, St. 2. Berlin, 1786, S. 119. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/moritz_erfahrungsseelenkunde0402_1786/119>, abgerufen am 11.09.2024. |


