Moritz, Karl Philipp (Hrsg.): Gnothi sauton oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde. Bd. 4, St. 2. Berlin, 1786.
Jn der Schule tyrannisirte der Schulmeister P** wie ein afrikanischer Prinz über seine Sklaven. Vornehmlich traf sein Bakel, so nannten die Kinder mit einer unbeschreiblichen Ehrfurcht seinen glatt wie Elfenbein geschlagenen Präceptorstock, diejenigen, deren Eltern ihm keine außerordentlichen Geschenke machten, oder ihn nach seiner Meinung nicht ehrerbietig genug grüßten. Ein anderes Jnstrument, das er beständig bei der Hand hatte, war eine birkene Ruthe, die alle Morgen, um ihr zu ihren pädagogischen Funktionen destomehr Geschmeidigkeit und Elasticität zu geben, in Wasser eingeweicht wurde. Mit dieser wurden die kleinern Kinder gezüchtigt. Die Ehre, mit dem Bakel geschlagen zu werden, genossen die Größern nur vorzugsweise, und daher entstand die sonderbare pädagogische Eintheilung seiner Zöglinge, in die, welche unter dem Bakel, und die, welche unter der Ruthe standen. -- Jch will noch einiges von seinem Schulunterrichte sagen, welcher der unvernünftigste von der Welt war, und gewiß noch viel seinesgleichen auf dem Lande haben mag, so viel auch seit einiger Zeit von einsichtsvollen Pädagogen zur bessern Einrich-
Jn der Schule tyrannisirte der Schulmeister P** wie ein afrikanischer Prinz uͤber seine Sklaven. Vornehmlich traf sein Bakel, so nannten die Kinder mit einer unbeschreiblichen Ehrfurcht seinen glatt wie Elfenbein geschlagenen Praͤceptorstock, diejenigen, deren Eltern ihm keine außerordentlichen Geschenke machten, oder ihn nach seiner Meinung nicht ehrerbietig genug gruͤßten. Ein anderes Jnstrument, das er bestaͤndig bei der Hand hatte, war eine birkene Ruthe, die alle Morgen, um ihr zu ihren paͤdagogischen Funktionen destomehr Geschmeidigkeit und Elasticitaͤt zu geben, in Wasser eingeweicht wurde. Mit dieser wurden die kleinern Kinder gezuͤchtigt. Die Ehre, mit dem Bakel geschlagen zu werden, genossen die Groͤßern nur vorzugsweise, und daher entstand die sonderbare paͤdagogische Eintheilung seiner Zoͤglinge, in die, welche unter dem Bakel, und die, welche unter der Ruthe standen. — Jch will noch einiges von seinem Schulunterrichte sagen, welcher der unvernuͤnftigste von der Welt war, und gewiß noch viel seinesgleichen auf dem Lande haben mag, so viel auch seit einiger Zeit von einsichtsvollen Paͤdagogen zur bessern Einrich- <TEI> <text> <body> <div n="1"> <div n="2"> <div n="3"> <div n="4"> <p><pb facs="#f0120" n="120"/><lb/> gers verdienten, und doch von ihren Jnspektoren auf alle Art beguͤnstigt wurden, weil sie niedertraͤchtig zu kriechen, und fuͤr die — Speisekammer der Frau Jnspektorin, oder der Frau Raͤthin zu sorgen wußten. — </p> <milestone rendition="#hr" unit="section"/> <p>Jn der Schule tyrannisirte der Schulmeister <hi rendition="#b">P**</hi> wie ein afrikanischer Prinz uͤber seine Sklaven. Vornehmlich traf sein Bakel, so nannten die Kinder mit einer unbeschreiblichen Ehrfurcht seinen glatt wie Elfenbein geschlagenen Praͤceptorstock, diejenigen, deren Eltern ihm keine außerordentlichen Geschenke machten, oder ihn nach seiner Meinung nicht ehrerbietig genug gruͤßten. Ein anderes Jnstrument, das er bestaͤndig bei der Hand hatte, war eine birkene Ruthe, die alle Morgen, um ihr zu ihren paͤdagogischen Funktionen destomehr Geschmeidigkeit und Elasticitaͤt zu geben, in Wasser eingeweicht wurde. Mit dieser wurden die kleinern Kinder gezuͤchtigt. Die Ehre, mit dem Bakel geschlagen zu werden, genossen die Groͤßern nur vorzugsweise, und daher entstand die sonderbare paͤdagogische Eintheilung seiner Zoͤglinge, in die, welche unter dem Bakel, und die, welche unter der Ruthe standen. —</p> <p>Jch will noch einiges von seinem Schulunterrichte sagen, welcher der unvernuͤnftigste von der Welt war, und gewiß noch viel seinesgleichen auf dem Lande haben mag, so viel auch seit einiger Zeit von einsichtsvollen Paͤdagogen zur bessern Einrich-<lb/></p> </div> </div> </div> </div> </body> </text> </TEI> [120/0120]
gers verdienten, und doch von ihren Jnspektoren auf alle Art beguͤnstigt wurden, weil sie niedertraͤchtig zu kriechen, und fuͤr die — Speisekammer der Frau Jnspektorin, oder der Frau Raͤthin zu sorgen wußten. —
Jn der Schule tyrannisirte der Schulmeister P** wie ein afrikanischer Prinz uͤber seine Sklaven. Vornehmlich traf sein Bakel, so nannten die Kinder mit einer unbeschreiblichen Ehrfurcht seinen glatt wie Elfenbein geschlagenen Praͤceptorstock, diejenigen, deren Eltern ihm keine außerordentlichen Geschenke machten, oder ihn nach seiner Meinung nicht ehrerbietig genug gruͤßten. Ein anderes Jnstrument, das er bestaͤndig bei der Hand hatte, war eine birkene Ruthe, die alle Morgen, um ihr zu ihren paͤdagogischen Funktionen destomehr Geschmeidigkeit und Elasticitaͤt zu geben, in Wasser eingeweicht wurde. Mit dieser wurden die kleinern Kinder gezuͤchtigt. Die Ehre, mit dem Bakel geschlagen zu werden, genossen die Groͤßern nur vorzugsweise, und daher entstand die sonderbare paͤdagogische Eintheilung seiner Zoͤglinge, in die, welche unter dem Bakel, und die, welche unter der Ruthe standen. —
Jch will noch einiges von seinem Schulunterrichte sagen, welcher der unvernuͤnftigste von der Welt war, und gewiß noch viel seinesgleichen auf dem Lande haben mag, so viel auch seit einiger Zeit von einsichtsvollen Paͤdagogen zur bessern Einrich-
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| Zitationshilfe: | Moritz, Karl Philipp (Hrsg.): Gnothi sauton oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde. Bd. 4, St. 2. Berlin, 1786, S. 120. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/moritz_erfahrungsseelenkunde0402_1786/120>, abgerufen am 11.09.2024. |


