Moritz, Karl Philipp (Hrsg.): Gnothi sauton oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde. Bd. 4, St. 2. Berlin, 1786.
Sobald die Schulkinder des Morgens, ohngefähr sechzig an der Zahl, zusammengekommen waren, trat der Herr Ludimagister mit einer ernsten Miene in die Schulstube, wurde allgemein begrüßt, wobei er nur mit einem Kopfnicken dankte, und begann alsdenn ein Morgenlied, welches aus dem abscheulichsten Geplärr untereinander disharmonirender grober und feiner Stimmen bestand, worin jeder den andern zu überschreien suchte, und zwischen welchen sich ein schnarrender durch die Nase gezogener Baß des Schulmeisters hören ließ. Wer noch nie so etwas gehört hat, kann sich keinen Begrif davon machen, wie unregelmäßig und unanständig die Kinder ins Gelag hineinschrien, -- und man kann leicht denken, wie wenig durch einen solchen Gesang das wahre und innige Gefühl der Andacht und Gottesfurcht in den Herzen junger Leute erregt werden mochte. Nach dem Liede folgte ein langer sogenannter Morgensegen, den eins von den größern Kindern vorbetete, und welchen jedes andere, so gut als es konnte, nachmurmeln mußte, so, daß man nichts anders, als einen sausenden Bienenschwarm
Sobald die Schulkinder des Morgens, ohngefaͤhr sechzig an der Zahl, zusammengekommen waren, trat der Herr Ludimagister mit einer ernsten Miene in die Schulstube, wurde allgemein begruͤßt, wobei er nur mit einem Kopfnicken dankte, und begann alsdenn ein Morgenlied, welches aus dem abscheulichsten Geplaͤrr untereinander disharmonirender grober und feiner Stimmen bestand, worin jeder den andern zu uͤberschreien suchte, und zwischen welchen sich ein schnarrender durch die Nase gezogener Baß des Schulmeisters hoͤren ließ. Wer noch nie so etwas gehoͤrt hat, kann sich keinen Begrif davon machen, wie unregelmaͤßig und unanstaͤndig die Kinder ins Gelag hineinschrien, — und man kann leicht denken, wie wenig durch einen solchen Gesang das wahre und innige Gefuͤhl der Andacht und Gottesfurcht in den Herzen junger Leute erregt werden mochte. Nach dem Liede folgte ein langer sogenannter Morgensegen, den eins von den groͤßern Kindern vorbetete, und welchen jedes andere, so gut als es konnte, nachmurmeln mußte, so, daß man nichts anders, als einen sausenden Bienenschwarm <TEI> <text> <body> <div n="1"> <div n="2"> <div n="3"> <div n="4"> <p><pb facs="#f0121" n="121"/><lb/> tung der Landschuͤler, und sonderlich von dem verdienstvollen Herrn von Rochow geschrieben worden ist, dessen Lehrbuͤcher wegen ihrer anerkannten Zweckmaͤßigkeit und Deutlichkeit, und wegen des sichtbarsten Nutzens, den sie da stiften, wo man sie gebraucht, in allen Dorfschulen Deutschlands eingefuͤhrt zu werden verdienten. — </p> <p>Sobald die Schulkinder des Morgens, ohngefaͤhr sechzig an der Zahl, zusammengekommen waren, trat der Herr Ludimagister mit einer ernsten Miene in die Schulstube, wurde allgemein begruͤßt, wobei er nur mit einem Kopfnicken dankte, und begann alsdenn ein Morgenlied, welches aus dem abscheulichsten Geplaͤrr untereinander disharmonirender grober und feiner Stimmen bestand, worin jeder den andern zu uͤberschreien suchte, und zwischen welchen sich ein schnarrender durch die Nase gezogener Baß des Schulmeisters hoͤren ließ. Wer noch nie so etwas gehoͤrt hat, kann sich keinen Begrif davon machen, wie unregelmaͤßig und unanstaͤndig die Kinder ins Gelag hineinschrien, — und man kann leicht denken, wie wenig durch einen solchen Gesang das wahre und innige Gefuͤhl der Andacht und Gottesfurcht in den Herzen junger Leute erregt werden mochte. Nach dem Liede folgte ein langer sogenannter Morgensegen, den eins von den groͤßern Kindern vorbetete, und welchen jedes andere, so gut als es konnte, nachmurmeln mußte, so, daß man nichts anders, als einen sausenden Bienenschwarm<lb/></p> </div> </div> </div> </div> </body> </text> </TEI> [121/0121]
tung der Landschuͤler, und sonderlich von dem verdienstvollen Herrn von Rochow geschrieben worden ist, dessen Lehrbuͤcher wegen ihrer anerkannten Zweckmaͤßigkeit und Deutlichkeit, und wegen des sichtbarsten Nutzens, den sie da stiften, wo man sie gebraucht, in allen Dorfschulen Deutschlands eingefuͤhrt zu werden verdienten. —
Sobald die Schulkinder des Morgens, ohngefaͤhr sechzig an der Zahl, zusammengekommen waren, trat der Herr Ludimagister mit einer ernsten Miene in die Schulstube, wurde allgemein begruͤßt, wobei er nur mit einem Kopfnicken dankte, und begann alsdenn ein Morgenlied, welches aus dem abscheulichsten Geplaͤrr untereinander disharmonirender grober und feiner Stimmen bestand, worin jeder den andern zu uͤberschreien suchte, und zwischen welchen sich ein schnarrender durch die Nase gezogener Baß des Schulmeisters hoͤren ließ. Wer noch nie so etwas gehoͤrt hat, kann sich keinen Begrif davon machen, wie unregelmaͤßig und unanstaͤndig die Kinder ins Gelag hineinschrien, — und man kann leicht denken, wie wenig durch einen solchen Gesang das wahre und innige Gefuͤhl der Andacht und Gottesfurcht in den Herzen junger Leute erregt werden mochte. Nach dem Liede folgte ein langer sogenannter Morgensegen, den eins von den groͤßern Kindern vorbetete, und welchen jedes andere, so gut als es konnte, nachmurmeln mußte, so, daß man nichts anders, als einen sausenden Bienenschwarm
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| Zitationshilfe: | Moritz, Karl Philipp (Hrsg.): Gnothi sauton oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde. Bd. 4, St. 2. Berlin, 1786, S. 121. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/moritz_erfahrungsseelenkunde0402_1786/121>, abgerufen am 11.09.2024. |


